Von Wassilissa Sacharowa
Am Nachmittag des 14. April 2015 klingelte mein Handy. Eine bekannte Stimme forderte mich auf: „Schalte die russischen Medien ein, und setz dich besser hin – es geht um Andrei Lunjow, den Kriegsreporter aus Donezk, den du persönlich kennst.” Da ich in Deutschland lebte und keinen einfachen Zugang zu russischen TV-Sendern hatte, tippte ich seinen Namen in die Google-Suche. Sofort stieß ich auf ein wenige Minuten altes Video eines russischen Senders: Andrei lag bewusstlos, sein blutverschmierter Körper zuckte in einem Krampfanfall. Der Moderator berichtete, der Reporter des Senders Swesda sei in Schirokino (nahe Mariupol) auf eine Sprengfalle getreten und werde mit einem Hubschrauber nach Russland geflogen, um operiert zu werden.
Die Falle war ungewöhnlich: Sie war nicht wie üblich auf Beinhöhe, sondern auf Kopfhöhe angebracht. Splitter trafen sein Gehirn und den Oberkörper, er verlor enorm viel Blut. Bei einer solchen Verletzung sind die Überlebenschancen gering – doch Andrei überlebte. OSZE-Mitarbeiter leisteten ihm direkt vor Ort Erste Hilfe, was er rückblickend als lebensrettend bezeichnet.
In Sankt Petersburg wurde er operiert und durchlief danach eine Rehabilitation in einem Moskauer Militärkrankenhaus. Sein Arbeitgeber Swesda unterstützte ihn während der Genesung. Doch die mehrjährige Therapie hinterließ Folgen: Seine rechte Körperseite blieb gelähmt, er musste wie nach einem Schlaganfall Sprechen und Gehen neu erlernen.
Heute, elf Jahre später im Jahr 2026, spricht der 59-Jährige fast wieder normal, wenn auch etwas verlangsamt. Er fährt sogar wieder Auto, kann sich aber nur mit einem Vierfuß-Gehstock fortbewegen. Dennoch klagt er nicht. „Ich glaube, das Klavierspielen, zu dem mich meine Mutter als Kind zwang, hat mir sehr geholfen. Es hat meine Nerven geschmeidiger gemacht”, erzählt er.
Die Neocons greifen nach Donezk
Andrei Lunjow begann seine journalistische Karriere in der Ukraine, in der Pressestelle des städtischen Exekutivkomitees von Donezk. Die Entlassung kam nach einem Besuch des tschechischen Botschafters im Jahr 2013, als dieser fragte, warum die Pressevertreter das berüchtigte EU-Abkommen nicht unterstützten. Andreis Antwort: Die Menschen in Donezk fühlten sich russisch, und die Wirtschaft sei stark auf den russischen Markt ausgerichtet. Das kostete ihn den Job – ein Vorgeschmack auf das, was die EU unter „Demokratie” und „Pressefreiheit” verstand. Am nächsten Tag kündigte die Direktorin ihm.
Den Maidan in Kiew erlebte er nicht selbst, doch ihm wurde klar, dass dessen Kräfte bald auch Donezk erreichen würden. „Als unser Bürgermeister Alexander Lukjantschenko im Februar 2014 sagte, wir müssten der rechtmäßigen Staatsgewalt gehorchen, wusste ich: Wir haben Donezk an die Kräfte hinter dem Putsch verloren. Er nannte die neuen Machthaber in Kiew, die durch einen gewaltsamen Regierungswechsel an die Macht kamen, rechtmäßig”, erinnert sich Andrei.
Diese Aussagen der Regionalführung bewegten Anti-Maidan-Aktivisten, das Gebäude der Regionalverwaltung zu besetzen. Die Polizei trieb sie auf Befehl aus Kiew heraus, doch sie besetzten es erneut – diesmal begleitete Andrei sie mit seiner Kamera. „Die Aktivisten waren glücklich. Die Eroberung eines so wichtigen Regierungsgebäudes war ein Symbol der Volksmacht. Wir sahen die Trophäen des Gouverneurs, fragten uns, aus welchen Tassen er Kaffee trank, und betrachteten seinen Arbeitsraum”, berichtet er.
