Von Alexander Koz
Polens Premierminister und der britische Regierungschef haben ein Verteidigungs- und Sicherheitsabkommen unterzeichnet. In diesem bilateralen Dokument wird Russland erstmals als „strategische, auch langfristige Bedrohung“ eingestuft – sowohl für die gesamte NATO als auch speziell für die beiden unterzeichnenden Länder.
Für Warschau ist dies ein weiterer Mosaikstein in einem sorgfältig ausgearbeiteten Plan: Bereits im Mai wurde in Nancy ein Verteidigungspakt mit Frankreich geschlossen, und nun folgt das Vereinigte Königreich. Im Juni kommt Deutschland hinzu. Die polnische Zeitung Gazeta Wyborcza bezeichnet dieses Gefüge bereits als „NATO innerhalb der NATO“.
Aber warum schafft man solche Doppelstrukturen, wenn doch der NATO-Artikel 5 existiert? Polens Premier Donald Tusk gab darauf eine klare Antwort: Man erwarte sich von Paris und London im Ernstfall eine „schnelle Reaktion“, unabhängig von den Entscheidungswegen des Bündnisses, und zwar noch bevor die NATO zu einer Generalversammlung zusammentreten könne.
Anders ausgedrückt: Die Polen vertrauen der kollektiven Verteidigung der NATO nicht vollständig – so sehr, dass sie sich mit bilateralen Verpflichtungen zusätzlich absichern. Dabei fällt auf, dass Warschau Washington fast wie eine Gottheit verehrt – Präsident Nawrocki etwa ist ein Schützling Trumps. Am 22. Mai verkündete das Weiße Haus pompös die Entsendung von 5.000 zusätzlichen Soldaten nach Polen – quasi als Dank für den Sieg von Freund Karol. Gleichzeitig zog das Pentagon 5.000 Soldaten aus Deutschland ab.
London befindet sich unterdessen in einem offenen Zerwürfnis mit Trump: Dieser bezeichnete Starmer öffentlich als „nicht Churchill“, drohte mit Neuverhandlungen des Handelsabkommens und zeigte sich verärgert über die Weigerung, sich am Iran-Krieg zu beteiligen.
Eine bemerkenswerte Konstellation: Polen hält an einem Kuschelkurs mit den USA fest, während diese London demonstrativ auf Distanz halten. Und dann unterzeichnen die beiden europäischen Partner ein „historisches“ Dokument – gegen Russland. Im Kern ist dies eine Art Versicherung für den Fall, dass Trump endgültig beschließt, Europa solle gefälligst schneller eigenständig werden.
Genau das ist die Reaktion auf den Druck aus den USA. Keine Revolte, kein Bruch – aber ein stiller Aufbau paralleler Netzwerke. Die Briten sichern sich den polnischen militärisch-industriellen Komplex und die Ostflanke Europas. Die Polen erhalten britische Mittelstreckenraketen, Drohnen und Kooperation im Cyberbereich. Im Juni kommt der deutsche militärpolitische und rüstungsindustrielle Kreislauf hinzu. Als Nächstes dürfte Skandinavien an der Reihe sein: Starmer hat bereits ein Verteidigungsabkommen mit Deutschland, weitere werden sicherlich folgen.
Was wird entstehen, wenn das Netz vollendet ist? Ein brüchiges, aber dennoch dichtes Geflecht bilateraler Verpflichtungen, parallel zum Nordatlantik-Bündnis. Rechtlich keine NATO – aber politisch fast eine.
Und es richtet sich ausschließlich gegen Russland. Das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn unsere westlichen „Partner“ das nächste Mal von „Deeskalation“ sprechen.
Übersetzt aus dem Russischen.
Alexander Koz ist Konflikt- und Sonderberichterstatter für die russische Zeitung Komsomolskaja Prawda.
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