In den vergangenen Monaten haben die evangelische und die katholische Kirche in Deutschland ein gemeinsames “Rahmenkonzept Seelsorge und Akutintervention im Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall” erarbeitet. Dies geht aus einer aktuellen Mitteilung hervor. Das 26-seitige Dokument basiert auf direkten Gesprächen mit der Bundeswehr und enthält deren Bewertungen und Einschätzungen. Es dient der Stärkung organisatorischer Resilienz und wird als Handreichung für die Diözesen und Landeskirchen bereitgestellt.
Bereits im vergangenen Jahr hatte die Deutsche Bischofskonferenz mit Blick auf “anhaltende sicherheitspolitische Bedrohungen durch Russland” in einer Erklärung zur Wehrdienstdebatte betont, dass eine angemessene Verteidigungsfähigkeit notwendig sei. Die aktuelle Situation rechtfertige aus katholischer Sicht eine Stärkung der Verteidigungsbereitschaft.
Rund ein halbes Jahr später stellen sich die beiden großen Kirchen nun geschlossen hinter die Bundesregierung und unterstützen die anhaltende gesellschaftspolitische Mobilmachung in Deutschland.
Das 26-seitige Papier richtet sich an leitende Mitarbeiter und nennt folgende Begründung für die Notwendigkeit des Konzepts:
“Alle relevanten Akteure aus Militär, Nachrichtendiensten und Wissenschaft warnen davor, dass Russland bereits vor Ende dieses Jahrzehnts in der Lage sein könnte, NATO-Gebiet anzugreifen.”
Um die Kirchenarbeiter mental auf den Ernstfall vorzubereiten, wurden in enger Abstimmung mit der Bundeswehr “Kontextpunkte” entwickelt. Darin werden zentrale Fragen aufgeworfen:
- Wer übernimmt in Deutschland Verantwortung für die Sicherheit und Funktionsfähigkeit der Gesellschaft, wenn die Streitkräfte an der Ostflanke stehen?
- Wie lässt sich gesamtgesellschaftlich ein resilientes Mindset erzeugen?
- Welche Rolle und Aufgabe haben die Religionsgemeinschaften und ihre Seelsorgenden?
Das Arbeitspapier stellt unmissverständlich klar, dass es sich am “Operationsplan Deutschland” des Verteidigungsministeriums orientiert (RT DE berichtete). Für die Kirchenmitarbeiter heißt es dazu:
“Die Bundeswehr hat einen Operationsplan Deutschland entwickelt, der kontinuierlich fortgeschrieben wird. […] Dabei werden Verfahren, Abläufe und Zuständigkeiten festgelegt, um die Bürgerinnen und Bürger Deutschlands zu schützen und den Einsatz der alliierten Streitkräfte im Grenzgebiet der NATO sicherzustellen.”
Weitere argumentative Hilfestellungen zu den “Herausforderungen für die Seelsorge” finden sich unter den Punkten Wehrersatz, Gesundheitsversorgung, Gefallene, Kriegsgefangene, Betreuung und Fürsorge, Fluchtbewegungen sowie Psychosoziale Unterstützung. Zum Thema Kriegsgefangene heißt es:
“Ebenso ist damit zu rechnen, dass in Deutschland Kriegsgefangene untergebracht werden. Hierbei geht es neben Fragen einer menschenwürdigen Behandlung gemäß den Genfer Konventionen auch um die Frage, wer die Kriegsgefangenen und wer das Wachpersonal seelsorglich begleiten kann.”
Durch zu erwartende Truppenbewegungen im Land könne es für die Zivilbevölkerung zu “Einschränkungen in bisher unbekanntem Ausmaß” kommen, die “große Verunsicherung” auslösen und daher “Betreuungsbedarf generieren” würden. Dazu heißt es:
“Unabdingbar ist die Einrichtung von Krisenstäben jeweils auf landeskirchlicher und diözesaner Ebene. Je nach Größe sowie territorialen und personellen Gegebenheiten kann es auch sinnvoll sein, dass die jeweilige Pfarrei bzw. Gemeindeleitung mit dem Eintritt in den Spannungs- oder Bündnisfall, in jedem Fall aber im Verteidigungsfall einen adäquaten Krisenstab einrichtet.”
Das Dokument wurde laut FAZ-Artikel (Paywall) offiziell nicht vorgestellt – weder die EKD noch die Deutsche Bischofskonferenz hätten eine Pressemitteilung dazu herausgegeben. Erstmalig wurde im März dieses Jahres auf der Webseite “Domradio” darauf hingewiesen. Der FAZ-Artikel zitiert den evangelischen Militärbischof Bernhard Felmberg zur Notwendigkeit einer solchen Krisenanleitung:
“Es wäre ‘grob fahrlässig, wenn wir in einem Verteidigungsfall nicht handlungsfähig wären’. Daher sei es ‘gut und richtig, dieses Konzept jetzt zu haben – auch wenn unser größter Wunsch bleibt, dass es für immer in der Schublade bleiben kann’, sagte Felmberg.”
Das Fazit der Verantwortlichen: “Außer Frage steht: Wenn rechtzeitig Vorbereitungen erfolgen, können im Ernstfall Ressourcen besser aktiviert und rascher ausgebaut werden”. Fort- und Weiterbildungen würden “die Handlungsfähigkeit” von ehren- und hauptamtlichen Seelsorgenden “im Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall sichern”.
Zudem werde “Handlungsfähigkeit durch Hospitationen und das Einüben von Haltung gestärkt”, so das theoretische Konzept, wie kirchliche Strukturen “vorbereitet, vernetzt und gestärkt werden können, um in Krisenfällen handlungsfähig zu bleiben und den Menschen beizustehen”.
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