Die 22 Thesen von Palantir-Chef Alex Karp: Deutung und Reaktionen
Alex Karp, der Vorstandsvorsitzende des Datenanalyse-Unternehmens Palantir, sorgt derzeit mit einer provokativen Wortmeldung für Aufsehen. Am 18. April veröffentlichte der offizielle X-Account des Technologiekonzerns ein Manifest mit 22 Thesen. Diese fassen die zentralen Ideen seines gemeinsam mit Palantir-Kommunikationschef Nicholas Zamiska verfassten Buchs “The Technological Republic: Hard Power, Soft Belief, and the Future of the West” zusammen.
Die Veröffentlichung entwickelte sich schnell zum viralen Phänomen: Innerhalb von etwa zehn Tagen wurde sie mehr als 35 Millionen Mal auf X angezeigt. Die Zustimmung zu den Thesen fällt im Verhältnis zu ihrer enormen Reichweite jedoch überschaubar aus. Gemessen an der Zahl der “Gefällt mir”-Angaben findet Karps Ideologie nur bei etwa einem von tausend Nutzern Anklang.
Eine Ideologie der Überlegenheit
Viele der Aussagen transportieren eine Vorstellung von der angeborenen Überlegenheit der US-amerikanischen und der westlichen Zivilisation. Für nichtamerikanische Leser und selbst für viele US-Bürger wirkt diese Ideologie befremdlich und beunruhigend. Kritiker sehen darin Parallelen zur sogenannten Herrenmenschen-Ideologie des deutschen Faschismus. Besonders deutlich tritt dieser Gedanke in den Thesen 13 und 14 zutage, in denen Karp den amerikanischen Exzeptionalismus zelebriert. Er behauptet, kein anderes Land der Weltgeschichte habe fortschrittliche Werte stärker vorangetrieben als die USA. Kritiker würden übersehen, “wie viel mehr Chancen es in diesem Land für diejenigen gibt, die nicht zur ererbten Elite gehören, als in jeder anderen Nation auf diesem Planeten”.
Die Macht der USA habe, so Karp weiter, “einen außergewöhnlich langen Frieden” ermöglicht. Dabei ignoriert er, dass es nach 1945 kein einziges Jahr ohne bewaffnete Konflikte gab, und unterschlägt die zahlreichen militärischen Interventionen der USA im Ausland. Sein Geschichtsbild im Originalton: “Zu viele haben vergessen oder halten es vielleicht für selbstverständlich, dass fast ein Jahrhundert lang eine Form des Friedens in der Welt herrschte, ohne dass es zu einem militärischen Konflikt zwischen Großmächten kam. Mindestens drei Generationen – Milliarden von Menschen und ihre Kinder und nun Enkelkinder – haben nie einen Weltkrieg erlebt.”
Von der Gleichheit aller Völker und Kulturen hält Karp wenig. In These 21 argumentiert er, einige Kulturen hätten “entscheidende Fortschritte hervorgebracht”, während andere “dysfunktional und rückschrittlich” geblieben seien. Das Dogma der Gleichwertigkeit aller Kulturen, das Kritik und Werturteile verbiete, verschleiere “die Tatsache, dass bestimmte Kulturen und sogar Subkulturen Wunder hervorgebracht haben”, andere sich jedoch als “mittelmäßig (…), ja sogar als rückschrittlich und schädlich” erwiesen hätten. Man müsse der “oberflächlichen Versuchung eines leeren und hohlen Pluralismus” widerstehen.
Militarisierung der Technologie und der Gesellschaft
Bereits der erste Punkt des Manifests postuliert eine Pflicht der Unternehmen des Silicon Valley, sich an der “Verteidigung der Nation” – gemeint ist die der USA – zu beteiligen. Was der Milliardär damit meint, wird in These 4 deutlich: “Damit sich freie und demokratische Gesellschaften durchsetzen können, bedarf es mehr als nur moralischer Appelle. Es bedarf harter Macht, und harte Macht wird in diesem Jahrhundert auf Software basieren.”
Die Frage sei nicht, ob KI-Waffen entwickelt würden, sondern von wem und zu welchem Zweck (These 5). Zudem argumentiert der Palantir-CEO, dass das Atomzeitalter zu Ende gehe und die nächste Ära der Abschreckung auf Künstlicher Intelligenz beruhen werde. Daher sei es unerlässlich, dass US-Techunternehmen KI-Waffen entwickeln. Karp setzt sich auch über sein Kerngeschäft hinaus für eine stärkere Mobilisierung und Militarisierung der US-Gesellschaft ein. In These 6 fordert er die allgemeine Wehrpflicht: “Wir sollten als Gesellschaft ernsthaft darüber nachdenken, uns von einer reinen Freiwilligenarmee zu verabschieden, und den nächsten Krieg nur dann führen, wenn alle das Risiko und die Kosten tragen.”
“Wenn ein US-Marine nach einem besseren Gewehr fragt, sollten wir es bauen; dasselbe gilt für Software” (These 7). Die USA sollten “in der Lage sein, eine Debatte über die Angemessenheit militärischer Einsätze im Ausland fortzusetzen und gleichzeitig unbeirrt an unserem Engagement für diejenigen festzuhalten, die wir gebeten haben, sich in Gefahr zu begeben.”
Scharfe Kritik und Eigeninteresse
Kritiker werfen Karp vor, eine gefährliche ideologische Agenda zu verfolgen. Die 22 Thesen verschmelzen die Forderung nach militärischer Aufrüstung mit KI-Waffen mit einer Rhetorik kultureller Überlegenheit. Der griechische Ökonom und ehemalige Finanzminister Yanis Varoufakis betont in einem Gastbeitrag für The Point, dass die heutigen Tech-Giganten eine neue Ideologie bräuchten, um ihre Herrschaft zu legitimieren. Der Technologie-Philosoph Mark Coeckelbergh von der Universität Wien sieht in dem Manifest “ein perfektes Beispiel für ‘Techno-Faschismus'”. Dieser Begriff beschreibt eine Strömung, in der technologische Eliten quasi-politische Autorität ausüben und digitale Infrastrukturen demokratische Prozesse ersetzen.
Die ARD-Tagesschau weist in einer Analyse darauf hin, dass Karps Forderung nach Investitionen in KI-Waffen vor allem den Profitinteressen des Palantir-Konzerns dient. Das KI-System von Palantir analysiert Gefechtsdaten aus Satelliten, Drohnen, Radar, Sensoren und Geheimdienstberichten, um potenzielle Bedrohungen oder Ziele zu identifizieren. Laut einem Bericht von Reuters vom März plant das Pentagon, Palantirs System “Maven” zu einem dauerhaft finanzierten “program of record” zu machen. Ein solcher Schritt würde die langfristige Nutzung der Palantir-Technologie im US-Militär absichern. Das potenzielle Marktvolumen verdeutlicht ein aktueller Vorstoß des Pentagon: Wie der Guardian berichtete, beantragte das US-Verteidigungsministerium im Haushaltsplan für 2027 über 54 Milliarden Dollar für die Defense Autonomous Warfare Group – eine Steigerung von 24.000 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Die von Karp beschriebene neue Ära der Abschreckung mit KI-Waffen ist somit ein Markt, in dem Palantir bereits tief verankert ist und enormes Wachstumspotenzial sieht, so das Fazit der ARD-Tagesschau-Autorin.
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