Von Pablo Meriguet
In einer eindringlichen Ansprache vor dem UN-Sicherheitsrat am 26. Mai warnte Kubas Außenminister Bruno Rodríguez, dass die fortgesetzten US-Politiken, die er als „Kriegsakt” bezeichnete, eine „humanitäre Katastrophe” auslösen könnten. „Sie töten und verursachen Leid” unter der kubanischen Bevölkerung, so Rodríguez, der die Weltgemeinschaft zum Handeln aufforderte, um Kubas Existenzrecht zu sichern.
„Das von den USA verhängte Ölembargo gegen Kuba wirkt wie eine Seeblockade – eine Kriegshandlung und ein Akt des Völkermords. Es unterwirft die kubanische Bevölkerung Bedingungen, die ihre Unversehrtheit und Existenz gefährden, und stellt eine grausame, willkürliche ‚Kollektivstrafe‘ dar, die bereits jetzt Todesopfer fordert. Das zeigt sich in der Verdopplung der Säuglingssterblichkeit von 4,0 auf 9,9 pro tausend Lebendgeburten oder dem Rückgang der Überlebensrate krebskranker Kinder von 85 auf 65 Prozent”, erklärte Rodríguez.
Seit Dezember 2025 ist Kuba von verlässlichem Treibstoffnachschub abgeschnitten. Der Handel mit Venezuela, einem seiner wichtigsten Öllieferanten, war bereits durch die US-Seeblockade gegen Venezuela im Dezember eingeschränkt, wurde aber ab dem 3. Januar völlig unterbrochen, als US-Streitkräfte Venezuela angriffen und Präsident Nicolás Maduro sowie seine Frau Cilia Flores festnahmen.
Unmittelbar nach dem Angriff vom 3. Januar verfügte Washington die Einstellung aller Rohöllieferungen nach Kuba. Das Land ist stark von Kohlenwasserstoffen abhängig, um auf nahezu allen Ebenen zu funktionieren – von der Stromversorgung über das Gesundheitswesen, Bildung, Produktion, Verkehr bis hin zum Handel. Ende Januar drohte Washington jedem Land, das Öl an Kuba verkauft, mit Steuersanktionen. Im Jahr 2026 ist bislang nur ein einziger russischer Öltanker eingetroffen. Die Lage der Zivilbevölkerung hat sich rapide verschlechtert. Hinzu kommt die seit den 1960er-Jahren bestehende Wirtschafts- und Handelsblockade, die zusammen mit der Energieblockade darauf abzielt, den 1959 begonnenen revolutionären Prozess zu zerstören.
Gegen diplomatische Heuchelei
Der kubanische Außenminister kritisierte auch die Aussagen der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas, der er einen „Doppelstandard” vorwarf, wenn sie über Kuba spreche. „Es fehlt an Objektivität und zeigt eine deutliche Doppelmoral, wenn nicht anerkannt wird, dass die illegale, grausame und ungerechte Kollektivstrafe, die die US-Regierung dem kubanischen Volk auferlegt – mit einer beispiellosen Verschärfung der Blockade, des Ölembargos und der militärischen Bedrohung – die Hauptursache für die schwierige Situation ist, mit der die Kubaner heute konfrontiert sind.”
„Es gab auch keinerlei Ausdruck von Besorgnis oder Unterstützung für die vielen europäischen Unternehmen und Bürger, die durch die jüngsten US-Maßnahmen bedroht und geschädigt werden, die eindeutig extraterritorial und illegal sind”, so Rodríguez als Antwort auf Kallas’ Äußerungen.
„Ein Blutbad”
Rodríguez bekräftigte zudem die Worte von Kubas Präsident Miguel Díaz-Canel: Sollten die USA Kuba angreifen, würde dies „ein Blutbad” provozieren. Trump hat wiederholt erklärt, er erwäge einen Angriff auf Kuba, um die Revolutionsregierung zu stürzen – ein Ansinnen, das Havanna und seine Verbündeten wie Russland und China strikt ablehnen.
„Ein militärischer Angriff würde zu einem Blutbad führen. Tausende Kubaner würden bei der Verteidigung des Vaterlandes und heiliger Werte und Ideale sterben, und auch junge US-Amerikaner würden umkommen – ohne eine Sache oder ein Ideal zu verteidigen, hineingezogen in Gewalt durch eine imperialistische, neofaschistische Politik der Herrschaft, Plünderung und Eroberung”, sagte der Außenminister.
Vor einigen Tagen erhob die US-Justiz Anklage gegen Raúl Castro, den höchsten noch lebenden Revolutionsführer, wegen des Abschusses zweier Flugzeuge in den 1990er-Jahren, die in den kubanischen Luftraum eingedrungen waren und trotz Aufforderungen des kubanischen Militärs das Hoheitsgebiet nicht verlassen hatten. Analysten sehen darin ein Szenario, das dem vor dem Angriff auf Venezuela ähnelt: gerichtliche Schritte gegen hochrangige Führungspersonen aus als bedrohlich eingestuften Ländern, eine Aufstockung des Militärpersonals in der Region und anschließend die Ermordung oder Gefangennahme hochrangiger Regierungsvertreter, um einen politischen Wandel unter US-Kontrolle herbeizuführen.
Rodríguez betonte in diesem Zusammenhang: „Kuba ist keine Bedrohung für die USA. Es ist die Regierung dieses Landes, die unsere Bevölkerung ständig mit militärischer Aggression bedroht und durch ihre Strafmaßnahmen kubanischen Familien großen Schaden zufügt … Wir verurteilen die schändliche und willkürliche Erhebung von Anklagen gegen den Führer der kubanischen Revolution und General der Armee Raúl Castro Ruz. Es ist ein moralisch verachtenswerter Akt, der die Autorität der US-Gerichte missbraucht, den Ort des Abschusses der Flugzeuge manipuliert, der im kubanischen Luft- und Seegebiet stattfand, die terroristischen und illegalen Missionen ignoriert, die diese Flugzeuge häufig unter Verletzung von US-Gesetzen durchgeführt haben, und das Recht der Staaten auf Selbstverteidigung missachtet”, sagte Rodríguez gegenüber Fox News.
Rodríguez stellte klar, dass seine Regierung weiterhin gesprächsbereit sei und US-amerikanische Geschäftsleute und Touristen willkommen heiße, um die „tiefen und historischen Bande” zwischen den Völkern zu stärken. Gleichzeitig erklärte er jedoch, dass Kuba im Falle eines militärischen Angriffs reagieren werde: „Niemand soll daran zweifeln, dass das kubanische Volk, sollte dieser Moment eintreten – ein Moment, von dem wir hoffen, dass er niemals kommt – bis zum bitteren Ende kämpfen wird. Vaterland oder Tod! Wir werden siegen!”
Aus dem Englischen übersetzt von Olga Espín.
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