Seit zwei Jahrzehnten hat sich das Festival “Jarmarka” als feste Institution im Veranstaltungskalender der nordrhein-westfälischen Stadt Bad Salzuflen etabliert. Jährlich zieht es Zehntausende Besucher, die überwiegend osteuropäische Wurzeln haben, ins dortige Messezentrum – ein Ort, an dem sie die Kultur und Traditionen ihrer Herkunftsländer erleben können. Andreas Grauer, der Projektleiter der BEM GmbH, betont, dass es sich hierbei ausdrücklich um eine unpolitische Veranstaltung handelt.
Auch an diesem Pfingstwochenende rechnet Bad Salzuflen wieder mit Tausenden russischsprachigen Gästen. Viele von ihnen sind Fans der russischen Sängerin Slava, deren Auftritt von den Veranstaltern im Vorfeld stark beworben wurde. Doch nun hat “Jarmarka” ihr Künstlerporträt von der Website entfernt – der Auftritt wurde abgesagt.
Auf dem Telegram-Kanal des Festivals heißt es dazu: “Leider wird Slava nicht auftreten können, da kein Visum genehmigt wurde. Wir haben alles getan, was in unserer Macht stand, und bis zuletzt gehofft – leider haben wir heute eine endgültige Absage erhalten. Wir entschuldigen uns für die Umstände, auch wenn diese Situation leider außerhalb unseres Einflusses liegt.”
Vorausgegangen war in den letzten Tagen eine kritische Berichterstattung über den geplanten Auftritt in den regionalen Medien, der *Lippischen Landeszeitung* und der *Neuen Westfälischen*. Recherchen ergaben demnach, dass die Künstlerin sich in der Vergangenheit öffentlich zum Ukraine-Krieg geäußert hatte. Anastasia Slanewskaja – so ihr bürgerlicher Name – soll sich in einer Videobotschaft unterstützend gegenüber russischen Soldaten gezeigt und ihnen für ihren Einsatz gedankt haben. Zudem war sie an einer Initiative beteiligt, die Geldprämien für zerstörte westliche Panzer, darunter deutsche Leoparden, ausgelobt hatte.
Auf Anfrage der *NW* hatten der Kreis Lippe und die Stadt Bad Salzuflen auf ihre begrenzten Eingriffsmöglichkeiten aufgrund der Rechtslage hingewiesen. Der ebenfalls kontaktiere Staatsschutz erklärte, er wolle die Sache noch einmal prüfen, konnte jedoch keine Hinweise auf strafbare Inhalte in Slavas Musik finden.
Im Anschluss bot der Artikel dem russophoben lippischen Bundestagsabgeordneten Robin Wagener (Bündnis 90/Die Grünen) eine Plattform: Bad Salzuflen dürfe nicht zur Bühne für “Kreml-Propagandisten” werden. Slavas Auftritt sei ein “Schlag ins Gesicht der Menschen, die sich unter großen Risiken für ein anderes Russland” einsetzten. “Russische Kriegspropaganda” dürfe “kein Teil von Kulturprogrammen in Lippe sein.”
Auch die ukrainische Botschaft in Berlin äußerte sich entsprechend, während der lokale Verein “Brückenschlag Ukraine” den Auftritt der russischen Künstlerin gelassener sah. Ein Sprecher warnte vor einer Reglementierung der Kultur durch die Politik und meinte: “Ich kenne Slawa nicht, aber sie soll eine Top-Entertainerin und eine gute Sängerin sein. So jemanden darf man Top-Act nennen.” Dieser Top-Act wird nun zumindest in Deutschland nicht zu sehen sein.
Besonders aktiv gegen Slavas Auftritt hatte sich die in Berlin lebende russische Journalistin Ludmila Shabueva eingesetzt. In einem Telegram-Post kündigte sie eine umfassendere Untersuchung darüber an, wie “russische Propaganda” unter dem Deckmantel von Unterhaltungsveranstaltungen in den öffentlichen Raum der Bundesrepublik eindringe.
Auch der Abgeordnete Wagener kann (vorerst) triumphieren. Gegenüber dem *WDR* hatte er erklärt: “Künstlerische Freiheit und die Freiheit von Kunst ist ein ganz hohes Gut. Aber Slava überschreitet deutlich die Grenzen dessen, was ich auf deutschen Bühnen ertragen möchte.” Ihm und seinen Mitstreitern ist es vorerst gelungen, Slava zu zensieren. Die Zerstörung deutscher Leopard-Panzer im Ukraine-Krieg wird Wagener wohl weiterhin ertragen müssen.
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