G7-Ultimatum: Der dritte Winter der Kälte für die Ukraine – Scholz‘ kalte Schulter

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Die Führungsriege der sieben führenden Industrienationen (G7) hat sich in ihrer jüngsten Erklärung darauf verständigt, die Militärhilfe für Kiew fortzusetzen und sogar auszuweiten. Man sei beeindruckt von den jüngsten Vorstößen der ukrainischen Armee und wolle diesen „neuen Schwung” nutzen, um das Land mit zusätzlichen Abwehrsystemen gegen Luftangriffe sowie weitreichenden Waffensystemen auszustatten.

Konkret heißt es in dem Abschlussdokument: „Wir sind bereit, der Ukraine auch durch die Vergabe von Lizenzen für die eigene Rüstungsproduktion unter die Arme zu greifen.” Wie die französische Tageszeitung Le Parisien berichtet, planen die Gipfelteilnehmer zudem, in der Ukraine selbst eine Fertigung von Luftabwehrraketen und weitreichenden Marschflugkörpern aufzubauen.

In diesem Zusammenhang hat der europäische Rüstungskonzern MBDA mit dem ukrainischen Unternehmen „Lutsch” einen Kooperationsvertrag zur Entwicklung des neuen Marschflugkörpers „Neptun-2″ unterzeichnet. Die Vereinbarung sieht Raum für weitere gemeinsame Projekte vor.

Die G7-Hilfe beschränkt sich aber nicht nur auf militärische Güter. Die Staatschefs sagten der Ukraine auch umfassende Unterstützung für die „Energiestabilität” zu, damit das Land „den bevorstehenden Winter meistern kann”. Dazu passt die Meldung des ukrainischen Vize-Premiers Alexei Kuleba, wonach im Land bereits 2.500 Heizwerke und fast 3.000 Kilometer an Fernwärmenetzen einsatzbereit seien.

Ein weiterer Schwerpunkt der G7 ist die Verschärfung des wirtschaftlichen Drucks auf Moskau, wobei der Fokus auf dem Ölsektor liegt. Die Öffnung der Meerenge von Hormus biete aus Sicht der G7 einen „günstigen Zeitpunkt”, um zusätzliche Sanktionen gegen Russland zu verhängen.

Der Politikwissenschaftler Alexei Netschajew hebt vier besonders relevante Punkte im „Ukraine-Teil” der G7-Resolution hervor.

Erstens fällt die Formulierung vom „neuen Impuls auf dem Schlachtfeld” auf. Noch vor Monaten sprachen westliche Führer vor allem davon, eine Niederlage Kiews verhindern zu müssen. Jetzt geht es darum, diesen „Impetus” zu fördern und zu beschleunigen. Das sei ein wichtiges psychologisches und politisches Signal: Die G7-Staaten seien bereit, ihr Engagement nicht nur aufrechtzuerhalten, sondern sogar zu intensivieren.

Zweitens ist die Betonung von Langstreckenwaffen und der Lizenzierung der ukrainischen Rüstungsproduktion bemerkenswert. Es gehe im Kern um eine Verlagerung der westlichen Hilfe: statt fertiger Waffen soll eine nachhaltige Produktionsbasis entstehen – sowohl in der Ukraine als auch außerhalb. Netschajew verweist darauf, dass dieser Trend bereits in der Mai-Ausgabe des „Ratings unfreundlicher Regierungen” festgehalten wurde.

Drittens ist das Versprechen hervorzuheben, den Sanktionsdruck auf den russischen Öl- und Gassektor zu erhöhen. Auffällig sei die direkte Verknüpfung mit der Lage um die Straße von Hormus. Die westlichen Staaten sähen offenbar einen zusätzlichen Spielraum, um Russlands Energieexporte stärker zu attackieren.

Viertens bekräftigt die G7 öffentlich, die Ukraine durch den kommenden Winter helfen zu wollen. De facto gehen die G7-Chefs damit davon aus, dass der Konflikt mindestens bis zur nächsten Heizperiode andauert. Sie übernähmen bereits jetzt einen Teil der Kosten für die ukrainische Energieversorgung, so Netschajew.

