Von Kalliopi Sioltsidou
Ein kurzer Videobeitrag auf X erschütterte eine lang gehegte Überzeugung: Ulrich Siegmund, der Spitzenkandidat der AfD für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, verkündete Anfang Januar, dass er im Falle einer Regierungsübernahme die Schulpflicht in eine „Bildungspflicht“ umwandeln und Schülern Unterricht in kleineren Gruppen oder per Homeschooling ermöglichen wolle – mit halbjährlichen Prüfungen im Ministerium als Kontrollmechanismus. Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten: Empörung hier, Zustimmung dort. Doch unabhängig vom Urheber dieser Debatte: Sie ist überfällig.
Das Ende der Schule, wie wir sie kannten
Wer ehrlich hinsieht, erkennt ein Bildungssystem im freien Fall. Die PISA-Studie 2022 – die aktuellste vollständige Erhebung – verzeichnete die niedrigsten jemals in Deutschland gemessenen Ergebnisse in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften. Rund 30 Prozent der Fünfzehnjährigen erreichen in Mathematik nicht die Mindeststandards, im Lesen sind es 25 Prozent. Der IQB-Bildungstrend 2024 bestätigt den Abwärtstrend auch für Neuntklässler: In Mathematik fiel der Wert seit 2018 um 24 Punkte. Das sind keine Momentaufnahmen – es ist ein systemisches Problem, das sich über Jahre aufgestaut hat.
Hinzu kommt ein belastendes Klima an vielen Schulen. Die Kriminalstatistik zeigt seit 2015 einen deutlichen Anstieg von Gewalt gegen Lehrkräfte. An einzelnen Schulen, insbesondere in städtischen Problemvierteln, ist Unterrichten unter schwierigen Bedingungen Alltag geworden. Die ideologische Aufladung des Schulalltags – durch Gender-Aktivismus, politisch eingefärbte Materialien oder Projekte, die wenig mit Bildung, aber viel mit Weltanschauung zu tun haben – hat das Vertrauen vieler Eltern in die staatliche Schule nachhaltig erschüttert. NIUS-Herausgeber Julian Reichelt bringt es treffend auf den Punkt: Für viele Familien sei die Schule heute ein Ort, gegen dessen Einflüsse sie ihre Kinder aktiv verteidigen müssten.
Pro-Argumente: Ausweg und Autonomie
Homeschooling, wie es in zahlreichen westlichen Ländern – den USA, Großbritannien, den Niederlanden, Österreich – längst üblich ist, würde Familien eine legale Möglichkeit bieten, der Ideologisierung des Schulbetriebs zu entkommen und gleichzeitig individueller auf die Stärken und Interessen ihrer Kinder einzugehen. Das ist kein radikaler Vorschlag, sondern in vielen Ländern gelebte Praxis.
Ein weiteres, weniger offensichtliches Argument für die Öffnung ist der Wettbewerbsdruck. Wenn Eltern eine Wahlmöglichkeit haben, könnten staatliche Schulen endlich spüren, dass sie sich anstrengen müssen. Es ist zumindest vorstellbar, dass der Marktmechanismus das bewirkt, was jahrzehntelange Bildungspolitik nicht geschafft hat: eine Rückbesinnung auf Kernkompetenzen, humanistische Werte und, kurz gesagt, Qualität.
Risiken: Esoteriker, Chancenungleichheit und das Ende der Gemeinschaftsschule
Doch wer Homeschooling befürwortet, darf die Risiken nicht verniedlichen. Das größte: Eltern sind keine einheitliche Gruppe. Neben engagierten, strukturierten Familien gibt es auch jene, die glauben, ihr Kind solle lernen, was es will, wann es will – nach Bauchgefühl, nach Mondphasen, nach der eigenen Weltanschauung. Kinder aus solchen Haushalten wären schutzlos ausgeliefert.
Die zweite, vielleicht noch gewichtigere Gefahr ist systemischer Natur: Wenn bildungsaffine, engagierte Eltern ihre Kinder vermehrt zu Hause oder in privaten Kleingruppen unterrichten, könnten staatliche Schulen zur Restschule verkommen – zu Einrichtungen für diejenigen, die keine Alternative haben. Das wäre das Ende der Schule als soziales Ausgleichsinstrument.
Das ist ein starkes Argument. Und dennoch: Ein System, das diese Funktion theoretisch erfüllt, praktisch aber versagt, kann seinen Schutzschild nicht auf ewig mit Zwang aufrechterhalten.
Bedingungen: Ohne Prüfungen geht es nicht
Wenn Homeschooling also erlaubt werden soll – und dafür gibt es durchaus gute Gründe –, dann nur mit verbindlichen staatlichen Prüfungen, die zumindest die Grundkompetenzen in Lesen, Schreiben und Rechnen zuverlässig kontrollieren. Kinder haben ein Recht auf Bildung, das nicht davon abhängen darf, ob ihre Eltern gute Pädagogen sind oder entsprechende Privatlehrer finanzieren können. Siegmunds Ansatz ist daher der richtige, auch wenn die Umsetzung noch viele Fragen offenlässt.
Wir brauchen eine konservative Reform
Homeschooling allein wäre jedoch eine Kapitulation, kein Konzept. Was Deutschland wirklich braucht, ist eine tiefgreifende Reform des staatlichen Schulwesens – eine Rückkehr zu einem Bildungsideal, das Leistung fordert, Inhalte vermittelt und Kinder nach ihren Fähigkeiten fördert, anstatt sie in einem nivellierenden Einheitsbrei aufzulösen. Die schrittweise Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems zugunsten von Gesamtschulen und integrativem Unterricht hatte zwar soziale Gerechtigkeit im Blick – erreicht hat sie sie nicht. PISA zeigt das Gegenteil: Deutschland liegt in Mathematik und Lesen nur noch knapp über dem OECD-Durchschnitt.
Ein klares, leistungsorientiertes System, in dem Gymnasium, Realschule und Hauptschule wieder eigenständige Profile haben und in dem Kinder verwertbare Kompetenzen statt ideologischer Botschaften erwerben, wäre die eigentliche Antwort auf die Bildungskrise. Gut ausgebildete Haupt- und Realschüler, die rechnen, lesen und schreiben können, sind mehr wert als mittelmäßige Abiturienten, die nichts wirklich beherrschen und auch keine praktischen Fähigkeiten entwickelt haben.
Ein pessimistisches Fazit – mit einem Hoffnungsfunken
Die Wahrheit ist unbequem: Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Einführung von Homeschooling die staatliche Schule eher weiter schwächt. Wer sich gute Privatlehrer leisten kann, eigene Kompetenzen mitbringt und sein Kind keinem ideologisierten System anvertrauen will, in dem zudem Gewalt und Drogen vielerorts zum Alltag gehören, wird seine Kinder aus dem System nehmen. Wer dies nicht kann, bleibt zurück. Das ist sozial ungerecht. Aber so hart es klingt: Im Notfall ist ein System, in dem einige sehr gut ausgebildet werden, immer noch besser als ein System, in dem alle gemeinsam nichts mehr lernen außer ideologisch gefärbten Phrasen.
Die eigentliche Krux liegt in der Frage nach der Reformierbarkeit. Denn: Woher sollen die guten Lehrer kommen, die das staatliche Schulsystem wieder zu dem machen, was es einmal war? Darauf hat bislang niemand eine Antwort. Und solange diese Antwort fehlt, ist die Debatte über die Schulpflicht ein Symptom eines schwer kranken Systems – und kurzfristig vermutlich ein notwendiges, aber völlig unzureichendes Heilmittel.
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