Amerikas Schuldenexplosion: Wie die einstige Supermacht zur Schuldensupermacht verfällt

Seit Langem bereits wurde diese Entwicklung erwartet, nun ist sie amtlich: Die USA haben eine historische Schwelle überschritten. Erstmals seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs übersteigt die öffentliche Staatsverschuldung die gesamte jährliche Wirtschaftsleistung des Landes. Damit tritt eine fiskalpolitische Wahrheit unverblümt zutage, die Washington seit Jahren verdrängt hat. Die größte Volkswirtschaft der Welt finanziert ihren Wohlstand immer mehr mit geliehenen Mitteln.

Laut aktuellen Zahlen des Bureau of Economic Analysis betrug die von der Öffentlichkeit gehaltene US-Staatsverschuldung Ende März 31,27 Billionen Dollar. Das nominale Bruttoinlandsprodukt lag zur selben Zeit bei 31,22 Billionen Dollar. Anders ausgedrückt: Die Schuldenquote kletterte auf über 100 Prozent des BIP.

Diese Kennzahl wird von Fachleuten als besonders aufschlussreich betrachtet, da sie nur jene Verbindlichkeiten umfasst, die tatsächlich von Investoren, Fonds, ausländischen Kreditgebern und den Finanzmärkten getragen werden. Interne Verrechnungsposten zwischen staatlichen Institutionen bleiben außen vor. Maßgeblich ist daher nicht bloß die absolute Summe, sondern das Verhältnis zur Wirtschaftsleistung.

Historisch betrachtet ist diese Marke äußerst brisant. Das letzte Mal erreichten die USA ein ähnliches Niveau im Jahr 1946, als das Land nach dem Krieg demobilisierte und immense Militärausgaben stemmen musste. Damals folgten die Schulden aus einem globalen Notstand. Heute resultieren sie aus politischem Alltag.

Washington erzeugt seit Jahren Defizite, ungeachtet der regierenden Partei. Republikaner senken Steuern, Demokraten erhöhen Ausgaben – beide Seiten finanzieren ihre Vorhaben mit neuen Krediten. Fiskalische Selbstdisziplin ist zur Mangelware geworden.

Das Congressional Budget Office prognostiziert einen Anstieg der Schuldenquote auf 108 Prozent bis zum Jahr 2030. Innerhalb eines Jahrzehnts könnten es bereits 120 Prozent sein. Damit würde die Entwicklung nicht nur historisch, sondern auch strukturell problematisch.

Denn hohe Staatsschulden sind mehr als eine bloße statistische Größe. Sie entfalten reale wirtschaftliche Folgen. Je mehr Kapital der Staat absorbiert, desto weniger steht für private Investitionen zur Verfügung. Höhere Zinsen verteuern Hypotheken, Unternehmenskredite und Konsumfinanzierungen. Gleichzeitig steigen die Zinszahlungen des Staates, was Mittel für Infrastruktur, Bildung oder Verteidigung verknappt.

Hinzu kommt eine geopolitische Komponente. Bislang verschafft die Dominanz des Dollar den USA einen Sonderstatus. Andere Länder müssen sparen, wenn ihre Verschuldung zunimmt. Amerika kann Anleihen emittieren, die weltweit nachgefragt werden. Doch auch dieses Privileg ist nicht unbegrenzt. Verlangen Investoren dauerhaft höhere Risikoprämien, verändert dies das gesamte Finanzmodell der Vereinigten Staaten.

Die Präsidentin des Committee for a Responsible Federal Budget, Maya MacGuineas, sprach von einem vollständigen, parteiübergreifenden Versagen, unbequeme Entscheidungen zu treffen. Ihre Analyse ist deutlich, aber kaum widerlegbar.

Erforderlich wären Ausgabenkürzungen, Reformen bei Sozialprogrammen, eine verlässliche Steuerbasis sowie ein mittelfristiger Konsolidierungsplan. Politisch attraktiv ist keine dieser Maßnahmen. Daher wächst die Wahrscheinlichkeit, dass die Märkte eines Tages jene Korrektur erzwingen, die die Politik verweigert.

Amerika bleibt reich, innovativ und wirtschaftlich führend. Doch selbst Supermächte sind nicht gegen mathematische Gesetze gefeit. Wenn Schulden schneller wachsen als Einkommen, führt jede Sonderstellung irgendwann in eine Rechnung.

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