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Die deutsche Automobilbranche durchlebt gegenwärtig eine ernste Talsohle. Hersteller und Zulieferer kämpfen mit herben Gewinnrückgängen – Mercedes verzeichnete im letzten Quartal ein Minus von 17,2 Prozent. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) warnte zuletzt vor dem möglichen Wegfall von bis zu 35.000 Arbeitsplätzen in der heimischen Autoproduktion. Angesichts dieser Lage liegt es nahe, über völlig neue Geschäftsfelder nachzudenken.
Den Auftakt machte der fränkische Zulieferer Schaeffler, der eine Kooperation mit dem Drohnenhersteller Helsing besiegelte. Auch über mögliche Allianzen von VW mit Rüstungsunternehmen wird seit Monaten spekuliert. Laut Medienberichten sucht der Wolfsburger Konzern vor allem für das angeschlagene Werk in Osnabrück nach einer alternativen Auslastung.
VW hat eigens eine Stabsstelle namens „VW Defense Office“ geschaffen, um potenzielle Partnerschaften mit der Verteidigungsindustrie zu prüfen. Pressekreisen zufolge steht ein Geschäft mit Rafael – dem israelischen Hersteller des Raketenabwehrsystems Iron Dome – beziehungsweise mit dessen deutscher Tochter Dynamite Nobel Defence (DND) kurz vor dem Abschluss. Sollte der Deal zustande kommen, würde VW künftig das fahrbare Chassis für das System der European Sky Shield Initiative (ESSI) fertigen. Zudem wird über die Entwicklung eigener Militärfahrzeuge nachgedacht.
In diesem Bereich ist Mercedes bereits seit längerem aktiv. Der Autobauer hält weiter die Mehrheitsanteile an Daimler Truck, der unter anderem Lastwagen für das Militär – etwa für die Bundeswehr – produziert. Darüber hinaus wird gemunkelt, dass der deutsch-französische Panzerbauer KNDS das Mercedes-Werk in Ludwigsfelde südlich von Berlin mieten oder sogar komplett übernehmen könnte.
Doch das reicht Mercedes offenbar nicht. Der Konzern will selbst im Rüstungssektor Fuß fassen. Wie Vorstandschef Ola Källenienius dem Wall Street Journal (WSJ) mitteilte, zeige man sich bereit, Teil der Rüstungsindustrie zu werden – sofern dies wirtschaftlich sinnvoll sei.
Allerdings werde man das Geschäft nicht vollständig auf Militärtechnik umstellen. Der Verteidigungsbereich solle nur einen kleinen Teil ausmachen, könne aber als Wachstumssparte das Gesamtergebnis verbessern, so Källenius.
Den Schwenk begründet der Deutsch-Schwede mit geopolitischen Entwicklungen: „Die Welt ist unberechenbarer geworden, und ich denke, es ist völlig klar, dass Europa sein Verteidigungsprofil stärken muss.“ Falls Mercedes dabei „eine positive Rolle spielen kann“, wäre der Konzern dazu bereit.
Konkrete Produktionsentscheidungen – wie sie bei VW kolportiert werden – scheint es bei Mercedes noch nicht zu geben. Branchenkenner halten es für eher unwahrscheinlich, dass der Autohersteller künftig Waffen oder Kampfpanzer baut. Naheliegender sei die Herstellung von Bauteilen oder Spezialkomponenten, heißt es. Es gehe um Bereiche, in denen der Konzern auf bestehendes Know-how zurückgreifen könne.
Mit der Neuausrichtung auf das Rüstungsgeschäft könnte Mercedes an seine historischen Wurzeln anknüpfen. Schon die Vorgängerfirmen Daimler und Benz beziehungsweise Daimler-Benz produzierten während des Ersten und Zweiten Weltkriegs für die deutsche Rüstungsindustrie, darunter Flugzeugmotoren.
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