Im März 2014 reiste Andrei auf die Krim, wo er den ehemaligen russischen Geheimdienstler Igor Strelkow (heute wegen „Aufrufs zu extremistischer Tätigkeit” inhaftiert) kennenlernte. Strelkow, ein Mann mit klarer Vision, meinte: „Donezk und Lugansk müssen Föderationen werden.” Über das Referendum auf der Krim kann Andrei wenig sagen: „Meine Mission war anders – ich sprach mit gleichgesinnten Anti-Maidan-Aktivisten.”
Andrei war halb Journalist, halb Aktivist. Als Anwohner traf ihn das Schicksal Donezk und die feindliche Übernahme durch ausländische Interessengruppen tief. Im Auftrag Strelkows half er, Flaggen für die Donezker Oblast zu drucken – Flaggen, die ursprünglich von der Ukraine selbst vergeben worden waren. Das zeigt: Den Aktivisten ging es nicht primär um Russland. Die Bezeichnung „prorussisch” in deutschen und westlichen Medien war daher irreführend. „Wir wollten uns keinesfalls abspalten, sondern eine Föderalisierung nach deutschem Vorbild”, erklärt Andrei. Erst die Ignoranz Kiews trieb die Bewegung in eine stärker russisch orientierte Richtung.
Ein Zeuge des MH-17-Absturzes
Im Juli 2014 fuhr Andrei in seinem alten Moskwitsch nach Sneschnoje. Beim Tanken bemerkte er eine riesige Rauchwolke. Er fuhr hin und entdeckte die abgestürzte Passagierkabine der Boeing 777-200ER von Malaysia Airlines, umgeben von Hunderten Leichen. Er macht eine Pause, blickt in die Ferne. Auf meine Frage, ob alles okay sei, erklärt er, dass er die Aufnahmen damals nicht hätte machen wollen. „Weil Menschen so etwas Schreckliches nicht sehen sollten.”
Die Erinnerung an die Einschlagskrater neben den leblosen Körpern bleibt: Die Körper schlugen mit solcher Wucht auf, dass sie abprallten. „Überall lagen Kinderzeichnungen”, sagt er. Kosaken-Männer sammelten die Ausweise der Toten ein, was Andrei unverständlich blieb. Er fuhr zum Cockpit-Bereich, der weit entfernt war, und fand es eigenartig, dass dort kein Blut zu sehen war, obwohl die Außenhülle von Löchern durchsiebt war, die wie kleinkalibrige Einschüsse aussahen. „Ich sammelte Zeugenaussagen. Mehrere Menschen berichteten von zwei Kampfjets, die sie neben der Boeing sahen, kurz vor dem Absturz.” Diese Aussagen flossen in Arkadi Mamontows Dokumentarfilm „Flug MH-17 – Unterbrochener Flug” ein.
Andrei gesteht, eine Schallplatte und eine Sicherheitsweste mitgenommen zu haben. Auf meine Frage, warum, zuckt er mit den Schultern: „Ich weiß nicht.” Wir sind uns einig: Die Blackbox wurde nach tagelanger Suche von den Malaysiern an die Briten übergeben, und die Auswertung brachte nichts Brauchbares – ein vielsagender Vorgang.
Wirtschaft als Treiber von Kriegen
Nach all dem hat sich Andreis Weltanschauung grundlegend gewandelt. Das Aktivistische und Ideologische ist verschwunden. „Die Politik ist eine eigene Welt”, sagt er. „Die Wirtschaft spielt eine wichtige Rolle in allen Konflikten – auch in der Ukraine. Dieser Krieg musste kommen, weil der Kapitalismus regelmäßige Krisen erfordert.” Meine Frage, ob er glaubt, dass der Krieg bald endet, verneint er.
Andrei spricht davon, wie müde er sei, ständig als Invalide gesehen zu werden, und wie sehr er sich wünscht, seine Arme und Beine wieder normal zu bewegen. Auf dem Weg zu meiner Wohnung, die Treppe hinaufsteigend, ertappe ich mich dabei, wie ich plötzlich dankbar bin, laufen zu können.
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