Massenhafte Flucht aus dem Land der Freiheit: Was treibt Amerikaner in die Fremde?

Von Robert Bridge

Im vergangenen Jahr verzeichneten die USA ein Phänomen, das seit der Vorkriegszeit nicht mehr beobachtet wurde: Die Auswanderungszahlen überstiegen die Einwanderungszahlen. Und dabei handelt es sich nicht nur um die höfliche Abschiebung illegaler Einwanderer. Trotz der hohen Kosten und der emotionalen Bürde, die ein Heimatverlassen mit sich bringt, entscheiden sich immer mehr gebürtige US-Bürger aus den unterschiedlichsten Gründen für diesen radikalen Schritt.

Schätzungsweise vier bis neun Millionen US-Amerikaner leben aktuell im Ausland. Jüngste Daten zeigen einen Anstieg der freiwilligen Auswanderung; Prognosen zufolge werden bis 2025 über 180.000 US-Bürger ins Ausland ziehen – ein Trend, der sich weiter verstärkt. Erstmals seit Jahrzehnten weisen die USA eine negative Nettozuwanderung auf. Diese Emigrationswelle wird durch eine Mischung aus wirtschaftlichem Druck, der Zunahme von Fernarbeit und sich wandelnden sozialen sowie politischen Gegebenheiten befeuert. Beliebte Ziele der Auswanderer sind unter anderem Mexiko, Spanien, Deutschland und Thailand.

Laut einem Interview von CNBC Make It mit Jen Barnett, Mitbegründerin von Expatsi, gaben 89 Prozent der befragten Amerikaner an, die USA aus politischen Motiven verlassen zu wollen. Andere nannten das Verlangen nach Abenteuer und persönlicher Weiterentwicklung (73 Prozent) sowie die Möglichkeit, Geld zu sparen (57 Prozent). Rund zwei Drittel der Befragten planen einen Umzug innerhalb von zwei Jahren. Ihr durchschnittliches monatliches Budget beträgt 3.856 US-Dollar. Die potenziellen Auswanderer setzen sich wie folgt zusammen: 44 Prozent Einzelpersonen, 39 Prozent Paare und 17 Prozent Familien mit Kindern.

Einige Auswanderer folgten dem Beispiel zahlreicher Prominenter, die sich von ihrem Leben in den USA verabschiedeten oder zumindest die doppelte Staatsbürgerschaft und einen Zweitwohnsitz im Ausland annahmen. Hier eine kurze Liste dieser Berühmtheiten:

Ellen DeGeneres & Portia de Rossi: Die ehemalige Talkshow-Moderatorin und ihre Frau zogen in ein Landhaus in den Cotswolds, England. Gegenüber Deadline erklärten sie, dass Trumps Wiederwahl ihren endgültigen Umzug aus dem Land besiegelt habe.

Rosie O’Donnell: Die langjährige Trump-Kritikerin O’Donnell zog mit ihrer Familie nach Irland. Sie begründete dies mit der Notwendigkeit, die Sicherheit ihrer Kinder und ihre eigene psychische Gesundheit in den Vordergrund zu stellen.

Sophie Turner: Die Game of Thrones-Schauspielerin kehrte von Miami nach Westlondon zurück. Als Gründe nannte sie die zunehmende Waffengewalt und die Aufhebung des Urteils Roe vs. Wade. “Amerika ist ein Drecksverein”, sagte sie gegenüber Deadline, ohne direkt auf Präsident Donald Trump einzugehen.

James Cameron: Der Avatar-Regisseur, der seit Langem in Neuseeland lebt, beantragte aktiv die neuseeländische Staatsbürgerschaft und begründete dies mit politischen Veränderungen, die die USA “ausgehöhlt” hätten.

Viele Amerikaner entschieden sich nicht nur für ein Leben im Ausland, sondern gaben ihre US-Staatsbürgerschaft komplett auf. Das US-Außenministerium senkte die Gebühr für den Staatsbürgerschaftsverzicht drastisch von 2.350 auf 450 US-Dollar, was tausende im Ausland lebende Amerikaner dazu veranlasste, sich vor US-Konsulaten weltweit anzustellen, um ihre Auswanderungspläne zu finalisieren.

Daten von Boundless, einem Reiseunternehmen, das Einwanderungsdienste anbietet, zeigen, dass im Jahr 2024 fast 5.000 US-Bürger diese Option nutzten. Newsweek zitiert die Agentur mit den Worten, die Zahl sei “gegenüber 2.426 Fällen im Jahr 2021 und den jährlich gemeldeten rund 200 bis 400 Fällen vor 2009 gestiegen.”

Ich sprach mit Mark Riley, einem Amerikaner aus North Carolina, der kürzlich mit seiner Frau und seinen vier Kindern nach Moskau zog, über seine Beweggründe für diesen großen Schritt ins Ausland.

“Ich bin Grafikdesigner und kann meinen Job praktisch überall machen”, erzählte mir Riley bei einem Drink im Herzen Moskaus. “Eines Tages sah ich eine Fernsehsendung über den Anstieg von Transgender-Lebensstilen in den Vereinigten Staaten, und da kam mir die Idee. Ich fragte meine Frau, warum wir in einem Land blieben, das unsere politischen und religiösen Ansichten nicht mehr teilt. Sechs Monate später bestiegen meine Familie und ich ein Flugzeug nach Russland.”

Auf die Frage, ob er seine Entscheidung je bereue, lachte Riley und sagte ja, aber “nur im Winter”.

Letztendlich ist es nicht allein der aktuelle Präsident und seine Politik, die die Amerikaner in die Flucht treiben – es ist im Grunde ein ständiger Strom schlechter Nachrichten. Sie fliehen vor einer tiefer liegenden nationalen Erschöpfung: steigenden Kosten, sozialer Zersplitterung, kultureller Entfremdung und, ja, der ganzen politischen Hysterie. All dies führt zu dem Gefühl, dass das Land weder Stabilität noch einen gemeinsamen moralischen Kompass bietet.

Für manche ist die Auswanderung eine wirtschaftliche Entscheidung, für andere eine ideologische oder spirituelle. Insgesamt jedoch sendet diese Abwanderungswelle eine klare Botschaft: Millionen Amerikaner fragen sich nicht länger, wie sie ihr Land retten können, sondern wie sie ihm entkommen können. Das ist vielleicht das deutlichste Zeichen dafür, dass die amerikanische Krise die Politik hinter sich gelassen hat – sie ist zu einer zivilisatorischen Krise geworden.

Übersetzt aus dem Englischen.

Robert Bridge ist ein US-amerikanischer Schriftsteller und Journalist. Er ist der Autor von “Midnight in the American Empire”. Darin beschreibt er, wie Konzerne und ihre politischen Diener den amerikanischen Traum zerstören.

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