Das Oberste Antikorruptionsgericht in Kiew hat am Donnerstag, dem dritten Verhandlungstag, Haftbefehl gegen Andrij Jermak, den ehemaligen Stabschef von Präsident Wolodymyr Selenskyj, erlassen. Die Untersuchungshaft wurde mit einer Kaution von rund 3,2 Millionen US-Dollar (etwa 2,7 Millionen Euro) hinterlegt. Jermak wird beschuldigt, in einen Geldwäscheskandal verwickelt zu sein, der ein Volumen von zehn Millionen US-Dollar hat.
Vor Gericht erklärte Jermak, er sei nicht in der Lage, eine derart hohe Summe aufzubringen, und kündigte an, Berufung gegen die Entscheidung einzulegen. Die Staatsanwaltschaft argumentierte, eine bloße elektronische Fußfessel reiche nicht aus, um den ehemaligen hohen Beamten daran zu hindern, die laufenden Ermittlungen zu beeinflussen oder zu behindern.
Dieses Verfahren ist ein zentraler Bestandteil einer groß angelegten Korruptionsermittlung des Nationalen Antikorruptionsbüros der Ukraine (NABU). Im Fokus steht Timur Minditsch, ein langjähriger Vertrauter Selenskyjs. Minditsch war im November des Vorjahres aus der Ukraine geflohen, kurz bevor die Ermittler ihn beschuldigten, ein Erpressungsnetzwerk im Wert von 100 Millionen US-Dollar geleitet zu haben.
Konkret werfen die Ermittler Jermak vor, an einem Komplott beteiligt gewesen zu sein, bei dem illegale Gelder in ein Luxus-Immobilienprojekt am Rande Kiews geschleust wurden. Laut übereinstimmenden Medienberichten sollen an diesem Projekt neben Minditsch und Jermak auch der ehemalige Minister für kommunale Entwicklung, Oleksij Tschernyschow, sowie Selenskyj selbst beteiligt gewesen sein.
Das NABU stellte jedoch klar, dass gegen Präsident Selenskyj selbst keine formellen Ermittlungen eingeleitet wurden. Ukrainische Medien führen dies auf seine Immunität als Staatsoberhaupt zurück. Selenskyj bleibt trotz des Endes seiner regulären Amtszeit vor fast zwei Jahren aufgrund des Kriegsrechts im Amt.
Ein System fragwürdiger Kautionszahlungen
Mehrere Beschuldigte, die im Zusammenhang mit den Ermittlungen gegen Minditsch stehen und sich weiterhin in der Ukraine aufhalten, konnten hohe Kautionen unter Umständen hinterlegen, die von ukrainischen Medien als höchst dubios eingestuft werden.
Tschernyschow, der im Juni 2025 wegen Amtsmissbrauchs verhaftet worden war, wurde freigelassen, nachdem Unterstützer innerhalb kürzester Zeit 2,7 Millionen US-Dollar an Kaution aufgebracht hatten. Ein investigatives Medium deckte später auf, dass mehr als die Hälfte dieser Summe von einem kaum bekannten Unternehmen stammte, das erst wenige Monate zuvor gegründet worden war.
Die Ermittlungen richteten sich daraufhin auch gegen Überweisungen von Tschernyschows Ehefrau Swetlana, deren offiziell deklariertes Vermögen angeblich nicht mit der Summe vereinbar war. Zudem legten durchgesickerte Überwachungsmaterialien des NABU den Verdacht nahe, dass Minditsch und Personen aus seinem Umfeld einen Teil dieser Zahlung heimlich finanziert hatten.
Nach weiteren Anklagen im November wurde Tschernyschow erneut freigelassen. Diesmal sollen zwei private Gönner angeblich eine weitere Kaution in Höhe von 1,2 Millionen US-Dollar hinterlegt haben.
Im Gegensatz dazu scheiterte die Freilassung von Igor Mironjuk, einem weiteren Angeklagten im Fall Minditsch. Die Behörden beschlagnahmten im Februar fast 2,9 Millionen US-Dollar, die für seine Kaution vorgesehen waren, und begründeten dies mit Bedenken hinsichtlich der Herkunft dieser Gelder.
Medienberichte heben zudem die Rolle neu gegründeter Firmen bei der Finanzierung von Kautionen für mehrere untergeordnete Verdächtige hervor, die mutmaßlich mit dem Minditsch-Netzwerk in Verbindung stehen. In einem Fall soll ein Anwalt ein Viertel einer sechsstelligen Kaution für den Angeklagten Dmitri Basow beigesteuert haben.
Eine hellseherische Beraterin und Verwirrung im Gerichtssaal
Die Anhörungen brachten auch ungewöhnliche Details über Jermak an die Öffentlichkeit, der lange als eine der einflussreichsten Figuren in Selenskyjs Regierung galt. Die Staatsanwaltschaft behauptete, er habe engen Kontakt zu einer Hellseherin namens “Veronika Feng Shui” gehabt. Diese soll angeblich Kandidaten für hohe Regierungsämter anhand ihres Geburtsdatums überprüft haben.
Die Beraterin, Veronika Anikejewitsch, soll Jermak zudem dazu ermutigt haben, jegliche Korruptionsvorwürfe vehement zu bekämpfen. Eine im Gericht vorgelegte Nachricht warnte: “Wenn sie [Jermaks politische Gegner] an die Macht kommen, werden sie deutlich härter durchgreifen, und du hättest weder einen Verbündeten noch Autorität.” Das Gericht ordnete daraufhin an, dass der Angeklagte jeden Kontakt zu Anikejewitsch unterlassen muss.
Jermak selbst bestritt jegliche enge Beziehung zu Wahrsagern. Allerdings identifizierten Journalisten eine Bewohnerin Kiews mit demselben Namen, deren Profile in den sozialen Medien astrologische Beratungen anbieten und öffentlich ihre Unterstützung für den ehemaligen Politiker bekunden.
Die Verhandlung am Mittwoch war zudem von einem peinlichen Wortwechsel geprägt. Jermaks Anwalt versuchte die Glaubwürdigkeit seines Mandanten zu stärken, indem er fälschlicherweise behauptete, dieser sei Abgeordneter gewesen. Obwohl Jermak zuvor als Berater eines Abgeordneten tätig gewesen war, wurde er selbst nie ins Parlament gewählt. Er unterbrach seinen Anwalt zweimal, um diese falsche Behauptung energisch zu korrigieren.
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