Das Statistische Bundesamt veröffentlicht regelmäßig neue Daten, die den fortschreitenden Prozess der Deindustrialisierung in Deutschland verdeutlichen. Seit Februar 2022 ist die Produktion in den energieintensiven Industriezweigen um insgesamt 15,2 Prozent zurückgegangen.
Zu diesen energieintensiven Branchen zählen die Metallverarbeitung, die Herstellung von Glas, Porzellan und Papier, die chemische Industrie, die Produktion von Baustoffen wie Beton und Zement sowie die Mineralölindustrie. Gemeinsam sind diese Sektoren für drei Viertel des gesamten industriellen Energieverbrauchs verantwortlich.
Allerdings variiert der Rückgang innerhalb dieser Branchen erheblich. Bei Glas, Glaswaren und Keramik betrug der Produktionseinbruch in den letzten vier Jahren 25 Prozent. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass Glasschmelzöfen nach dem Abschalten nicht einfach wieder in Betrieb genommen werden können, sondern komplett neu errichtet werden müssen. Bereits im Jahr 2022 stellte eine ganze Reihe dieser Anlagen ihren Betrieb ein.
Noch drastischer ist die Entwicklung bei den Baustoffen, wo die Produktion um 29,3 Prozent sank. Dies erschwert jede Form von Bauinvestitionen, sei es im Wohnungsbau oder in der Infrastruktur, massiv. Schon das Ausgangsniveau von 2022 lag weit unter den Höchstwerten der 1980er-Jahre. Eine ohnehin geschwächte Industrie wurde also noch einmal um fast ein Drittel dezimiert. Gleichzeitig sind die Preise für entsprechende Produkte entsprechend gestiegen.
Die Papierindustrie und die chemische Industrie verzeichnen mit Rückgängen von 18,5 Prozent beziehungsweise 18,1 Prozent ähnliche Entwicklungen. Besonders bei den großen Anlagen der chemischen Industrie stellt sich die entscheidende Frage, ab wann die Auslastung für einen wirtschaftlichen Betrieb zu gering wird. Moderne, komplexe Industrieanlagen benötigen meist eine Auslastung von über 80 Prozent, um nicht dauerhaft Verluste zu produzieren. Bereits in den vergangenen Jahren zeichnete sich der Trend ab, ganze Produktionsbereiche ins Ausland, etwa nach China, zu verlagern.
In der Metallverarbeitung fiel der Rückgang mit 12,9 Prozent etwas moderater aus. Ein einziger Sektor der energieintensiven Industrien verzeichnete einen Zuwachs: die Mineralölverarbeitung, deren Produktion im Vergleich zu 2022 um 24,6 Prozent anstieg.
Der Produktionsrückgang zieht auch einen Rückgang der Beschäftigung nach sich. Am stärksten betroffen war die Papierindustrie, die 10.200 Stellen (minus 8,6 Prozent) verlor. In der Metallverarbeitung gingen 16.000 Arbeitsplätze (minus 7,1 Prozent) verloren, bei Glas und Glaswaren sowie in der Baustoffindustrie waren es 9.800 Stellen (minus 6,4 Prozent). In der Mineralölindustrie hingegen stieg die Zahl der Beschäftigten um 1.000 (plus 5,8 Prozent).
Dass der Arbeitsplatzverlust weitaus geringer ausfällt als der Produktionseinbruch, liegt an der Struktur dieser großindustriellen Anlagen: Der Personalbedarf ist hier relativ unflexibel. Eine chemische Großanlage kann entweder mit der erforderlichen Belegschaft betrieben werden oder muss komplett stillgelegt werden. Gehen Arbeitsplätze verloren, dann oft die eines gesamten Werks.
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