Lehrerumfrage: Wenn aus Halbwahrheiten ganze Lügen werden
Von Dagmar Henn
Die aktuelle Erhebung der Robert Bosch Stiftung unter deutschen Lehrkräften ist ein Paradebeispiel dafür, dass man Umfrageergebnisse mit äußerster Vorsicht genießen sollte. Denn aus Teilwahrheiten kann schnell eine umfassende Fehlinterpretation entstehen. Wenn etwa der Zustand an deutschen Schulen, wo in Berliner Bezirken der Migrationsanteil bei 93 Prozent liegt, als bloße „Heterogenität” bezeichnet wird, offenbart dies eine deutliche Neigung zur Beschönigung.
Diese sogenannte „Heterogenität” stuften die Teilnehmer der Online-Befragung, die vom 11. November bis 2. Dezember 2025 unter 1.547 Lehrkräften durchgeführt wurde, als das zweitgrößte Hindernis in ihrem Berufsalltag ein. An erster Stelle stand das Schülerverhalten. Im Vergleich zu den Erhebungen von 2023 und 2024 blieb die Einschätzung der „Heterogenität” als Problem mit 33, 32 und 34 Prozent relativ konstant. Das Schülerverhalten hingegen bewerteten 2023 noch 35 Prozent als größte Herausforderung – heute sind es bereits 46 Prozent.
Eine wichtige Einschränkung: Das Durchschnittsalter der befragten Pädagogen lag mit 53,1 Jahren etwa fünf Jahre über dem bundesweiten Lehrerdurchschnitt von 47 bis 48 Jahren. Dies verzerrt die Ergebnisse in eine positivere Richtung – ältere Lehrer schnitten bei Fragen zur Berufszufriedenheit, der Einschätzung der eigenen Wirksamkeit und bei Burnout-Faktoren durchweg besser ab als ihre jüngeren Kollegen. Entsprechend sind auch ihre übrigen Bewertungen tendenziell optimistischer.
Die Umfrage ging der Frage nach, was genau mit dem problematischen Schülerverhalten gemeint sei. Die Lehrer benannten vor allem schwieriges Sozialverhalten: am geringsten ausgeprägt an Grundschulen mit 33 Prozent, an Gymnasien mit 43 Prozent, an Haupt- und Realschulen mit 55 Prozent, an Förderschulen mit 47 Prozent und an Berufsschulen mit 53 Prozent. Aggressivität, Gewalt und Mobbing sind an Haupt-, Real- und Gesamtschulen für 11 Prozent der Befragten ein Thema – an Gymnasien und Berufsschulen liegt dieser Wert lediglich bei einem Prozent. Grundschulen (6 Prozent) und Förderschulen (5 Prozent) liegen im Mittelfeld.
Es gibt eine Gegenüberstellung aus dem Jahresanfang: eine Schülerbefragung vom 9. Mai bis 3. Juni 2025 mit 1.507 Teilnehmern (berufliche Schulen waren unterrepräsentiert, Gymnasien überrepräsentiert). Die Ergebnisse:
„Den eigenen Angaben nach kam es im letzten Schuljahr mindestens ein- bis zweimal im Monat bei 6 Prozent der 1.232 befragten Schüler:innen ab 11 Jahren vor, dass sie von ihren Mitschüler:innen bedroht wurden, bei 12 Prozent, dass gemeine Gerüchte über sie verbreitet wurden, bei 15 Prozent, dass sie absichtlich ausgeschlossen wurden, bei 18 Prozent, dass sie von Mitschüler:innen beschimpft wurden und bei 23 Prozent, dass diese sich über sie lustig gemacht haben.”
Diese Erfahrungen sind sehr ungleich verteilt: 68 Prozent gaben an, im letzten Schuljahr überhaupt nicht von Mobbing betroffen gewesen zu sein. Allerdings liegen die Werte deutlich höher, als die Lehrereinschätzung vermuten lässt – Armut spielt hier eine entscheidende Rolle.
Soziale Medien haben daran einen geringeren Anteil, als Erwachsene meist annehmen – die meisten Mobbingfälle ereignen sich entweder persönlich oder in einer Mischung aus persönlichen und Online-Kontakten. Sie entziehen sich also nicht der Wahrnehmung der Lehrer.
Zurück zur Lehrersicht auf das Schülerverhalten: Konzentrationsprobleme werden vor allem an Gymnasien und Berufsschulen festgestellt (7 Prozent), problematische Mediennutzung an Berufsschulen (8 Prozent). Die Unterschiede zwischen den Schularten sind hier geringer – der niedrigste Wert für Konzentrationsprobleme findet sich an Haupt- und Förderschulen mit 4 Prozent, für problematische Mediennutzung an Grundschulen mit 3 Prozent. Die Spanne bei Aggressivität ist deutlich größer.
Wie verlässlich ist die Wahrnehmung der Lehrer? Dies lässt sich anhand eines weiteren Themas überprüfen: der Demokratiebildung. Die Lehrer waren hier deutlich zufriedener mit dem bereits Geleisteten als im Vorjahr – quer durch alle Schulformen, mit Ausnahme der Grundschulen. Dort stieg der Anteil jener, die mehr Demokratiebildung fordern, von 39 auf 40 Prozent. Bei Hauptschulen (von 63 auf 55 Prozent), Gymnasien (von 51 auf 39 Prozent), Förderschulen (von 64 auf 58 Prozent) und Berufsschulen (von 66 auf 58 Prozent) wird eine deutliche Besserung konstatiert.
