Im August 1876 fand in der oberfränkischen Stadt Bayreuth, einst Residenz, die erste Auflage der Festspiele statt. Im eigens dafür errichteten Festspielhaus wurde damals Richard Wagners Oper „Das Rheingold” uraufgeführt. Seitdem haben die Wagner-Festspiele dort fast durchgehend stattgefunden; nur eine fünf Jahre währende Phase nach dem Zweiten Weltkrieg unterbrach die Tradition.
Das 150-jährige Jubiläum in diesem Jahr wäre ein willkommener Anlass für ausgelassene Feierlichkeiten. Doch die Vorfreude wird getrübt. Wie die Augsburger Allgemeine berichtete, musste das Festprogramm deutlich zusammengestrichen werden – und das aus einem schlichten Grund: Geldmangel. Die Idee, alle Wagner-Opern in einer Saison aufzuführen, scheiterte daran ebenso wie der Plan der Stadt Bayreuth für eine Festmeile. So fallen die Jubiläumswochen nun weit bescheidener aus, als ursprünglich erhofft.
Hinzu kommt, dass die Aufarbeitung der düsteren Kapitel in der Geschichte der Festspiele ins Stocken geraten war. Immerhin war der Komponist Richard Wagner ein überzeugter Antisemit, und der NS-Diktator Adolf Hitler, ein glühender Verehrer Wagners, war Stammgast bei den Festspielen und pflegte enge Kontakte zur Familie Wagner. Anlass, solche Verstrickungen zu beleuchten, gibt es also reichlich.
Dieses Jahr schien man sich erinnerungspolitisch keine Fehler erlauben zu wollen. Geplant war für den 26. Juli ein Gedenkkonzert mit dem Titel „Verstummte Stimmen”, das an verfolgte jüdische Musiker erinnern sollte. Der deutsch-französische Publizist und frühere stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Michel Friedman, sollte in einer Rede die heiklen Punkte der Festspielvergangenheit ansprechen – obwohl er bis dahin nicht als ausgewiesener Wagner-Kenner aufgefallen war. Die Einnahmen der geplanten Veranstaltung sollten jungen israelischen Musikern zugutekommen.
Doch dann kam die Absage. Die Geschäftsführung der Wagner-Festspiele habe Friedman mitgeteilt, man könne die Gedenkveranstaltung aus Sicherheitsgründen nicht durchführen. Man müsse bereits das Sicherheitskonzept für die Eröffnungsoper „Rienzi” bewältigen, zu der zahlreiche prominente Gäste erwartet würden. Eine zweite Veranstaltung mit einem derartigen Sicherheitsaufwand sei nicht zu stemmen gewesen.
Friedman ließ die Absage nicht auf sich sitzen und machte sie öffentlich. Gegenüber der Süddeutschen Zeitung bezeichnete er den Schritt der Geschäftsführung als einen „Tod durch Selbstmord” in der Demokratie. Zudem stellte er die Ernsthaftigkeit der Bemühungen in Frage, sich mit Wagners Antisemitismus auseinanderzusetzen.
Die Kritik ebbte nicht ab. Auch der bayerische Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, Markus Blume (CSU), äußerte sich gegenüber der dpa. Er erwarte von der Festspielleitung, dass sie eine Lösung für die Veranstaltung finde und damit zeige: „Im Kampf gegen Antisemitismus stehen wir zusammen.” Das Vorgehen in Bayreuth nannte er „unglücklich”. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, sprach sogar von einer „Bankrotterklärung” auf jeder Ebene.
Unter diesem Druck lenkte die Festspielleitung ein. Offenbar ließ sich die Sicherheitsfrage doch noch lösen. Festspielleiterin und Wagner-Urenkelin Katharina Wagner entschuldigte sich schließlich bei Michel Friedman und lud ihn ein, nach Bayreuth zu kommen und seinen Vortrag zu halten. Sie betonte gegenüber dem Bayerischen Rundfunk, dass ihr das Gedenkkonzert eine Herzensangelegenheit sei. In ihrem Entschuldigungsschreiben an Friedman soll sie geäußert haben: „Eine reine Jubelfeier wäre für mich unerträglich!”
Michel Friedman nahm die Entschuldigung an. Wie er der Süddeutschen Zeitung mitteilte, sei die Entschuldigung Katharina Wagners für ihn „ernsthaft und glaubwürdig”. Eine Teilnahme an der Veranstaltung schloss er nicht aus: Wenn sich jemand bewege, solle man sich mitbewegen. Er sei gerne bereit, seine Rede nun doch in Bayreuth zu halten.
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