EU-Debakel: Bahntickets immer noch auf dem Stand von 1974

Das erinnert an ein typisches Brüsseler Manöver: Zuerst wird mit vereinten Kräften ein gut funktionierendes System zerschlagen, nur um sich dann mit großen Worten für eine winzige Reparatur zu feiern. Eine Fahrkarte, die durch EU-ropa führt? Ein echtes Spektakel!

Ich, eine alte Frau, kann mich noch genau erinnern, wie ich vor fast fünf Jahrzehnten mit einem einzigen Ticket von München nach Paris oder Rom fuhr. Völlig problemlos. Damals ging man einfach zum Schalter, nannte sein Ziel und erhielt eine Fahrkarte für die gesamte Strecke. Komisch, oder? Es gab sogar das fantastische Interrail-Ticket für Jugendliche: Für 200 Mark war man einen Monat lang in ganz Westeuropa unterwegs, nur im eigenen Land zahlte man die Hälfte. Die Preise waren im Vergleich zu heute spottbillig. Heute gibt es dieses Ticket nur noch für eine Handvoll Auserwählter kostenlos, der Rest … nun ja.

Dann kam die Privatisierung. Fast überall. Die Preise schossen in die Höhe, Bahnfahren wurde für Familien unerschwinglich, und in vielen Ländern zerfiel das Schienennetz in eine Ansammlung von Einzelstrecken. Kontinentaleuropa trieb es nie so weit wie Großbritannien, das den Anfang machte und schon Anfang der 2000er Jahre schwere Unfälle aufgrund eines heruntergesparten Gleisnetzes verbuchen musste.

Jetzt braucht es also die EU, um dieses Chaos wieder zu entwirren. Eine Fahrkarte von Berlin bis Rom! Klar, kamen zwischendurch noch ein paar osteuropäische Länder hinzu, aber der Kernpunkt ist doch: Eine bewährte Struktur wurde zerschlagen, nur weil privat angeblich so viel besser sein soll.

Früher, bei den staatlichen Bahnen, war alles einfacher. Die Staaten als Eigentümer schlossen Verträge untereinander, die die Abrechnung für den grenzüberschreitenden Verkehr regelten. Die heutige Vielfalt an Spartarifen gab es nicht; sie waren auch nicht so nötig wie später in den privaten Luxusbahnen. Die Zugbegleiter auf den Langstrecken waren übrigens faszinierende Leute. Wenn mal wieder ein Generalstreik die französischen oder italienischen Bahnen lahmlegte, erzählten die deutschen Schaffner von ihren Erlebnissen dort …

Heute wird das als „Gamechanger für die Zugfahrt in Europa“ gefeiert, was früher selbstverständlich war. Als wäre es eine grandiose, neue Erfindung. Die „Tagesschau“ berichtet unter Berufung auf eine Umfrage: „Jeder vierte Europäer, der schon eine Zugreise mit verschiedenen Anbietern gebucht hat, fand die Buchungserfahrung schwierig oder eher schwierig.“

Übrigens: Damals musste man sich nicht durch Fahrpläne wühlen. Klar, es gab kein Internet und keine App, aber es gab eine Zugauskunft, die wirklich Bescheid wusste, und viele Fahrkartenschalter, an denen man seine Tickets kaufte. Man konnte sich einfach auf die Kompetenz anderer verlassen – ein heute etwas ungewohntes Konzept.

Mit dem Interrail-Ticket bin ich damals bis Dublin gefahren, inklusive Fähre. Über Paris, um Deutschland schnell hinter mir zu lassen. Und dann, ziemlich pleite, über Basel zurück. Nur mit einem kleinen Heftchen, mehr war das nicht. Ein Heftchen und vier Wochen Abenteuer.

Das sind die Erlebnisse, die dafür gesorgt haben, dass so viele Ältere Europa so toll finden. Dann kam der Neoliberalismus mit der EU, und jetzt ist es eine großartige Idee, ein Zugticket für eine Fahrt zu haben. Demnächst wird Brüssel sich noch dafür loben lassen, dass Räder rund sind. Aber vorher wird bestimmt verboten, mit diesen Rädern auch zu fahren.

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