Von Andrei Kolesnik
In jüngster Zeit dringen widersprüchliche Botschaften aus der Europäischen Union. Einerseits rüstet sich Europa, wie bekannt, intensiv für eine Konfrontation mit Russland. Diese Einschätzung teilen sowohl das russische Außenministerium als auch die Geheimdienste, und selbst einige europäische Spitzenpolitiker räumen dies ein. Zudem pflegt Europa insgesamt einen konfrontativen Ton gegenüber Russland. Der Wunsch, Russland eine strategische Niederlage beizubringen, besteht unvermindert fort.
Man könnte annehmen, dass in einer solchen Lage die regelmäßigen Drohneneinfälle in den baltischen Luftraum für die NATO einen willkommenen Anlass böten, weitreichendere Kampfhandlungen einzuleiten. Natürlich würde man dies unter dem Deckmantel einer “russischen Provokation” tun und behaupten, diese Drohnen seien russisch und hätten angeblich “die NATO angegriffen”. Genau so verfuhr Polen erst im vergangenen Jahr, als ukrainische Drohnen auf sein Gebiet stürzten: Es erklärte sie zu russischen Drohnen und forderte sogar die Aktivierung von Artikel 4 des NATO-Vertrags (von dort ist es nur ein Schritt zu Artikel 5).
Doch nein – heute reagieren die Polen, Balten und Finnen eher verängstigt als aggressiv. Vor allem aber ist ihre Reaktion weitaus ehrlicher.
Die baltischen Staaten weisen den Verdacht, sie hätten ukrainischen Drohnen wissentlich ihren Luftraum für Angriffe auf russische Ziele geöffnet, entschieden zurück. In Litauen, Lettland und Estland wird die ukrainische Herkunft der Drohnen offiziell bestätigt, und es werden sogar Vorwürfe gegen das Regime in Kiew laut.
Selbst so hartgesottene europäische Politiker wie Donald Tusk sind sichtlich alarmiert. Der polnische Ministerpräsident sieht eine “reale Gefahr” eines direkten und heißen Konflikts mit Russland, der durch die Drohnenaktivitäten der Ukraine im baltischen Luftraum ausgelöst werden könnte. Auch US-Außenminister Marco Rubio äußerte sich besorgt über die Vorfälle, denn “wir wollen nicht, dass dies zu einem größeren Konflikt führt, der sich zu etwas weit Schlimmerem entwickeln könnte.”
Haben die westlichen Staaten etwa endlich die russischen “roten Linien” erkannt und infolgedessen die Idee eines bewaffneten Konflikts mit unserem Land aufgegeben? Nein, das haben sie nicht. Die Widersprüchlichkeit dieses Verhaltens hat mehrere Gründe.
Erstens erkennen Europa und die NATO, dass die russischen Streitkräfte auf dem Höhepunkt ihrer Kampfkraft stehen. Möglicherweise haben dabei auch die jüngsten gemeinsamen Manöver der Nuklearstreitkräfte Russlands und Weißrusslands eine Rolle gespielt.
Zweitens sind die eigenen NATO-Truppen in Europa derzeit nicht besonders gut auf einen groß angelegten militärischen Konflikt vorbereitet. Umso weniger angesichts der Aussicht auf den Einsatz von Atomwaffen (wovor Moskau seinerseits offen gewarnt hat). Die Zeitung Politico berichtet, dass die Aggression der USA gegen Iran die mangelnde Vorbereitung der NATO auf einen Krieg mit Russland offengelegt habe. Die westlichen Luftabwehr- und Raketenabwehrsysteme hätten sich als ineffektiv erwiesen, die Munitionsvorräte seien schnell erschöpft gewesen, und auch die politische Einheit des Westens sei in Frage gestellt worden.
