Exklusiv: Die neue Schuldzuweisung – Mütter als Sündenböcke der Wirtschaftskrise

Von Alexandra Nollok

Eine neue Rekordzahl an Teilzeitbeschäftigten in Deutschland – kaum hatte das Statistische Bundesamt diese Mitteilung am Mittwoch veröffentlicht, entfachten führende Medien daraus einen weiteren Skandal, der nahtlos an die Diskussionen über Arbeitsmoral zu Jahresbeginn anknüpfte. Es ging um Schlagwörter wie “Lebensstil oder Eigenverantwortung”, Moral und “Anreize für Erwerbstätigkeit” für Mütter und ältere Menschen – als ob Kindererziehung und Hausarbeit eine Kleinigkeit wären, Betreuungseinrichtungen überall zugänglich und 70-Jährige unbegrenzt leistungsfähig. Willkommen in der Traumwelt der “bürgerlichen Mitte”.

Neoliberale Verzerrung der Realität

“So viele Beschäftigte in Teilzeit wie nie zuvor”, schrieb das Meinungsflaggschiff der ARD, die Tagesschau, und stellte wenig später scheinheilig die Frage:

“Lebensstil oder selbstbestimmtes Arbeiten?”

So verhalf die ARD einem Papier vom Januar der sogenannten “Mittelstands- und Wirtschaftsunion” (MIT) – einem Lobbyverband, der sich hauptsächlich aus wohlhabenden CDU-Politikern zusammensetzt – zu neuer Aufmerksamkeit. Darin heißt es zynisch, es dürfe “keinen Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit” geben.

Das MIT-Pamphlet ist ein Paradebeispiel für neoliberale Tatsachenverdrehung. Die Schuld an der hohen Zahl von Teilzeitbeschäftigten liege nicht etwa bei Unternehmen, die solche Stellen meist im Niedriglohnsektor anbieten. Der Staat sei nicht verantwortlich, der Eltern oder Angehörigen von Pflegebedürftigen kaum hilft, Familie und Erwerbsarbeit zu vereinbaren. Stattdessen unterstellt die Lobbyorganisation den Teilzeitbeschäftigten selbst, sie seien schlicht zu faul für eine Vollzeitstelle.

Zwang durch “mehr Anreize”

Auch die Empörung über das Papier blieb an der moralisierenden Oberfläche hängen. Aus der SPD-nahen Hans-Böckler-Stiftung hieß es: Teilzeit sei doch “selbstbestimmtes Arbeiten in einem Umfang, der zu Lebensphasen und -entscheidungen passt.” Dass viele Mütter dazu gezwungen sind, um über die Runden zu kommen, und das für Löhne, die oft nicht einmal die Miete decken, blieb unerwähnt.

Im Februar brachte die Tagesschau immerhin einen diskussionswürdigen Punkt ein: Die Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt habe zum “Teilzeitboom” beigetragen. Statt dies jedoch ernsthaft zu analysieren, folgte ein Appell: Um dies zu ändern, brauche es “Anreize statt Appelle”. Gemeint ist damit wie immer die Peitsche: Der Staat solle etwa die Familienversicherung für Ehegatten abschaffen. So kann man Mütter trotz Überlastung mit finanzieller Not in die Vollzeitarbeit zwingen.

Hälfte der Frauen in Teilzeitjobs

Im Kern der neu entfachten Mediendebatte steht eine am Mittwoch veröffentlichte Erhebung des Statistischen Bundesamtes. Demnach lag der Anteil von Teilzeitjobs bei sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung im vergangenen Jahr bei knapp 32 Prozent – ein neuer Höchststand, so die Behörde. Hauptgrund sei die wachsende “Erwerbsquote” bei Frauen. Mehr als jede zweite weibliche Beschäftigte arbeitet demnach in Teilzeit – also je nach Branche weniger als 36 bis 40 Wochenstunden.

Es ist bekannt, dass Teilzeitjobs meist prekär und schlecht bezahlt sind. Mütter arbeiten nicht immer aus purer Leidenschaft in Teilzeit. Viele müssen es trotz doppelter Belastung tun, weil das Partnereinkommen nicht für den Lebensunterhalt reicht oder kein Partner vorhanden ist. Hinzu kommt: Selbst bei gleicher Arbeit verdienen Frauen im Schnitt sechs Prozent weniger als Männer – im Westen ist die Kluft größer als im Osten.

