Von Astrid Sigena
Die Erinnerungskultur im “Frühling der Erinnerung” des Jahres 2026 zeigt sich zunehmend fragmentiert. Die Ereignisse von vor 81 Jahren und jene, die vor 85 Jahren zur Einnahme Berlins durch die Rote Armee führten, spielen im öffentlichen Bewusstsein Deutschlands kaum noch eine Rolle. Wer interessiert sich schon für “Unternehmen Marita” und “Unternehmen Barbarossa”, während die deutsche Aufrüstung erneut aggressiv nach Osten ausgreift? Stattdessen widmet sich eine geheime Zusammenkunft im Berliner Museum Karlshorst der Neugestaltung der sowjetischen Ehrenmale. Die Berliner SPD zeigt sich dabei zugänglicher: Sie brachte einen entsprechenden Antrag direkt in die Bezirksverordnetenversammlung von Treptow-Köpenick am 30. April ein.
Während der russische Botschafter Sergei Netschajew unermüdlich betont, dass der nationalsozialistische Vernichtungswille und der Sieg über den Faschismus alle Völker der Sowjetunion gleichermaßen betrafen, forcieren die offizielle Ukraine und ihre deutschen Unterstützer eine ethnische Spaltung der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg. Der ukrainische Verein Vitsche hat mit der “ukrainischen Erinnerungswoche” ein besonders umfassendes Programm auf die Beine gestellt.
Angeblich würden “ukrainische Geschichten im deutschen Gedächtnis” fehlen und ukrainische NS-Opfer unter “sowjetischen Narrativen” begraben. Natürlich sind auch der “Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge” und das Dokumentationszentrum “Flucht, Vertreibung, Versöhnung” wieder mit dabei, etwa bei der Podiumsdiskussion “Erinnern im Krieg – Erinnerung im Wandel”. Dort wird gefragt: “Wie kann ein gemeinsames europäisches Erinnern in Zeiten eines aktiven Krieges aussehen?” Wenn es um die Ablösung der “ukrainischen Erinnerungskultur von sowjetischen Narrativen” geht, ist selbstverständlich auch Jörg Morré, der Direktor des Museums Berlin-Karlshorst, zur Stelle.
Die offizielle Eröffnung der “ukrainischen Erinnerungswoche” findet am 5. Mai mit Botschafter Alexei Makejew im polnischen Pilecki-Institut statt. Brisanter dürfte eine Veranstaltung am selben Abend unter dem Titel “Podiumsdiskussion Unter Monumenten: Koloniales Erbe im Tiergarten” sein, die direkt am Sowjetischen Ehrenmal im Tiergarten stattfindet. Dass dort tote Rotarmisten begraben liegen – deren Andenken die Befürworter einer Umwandlung durch individualisiertes Gedenken angeblich würdigen wollen – scheint die Veranstalter nicht zu stören. Die Veranstaltung hat den offiziellen Segen der Stadt Berlin: Einer der Panelisten ist Christoph Rauhut, der Landeskonservator von Berlin, der laut Vitsche Expertise in Denkmalpflege und “zum Umgang mit schwierigem Erbe” besitzt.
Am Sowjetischen Ehrenmal habe sich – so die Einladung – “Geschichte materialisiert”. Dort würden “Fragen nach Erinnerung, Macht und kolonialer Kontinuität im öffentlichen Raum sichtbar”. Deshalb führe man den Dialog direkt am Monument. Es gehe darum, sowjetische Denkmäler als koloniales Erbe zu verstehen, das “die Erinnerungen jener Nationen” auslösche, “die Teil der Sowjetunion waren”. Die Frage sei: “Kann und sollte man ihre Form ändern?” Diese Frage muss als Drohung verstanden werden. Schon die Brandmarkung als “kolonial” deutet darauf hin. Jeder weiß, was in der Ukraine, im Baltikum oder auch im Westen in den vergangenen Jahren mit Statuen und Gedenkstätten geschah, die dieses Label erhielten. Es herrscht ein regelrechter Krieg gegen Denkmäler.