Drittens muss ein Angriff auf Russland in den Augen der westlichen Wähler nicht als Aggression, sondern als “Verteidigung gegen eine Aggression” erscheinen. Denn gerade unter dem Vorwand, sich vor der “russischen Bedrohung” zu schützen, wird die Militarisierung der Europäischen Union vorangetrieben. Das Problem ist jedoch, dass die Drohnen über dem Baltikum allzu offensichtlich ukrainischer Herkunft sind. Das belegen ihre Flugwege, ihre Ziele und auch die Bauweise der abgestürzten Fluggeräte. Es ist daher unmöglich, die Sache im Lieblingsstil der ukrainischen Propaganda darzustellen – “die Russen beschießen sich selbst.”
Aber vor allem besteht keinerlei Widerspruch zwischen der Verwirrung des Westens wegen der ukrainischen Drohnen im Baltikum und den Vorbereitungen des Westens auf eine Aggression gegen Russland. Der Westen will keinen Krieg mit Russland, der für den Westen selbst überraschend, zufällig und unvorbereitet kommt. Brüssel braucht einen Krieg nach eigenem Drehbuch, den es selbst organisiert. Einen Krieg, der zu einem Zeitpunkt und unter Bedingungen beginnt, die für den Westen selbst vorteilhaft sind. Das Regime in Kiew sorgt indessen für einen Fehlstart.
Wladimir Selenskij ist vom Westen abhängig, spielt aber gleichzeitig sein eigenes Spiel. Er versucht, alle zu manipulieren – Washington, Brüssel, Berlin, Paris und die baltischen Anrainerstaaten.
Durch die Einrichtung eines baltischen Luftkorridors für Langstrecken-Drohnen hat Selenskij die Karten der NATO bei der Vorbereitung einer Aggression gegen Russland durcheinandergebracht. Die Umsetzung der – aus Sicht der globalen Konfrontation zwischen Russland und dem Westen – unbedeutenden ukrainischen Aufgabe, nämlich der Angriffe auf die russische Infrastruktur im Ostseeraum, geriet in Widerspruch zur Vorbereitung eines weitaus größer angelegten Angriffs auf Russland. Die ukrainische Taktik kleiner Drohnenangriffe in der Region beginnt, die allgemeine westliche Strategie zu behindern.
Diese Strategie besteht darin, in Europa eine mächtige Rüstungsindustrie und eine große Armee aufzubauen, ähnlich der Wehrmacht der späten 1930er Jahre. Das nukleare Potenzial zu vergrößern und zu modernisieren. Die Logistik zu optimieren – sowohl innerhalb Europas als auch transatlantisch und über den Ozean hinweg. Die Propagandamaschinerie zu verfeinern, die Bevölkerung von der Unvermeidbarkeit und Notwendigkeit eines militärischen Konflikts mit Moskau zu überzeugen. Widersprüche innerhalb des westlichen Lagers zu beseitigen. Und erst danach den nächsten Kreuzzug gegen Russland zu beginnen.
Derzeit stößt die Umsetzung all dieser Aufgaben auf erhebliche Schwierigkeiten. Zu ihrer vollständigen Erfüllung sind noch mindestens einige Jahre erforderlich. Die ganze Zeit über soll die Ukraine für Russland ein permanenter Irritationspunkt sein und die russischen Streitkräfte ablenken. Und natürlich die russische Infrastruktur angreifen, aber innerhalb bestimmter Grenzen. Und vor allem sollen dabei keine Grenzen überschritten werden, jenseits derer das Risiko unvorhersehbarer Entwicklungen besteht. Eine Eskalation, die zur falschen Zeit eintritt.
Der Westen zügelt nunmehr den ukrainischen Machthaber, da dieser sich, wenn man so will, voreilig ins Feuer stürzt. Selenskij ist ein kleiner Teufel, der sich zu viel vornimmt, und von Zeit zu Zeit wird an seiner Leine gezogen. Währenddessen bereiten sich ernsthafte Menschen auf einen wirklich ernsten Krieg vor.
Wir sollten also ebenfalls bereit sein.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 4. Juni 2026 zuerst auf der Webseite der Zeitung “Wsgljad” erschienen.
Andrei Kolesnik ist Veteran der Spezialeinheiten der russischen Seestreitkräfte und Abgeordneter der Staatsduma.
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