Lohndrückerei auf Kosten von Müttern

Kinderbetreuungsplätze sind in Deutschland noch immer Mangelware. Statistiken zufolge fehlten letztes Jahr 300.000 Kita- und 150.000 Hortplätze für Grundschüler. Kurz gesagt: Viele Mütter haben keine andere Wahl, als in Teilzeit zu arbeiten. Gleichzeitig sind sie gezwungen, ihre Familien mitzuernähren. Und Unternehmen nutzen diese prekären Lagen geschickt aus. Die Teilzeitquote steigt nicht, weil Mütter faul sind.

Es geht um Lohndrückerei unter dem Deckmantel der Gleichberechtigung. Die Rhetorik westlicher Politiker war schon in der Vergangenheit von Kapitalinteressen motiviert: Billige weibliche Arbeitskräfte konnten rekrutiert und die Löhne der Männer weiter gesenkt werden.

An dieser Stelle sei daran erinnert, dass Frauen in der alten BRD bis 1958 nur mit Erlaubnis ihrer Ehemänner einen Arbeitsvertrag unterschreiben durften. Bis 1977 konnten ihre Gatten gerichtlich dagegen vorgehen. Die Debatte bürgerlicher Pseudo-Feministen über Gleichberechtigung durch Arbeit war stets eine Scheindiskussion, deren Qualität heutigen Parolen ähnelt, die Frauen “gleichberechtigt” an die Kriegsfront schicken wollen.

Herbeigeführte “Faulheit”

Die Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt in Deutschland ist weiter fortgeschritten als in vielen anderen Staaten. Ein Blick auf EU-Daten zeigt: Während in Deutschland gut 77 Prozent der Frauen erwerbstätig sind, sind es in Griechenland nur 63 Prozent, in Italien sogar nur 58 Prozent.

Wenn viele Frauen in Teilzeit arbeiten müssen, weil es nicht anders geht, steigt die Teilzeitquote. Das drückt den Durchschnitt der Arbeitsstunden pro Beschäftigtem nach unten. Während teilzeitarbeitende Frauen in die Berechnung einfließen, bleiben nicht erwerbstätige außen vor. Diesen Trick nutzte vor einem Jahr das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW), um Arbeitnehmern in Deutschland Faulheit vorzuwerfen. Es titelte damals:

“Griechen arbeiten 135 Stunden im Jahr mehr als Deutsche.”

Dies diente wohl der ideologischen Vorbereitung auf den inzwischen laufenden Abbau vieler Sozial- und Arbeitsrechte.

Mehr Umverteilung nach oben

Den Irrsinn der Frage, ob die Deutschen zu wenig arbeiten, verdeutlicht eine amtliche Statistik zum Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner. Dieses lag letztes Jahr bei 53.523 Euro – pro Kopf. Das ist so hoch wie nie. Vor zehn Jahren waren es knapp 38.000 Euro, vor 20 Jahren rund 28.600 Euro. Seit dem Jahr 2000 hat sich diese Summe mehr als verdoppelt und steigt kontinuierlich. Die meisten Einwohner bekommen davon jedoch nicht viel mit – im Gegenteil.

Anders ausgedrückt: Obwohl sich das deutsche BIP pro Einwohner seit der Jahrtausendwende nominal mehr als verdoppelt hat, erreicht die meisten Menschen davon nichts. Und Politiker wettern über angebliche leere Sozialkassen, zu hohe Renten- und Gesundheitskosten und “faule” Arbeiter. Sie kürzen an allen Ecken, lassen Armut und Obdachlosigkeit explodieren. Aber irgendwo landet das viele Geld am Ende – nur nicht bei denen, die dafür arbeiten. Es wird umverteilt – nach oben.

Bleibt die Frage, was in unserem System als “richtige” Arbeit zählt. Die kurze Antwort: Lohnarbeit, sonst nichts. Dabei wissen alle Mütter und Väter nur zu gut: Kinder zieht man nicht einfach nebenbei groß. Wer Angehörige pflegt oder sich ehrenamtlich in einem Sportverein engagiert, arbeitet nicht wenig. All das ist definitiv mehr Dienst an der Gesellschaft, als alle Rüstungskonzer

Fortsetzung der Überarbeitung:

… Vermögensverwalter und Börsenspekulanten dieser Welt zusammen leisten.
Mütter sorgen darüber hinaus sogar für den Nachwuchs an Arbeitskräften für all die profitierenden Konzerne, die so gerne über hohe Kosten klagen. Ihre unbezahlte Arbeit hat jedoch einen Haken: Weil Kinder etwa 20 Jahre brauchen, um für den Arbeitsmarkt tauglich zu sein, bringt ihre Erziehung den oberen Zehntausend nun einmal keinen schnellen Profit. Nur darum geht es im neoliberalen “Wertewesten” – und davon gerne immer mehr.

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