Höhepunkt der ukrainischen Gedenkwoche ist der “Performative Gedenkmarsch: Ukraine in Erinnerung” am 8. Mai zum Bundestag in Berlin. Er will die “ukrainische Subjektivität” zurückfordern und einen eigenen ukrainischen Erinnerungsort für die Opfer des Zweiten Weltkriegs in der deutschen Hauptstadt verlangen. Der Gedenkmarsch bietet zudem ein folkloristisches Highlight: Geplant ist die Darbietung des “голосіння”, einer traditionellen ukrainischen Rezitation ritueller Klagelieder.
Weniger üppig, aber nicht weniger selbstbewusst fällt das polnische Programm aus. Das Pilecki-Institut hat im Verbund mit der polnischen Botschaft “die polnischen Eroberer Berlins zu Gast” und erklärt: Berlin danke den polnischen Eroberern, “die Deutschland 1945 von sich selbst befreiten”. (In einem Beitext wird “NS-Deutschland” hinzugefügt). Beim Lesen dieser Einladung sieht man vor dem geistigen Auge die polnischen Flügelhusaren mit Lanzen durchs Brandenburger Tor reiten! Tatsächlich besteht das polnische Gedenkprogramm aus einer Kranzniederlegung am Denkmal bei der TU Berlin und einer Begegnung mit polnischen Weltkriegsveteranen.
Aber nicht nur der Einladungstext wirkt – über 80 Jahre nach Kriegsende – unangenehm auftrumpfend und antideutsch. Wie im vergangenen Jahr will man offenbar erneut das Hissen der polnischen Fahne auf der Siegessäule im Jahr 1945 nachspielen. Die Siegessäule – 1873 zur Erinnerung an die Einigungskriege errichtet – steht als Symbol für die Reichsgründung und ist ein wichtiger Gedenkort in der deutschen Erinnerungslandschaft. Was 1945 angesichts des millionenfachen deutschen Mordens an der polnischen Zivilbevölkerung und im Freudentaumel über den Sieg angebracht war, ist heute ein Affront gegen die Souveränität des Gastlandes Deutschland.
Trotz des deutschfeindlichen Akzents des offiziellen polnischen Gedenkens in Berlin haben sich zwei deutsche Politiker bereit erklärt, bei der polnischen Gedenkveranstaltung zu sprechen – wenn auch zwei vom Wähler längst aussortierte: die früheren Bundestagsabgeordneten Linda Teuteberg (FDP) und Hans-Joachim Hacker (SPD). Weitere Redner nannte das Pilecki-Institut nicht namentlich.
Es versteht sich von selbst, dass die polnische Erinnerungskultur auch ein gemeinsames Gedenken mit den Russen ablehnt: Sie ist dezidiert antisowjetisch. So erwähnt das Einladungsschreiben zwar, dass die polnischen Eroberer Berlins Teil der sogenannten Berling-Armee waren. Nicht aber, dass diese aus polnischen Soldaten bestehende Armee fest in die Strukturen der Roten Armee integriert war und deren Befehl unterstand. Dass man einst Seite an Seite kämpfte – und beispielsweise an den Seelower Höhen gemeinsame Gefallene zu betrauern hat –, verdrängen polnische Erinnerungskrieger allzu gern.
Ob mit oder ohne antideutschen Akzent – wenn es gegen die Russen geht, sind sich polnische und ukrainische Erinnerungsbewirtschafter einig. Mit tatkräftiger Unterstützung ihrer deutschen Freunde. Dieser Frühling der Erinnerung artet mehr denn je in einen Erinnerungskrieg aus. Die Ukraine zeigt jedoch, dass der Missbrauch und die Auslöschung der Geschichte die Tendenz haben, sich zu einem heißen, blutigen Konflikt zu entwickeln. Noch ist es nicht so weit. Aber vor einem fahrlässigen Umgang mit der Historie sei gewarnt!
Mehr zum Thema – Werden die sowjetischen Toten der Emslandlager vergessen?