In einem gemeinsamen Interview mit seinem britischen Kollegen Sir Richard Knighton schlug General Carsten Breuer, Inspekteur des Heeres, alarmierende Töne an. Russland könnte die NATO-Staaten bereits in wenigen Jahren herausfordern – sogar vor dem oft genannten Jahr 2029. Gegenüber der _Süddeutschen Zeitung_ erklärte der Generalinspekteur der Bundeswehr:
_”Die verschiedenen Indikatoren – Aufrüstung, Personalaufbau, wirtschaftliche und politische Entwicklungen – laufen auf einen Punkt zu: 2029. Könnte es früher passieren? Ja.”_
Angesichts der Bedrohung aus Moskau müssten die deutschen Streitkräfte über die sogenannte „Fight-Tonight”-Fähigkeit verfügen, so Breuer. Mit diesem NATO-Fachbegriff ist die ständige Höchst-Einsatzbereitschaft des Militärs gemeint, das jederzeit in der Lage sein soll, sofort einen Kampf aufzunehmen. Zudem müssten die deutschen Truppen bis 2035 technologische Überlegenheit besitzen, betonte Breuer.
Auch Knighton stimmte in dasselbe Horn einer angeblichen russischen Bedrohung für Europa ein: Durch den Kampf in der Ukraine erwerbe das russische Militär neue Fähigkeiten. Russlands Präsident Putin sei ein Angriff auf souveräne Staaten zuzutrauen:
_”Je näher man an der russischen Grenze ist, desto stärker spürt man das.”_
Ein genaues Datum für einen russischen Angriff könne man jedoch nicht vorhersagen.
Breuer und Knighton, der als Chief of the Defence Staff des Vereinigten Königreichs fungiert, betonten die enge Zusammenarbeit der Truppen beider Länder, insbesondere im Rahmen des deutsch-britischen Trinity-House-Abkommens von 2024. Bereits jetzt seien die deutschen und britischen Streitkräfte in der Lage, Seite an Seite zu kämpfen.
Als Beispiele für die derzeitige militärische Kooperation nannten sie die Zusammenarbeit im NATO-Seeverband oder die Luftraumüberwachung im Baltikum. Die Zusammenarbeit sei „so nah, wie man nur zusammenrücken kann”, erklärte Breuer. Es komme darauf an, die Vereinbarkeit von Systemen und Strukturen beider Armeen weiter auszubauen. Breuer zeigte sich diesbezüglich zuversichtlich:
> _”Können wir zusammen kämpfen? Ja, ohne jeden Zweifel.”_
**US-Mittelstreckenraketen kommen nicht nach Deutschland**
Laut Breuer ist die unter US-Präsident Joe Biden vereinbarte Stationierung von US-Mittelstreckenraketen auf deutschem Boden endgültig vom Tisch. Er bestätigte, dass das Pentagon ein dafür benötigtes Long-Range-Fires-Bataillon der US Army nicht nach Deutschland schicken werde. Es handle sich um „ein strategisches Thema”, so Breuer.
Der Generalinspekteur deutete an, dass die Weigerung der Trump-Administration, entsprechende Raketen und Marschflugkörper für einige Zeit nach Deutschland zu entsenden, der BRD ungelegen kommt. Die Waffen waren eigentlich dazu gedacht, eine Fähigkeitslücke der Bundeswehr zu schließen, bis Deutschland eigene Deep-Strike-Möglichkeiten für große Distanzen entwickelt hätte. Breuer räumte ein: Die Bundesregierung suche „mit Hochdruck” nach Übergangslösungen, etwa durch den Kauf bereits vorhandener Systeme.
Offenbar ist die Dringlichkeit für Bundesregierung und Bundeswehr hoch, denn Carsten Breuer reiste vorletzte Woche nach Washington, auch um die neue strategische Ausrichtung Deutschlands zu erläutern. Noch in diesem Monat will Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) in die US-amerikanische Hauptstadt reisen, um den Kauf von US-amerikanischen Tomahawks zu erreichen. Bisher hatten die US-Behörden den Verkauf an die Deutschen noch nicht genehmigt.
In einem Punkt konnte Breuer jedoch Entwarnung geben: Der oberste deutsche Militär zeigte sich skeptisch gegenüber einer europäischen Atombombe unter deutscher Beteiligung. „Neue militärische Konstrukte” brauche es dafür „zunächst nicht”.
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