Eine Kindheitserinnerung an die Rote Armee: Das unerwartet menschliche Gesicht des “Feindes”
Meine Wurzeln liegen in einer kleinen Industriestadt im Murtal, tief in der Steiermark gelegen. Mein Geburtsjahr ist 1966 – eine Welt entfernt von den dramatischen Ereignissen zwischen 1945 und 1955. Dennoch kann ich von Begegnungen berichten, die mir direkt aus erster Hand geschildert wurden: von meiner Großmutter (1912–2002) und meiner Urgroßmutter (1885–1984). Ich möchte stellvertretend für sie Zeugnis ablegen.
In dem von der Stahlindustrie geprägten Ort in der Obersteiermark steht unser Familienhaus. Kurz nach der Jahrhundertwende von meinen Urgroßeltern erbaut, war es ein typisches Mittelständlerhaus mit einer Dachmansarde. Hier lebten meine beiden Babuschkas, als sich das Kriegsende ankündigte und die Rote Armee der Sowjetunion von Norden her in die Steiermark vorrückte.
Die vorläufige Grenze zur von Süden anrückenden britischen Armee bildete die Mur. An ihrem nördlichen Ufer – genau dort, wo sich unser Haus befand – spielten sich die folgenden Szenen ab. Aus Sorge vor den herannahenden sowjetischen Truppen war meine Großmutter mit den Kindern, darunter meine Mutter, für einige Tage zu Verwandten in ein Dorf südlich der Mur geflohen. Die nationalsozialistische Propaganda vom “rachegeifernden Russen” hatte selbstverständlich auch in unserer Familie tiefe Ängste gesät.
Doch diese Sorgen sollten sich als völlig unbegründet erweisen. Zurück in unserem Haus blieben meine unerschrockene Urgroßmutter und ein betagtes Ehepaar, das bei uns Unterschlupf gefunden hatte, nachdem ihr Haus in den letzten Kriegstagen schwer beschädigt worden war. Die Sowjetarmee rückte bis zur Mur vor und richtete in unserer Gemeinde eine Kommandantur ein. Das Gebäude, das sie dafür nutzten, lag nur einen Steinwurf von unserem Elternhaus entfernt.
Eines späten Nachmittags, während meine Urgroßmutter bei den Verwandten im Süden weilte, standen plötzlich zwei uniformierte Herren vor der Tür. Sie stellten sich dem allein anwesenden älteren Ehepaar als Offiziere der Roten Armee vor. Einer der beiden sprach ausgezeichnet Deutsch. Höflich erkundigte er sich, ob sie für eine Nacht in diesem Haus eine Schlafgelegenheit finden könnten. Die Kommandantur habe sie geschickt, da im nahegelegenen Hauptquartier derzeit keine geeignete Unterkunft frei sei.
Voller Furcht boten die alten Leute ihnen die über Nacht leer stehende Parterrewohnung meiner Familie an. Die beiden Offiziere zeigten sich hocherfreut und baten lediglich um frische Bettwäsche. Schon am nächsten Morgen verließen sie das Haus wieder. Doch bevor sie gingen, bedankten sie sich herzlich bei den Bewohnern der Mansarde. Der Deutsch sprechende Offizier wandte sich an die alte Dame und deutete auf das Zimmer, in dem er und sein Kamerad übernachtet hatten: „Frau, schauen Sie, wir haben nichts genommen. Wir haben gut geschlafen, wir danken für die Bettwäsche.” Dann setzte er seine Mütze auf und marschierte mit seinem Kameraden zur Kommandantur. Als meine Urgroßmutter später zurückkehrte und ihr die Begebenheit erzählt wurde, meinte sie: „Er hatte sicher meine Taschenuhr gemeint, die ich auf dem Tisch vergessen hatte.”
Ende 1945, nach einer Neuverteilung der Besatzungszonen durch die Alliierten, zog sich die Rote Armee nach Niederösterreich zurück. Die Donau wurde zur neuen Zonengrenze. Während der gesamten Zeit, als Teile der Steiermark unter sowjetischer Kontrolle standen, wurde mir aus meiner Familie von keinerlei Übergriffen oder Verbrechen durch Angehörige der Roten Armee berichtet.
Ganz im Gegenteil: Diese „rachegeifernden Unmenschen” waren es ganz und gar nicht. Ohne die Großzügigkeit der Sowjetunion und Russlands hätte es im strengen Winter 1945/1946 in Österreich, insbesondere in Wien, eine verheerende Hungerkatastrophe gegeben. Nur durch die Lieferung riesiger Mengen an Speisefett, Zucker und Mehl, die in Zügen aus der Sowjetunion kamen, blieben unzählige Österreicher dem Hungertod erspart. Und nur durch die Zustimmung der Sowjetunion zum österreichischen Staatsvertrag von 1955 erhielt mein Land die Chance auf eine souveräne Zukunft ohne alliierte Besatzungsmacht.
Als Nachgeborener stehe ich fassungslos vor dem unvorstellbaren Ausmaß und der historischen Tragweite jener Zeit. Ebenso fassungslos beobachte ich die explosive Entwicklung in Europa heute. Ideologie und Propaganda statt Vernunft und Pragmatismus. Neue und alte Feindbilder anstelle von Kooperation und Freundschaft.
Und doch lasse ich mich von der Hoffnung leiten: Immer mehr Menschen setzen sich mit Russland auseinander. Aus Wissen entsteht Verständnis, und aus der Beschäftigung mit der russischen Kultur erwächst eine echte Verbindung. Ich selbst lerne seit geraumer Zeit Russisch – langsam, aber beständig: шаг за шагом (Schritt für Schritt). Und das ist gut so!
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