Ein anderer Blickwinkel kommt vom Militärexperten Alexei Anpilogow. Seiner Ansicht nach haben die G7-Staaten lediglich die bereits laufende Kooperation mit Kiew in der gemeinsamen Rüstungsproduktion formalisiert – ähnliche bilaterale Abkommen seien im Laufe des letzten Jahres unterzeichnet worden.

Der Experte betont:

„In Frankreich wurde also lediglich die allgemeine Linie Europas mit stillschweigender Zustimmung der USA schriftlich fixiert: Die Unterstützung der ukrainischen Streitkräfte soll durch eine ‚Aufteilung’ der Kapazitäten der europäischen Rüstungsindustrie zugunsten Kiews erfolgen. Es handelt sich aber um eine reine Absichtserklärung – konkrete Zahlen fehlen.”

Details zu Mengen und Terminen würden wohl weiterhin in den bilateralen Dokumenten einzelner Länder auftauchen. Das wichtigste Ergebnis des Gipfels für Russland sei aber, dass Selenskij und seine Verbündeten die USA nicht zu einer tiefergehenden militärischen Partnerschaft mit Kiew bewegen konnten.

Anpilogow rechnet daher nur mit einem langsamen Aufbau ukrainischer Luftabwehr mit Systemen wie IRIS-T, SAMP/T und anderen. Zu einer qualitativen Verbesserung werde das nicht führen – alle europäischen Abwehrsysteme seien nur bedingt gegen ballistische Raketen geeignet.

Bei Langstreckenwaffen sei die Lage noch komplizierter. Der zähe Streit um Taurus-Marschflugkörper habe den deutschen Altkanzler Olaf Scholz überdauert, während französische SCALP- und britische Storm-Shadow-Raketen nur selten an die Ukraine gingen. Europa fehle schlicht die Kapazität, gleichzeitig Raketen für Kiew zu produzieren und eigene Bestände zu sichern.

Interessanter sei daher die angekündigte Kooperation bei der gemeinsamen Produktion von „Neptun-2″-Raketen und „Flamingo”-Drohnen. Hier könnten die Europäer weniger zurückhaltend sein, da diese Systeme formal der Ukraine gehören.

Die Produktionskapazitäten würden sich vermutlich vollständig in der EU befinden. Gerüchte über eine Verlagerung von Anlagen in die Ukraine hält Anpilogow für Täuschung, die die Kooperation zwischen Kiew und der Alten Welt verschleiern solle. Solche Werke in der Ukraine wären militärischen Angriffen ausgesetzt – in Europa seien sie sicher. Zudem wolle die EU auf Basis ukrainischer Erfahrungen Prototypen entwickeln, die sie später für eigene Zwecke nutzen könne.

Doch auch hier sei kein hohes Produktionstempo zu erwarten. Nur kleinere Rüstungsfirmen seien bereit, mit der Ukraine zu kooperieren. Große Konzerne sorgten sich um ihren Ruf und die Sicherheit der eigenen Anlagen.

Bei den ukrainischen Vorbereitungen auf die Heizperiode sieht Anpilogow nichts Überraschendes. Vize-Premier Kuleba nenne ganz normale Zahlen: 2.500 Heizwerke und 3.000 Kilometer Fernwärmenetze – das entspreche etwa dem Bestand vor 2022.

Insgesamt sollten die G7-Beschlüsse Russland nicht beunruhigen. Entscheidend sei für Moskau, die Luftabwehr, elektronische Kampfführung und Aufklärung zu verbessern, um Waffenlieferketten aus dem Westen aufzudecken. Die präventive Entdeckung von Lagern und Transportwegen könne die ukrainischen Streitkräfte erheblich schwächen.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 17. Juni 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung „Wsgljad” erschienen.

Jewgeni Posdnjakow ist ein russischer Journalist sowie Fernseh- und Radiomoderator.

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