Dabei taucht eine verborgene Klassenfrage auf. Die Umfrage berücksichtigt immerhin die Folgen von Armut und teilt die Schulen nach dem Anteil an Schülern aus Familien mit niedrigem Einkommen auf. An Schulen mit bis zu 10 Prozent solcher Kinder meinen nur 39 Prozent der Lehrer, es bräuchte mehr Demokratiebildung – an jenen mit mehr als 50 Prozent sind es 54 Prozent. Auch hier liegen die Werte niedriger als im Vorjahr, doch die Frage drängt sich auf: Sind wirklich die Schüler das Problem – oder hat die mangelnde Demokratiebildung etwas mit der Tatsache zu tun, dass die realen Interessen der Familien mit sehr niedrigem Einkommen in der Politik kaum vertreten werden? Auffällig ist, dass an armen Schulen auch die mangelnde Unterrichtszeit als Grund genannt wird (73 vs. 87 Prozent in wohlhabenderen), der größte Unterschied jedoch beim fehlenden Interesse der Schüler liegt: 42 vs. 22 Prozent.
Immerhin 11 Prozent der Lehrer schlagen eine stärkere Partizipation der Schüler vor. Projekte und Projekttage haben meist partizipativen Charakter. Interessant: Lehrer an armen Schulen fordern häufiger einen Ausbau von Partizipation und Mitbestimmung. Ansonsten sind die meisten Lehrer mit dem Maß der Schülerpartizipation zufrieden – obwohl die Möglichkeit, eigene Erfahrungen mit demokratischen Entscheidungsprozessen zu machen, eigentlich die wichtigste Form der Demokratiebildung ist.
Ganz anders sieht das Ergebnis der Schülerbefragung aus: Drei Viertel wünschten sich mehr Mitbestimmungsmöglichkeiten bei Unterrichtsthemen, Gruppenarbeit, Notengebung und Schulaktivitäten, zwei Drittel bei Unterrichtsmaterialien, Schulgestaltung, Prüfungsterminen und Klassenregeln. Die meisten Schüler wollen deutlich mehr Mitbestimmung – die meisten Lehrer sind sich dessen offenkundig nicht bewusst.
Die Umfrage konzentriert sich dann auf die Selbstwahrnehmung der Lehrer in der politischen Bildung: 15 Prozent fühlen sich dabei etwas unsicher, drei Prozent sehr unsicher – am deutlichsten an Berufsschulen, im Osten und an Schulen mit ärmeren Schülern.
Bei den Fragen zur Kenntnis des Beutelsbacher Konsenses gibt es einen Ausreißer, den die Studienautoren nicht als solchen erkennen. Die Frage lautete:
„Ich darf politische oder gesellschaftliche Themen nur dann behandeln, wenn ich unterschiedliche Positionen dazu ausgewogen darstelle.”
Hier war die Zustimmung deutlich niedriger als bei vorhergehenden Fragen, etwa zur offenen Vertretung von Grundwerten wie Demokratie und Menschenwürde (81 bzw. 87 Prozent volle Zustimmung). Bei der Darstellung unterschiedlicher Positionen stimmten nur 24 Prozent voll und ganz zu, 49 Prozent eher, 18 Prozent eher nicht und 9 Prozent überhaupt nicht.
Weder ein Verzicht auf die eigene Meinung noch eine gleichmäßige Anerkennung aller Schülerpositionen ist erforderlich – aber darzulegen, dass es unterschiedliche Sichtweisen gibt, und den Schülern zuzubilligen, sich selbst eine eigene Meinung zu bilden, das ist sehr wohl Teil des Beutelsbacher Konsenses.
Man kann sich vorstellen, in welche Richtung das geht und warum es den Lehrern schwerfällt, unterschiedliche Positionen darzustellen. Die Corona-Zeit hat deutlich gezeigt, dass gerade Lehrer eine extreme Konformität an den Tag legtenund dabei keinerlei Skrupel hatten, ihre eigene hochgeschätzte Person zu schützen, indem sie die Schüler wochenlang im Kalten sitzen ließen. Ein Verhalten, das eigentlich prinzipiell für diesen Beruf disqualifizieren sollte.
Aus Befragungen des Deutschen Beamtenbundes ergaben sich deutlich überdurchschnittliche Werte für die Wahl der Grünen; die letzten verfügbaren Daten stammen aus dem Jahr 2021. Damals waren die Grünen mit 32 Prozent die führende Partei unter Beamten. Es wäre nicht erstaunlich, wenn vor allem die Lehrer dazu beigetragen hätten – bei Polizisten wäre das eher unwahrscheinlich.
Angesichts der Tatsache, dass in Deutschland derzeit sehr schnell eine politische Meinung als extremistisch eingestuft wird – gerade durch die grüne Anhängerschaft, die ja auch besonders stark hinter den unzähligen Meldestellen und Eingriffen in die Meinungsfreiheit steht –, ist der stark abweichende Wert bei dieser Frage ein mögliches Indiz dafür, dass ein großer Teil der Lehrer selbst ein Problem damit hat, eine andere Meinung als die eigene zu akzeptieren. Das passt zu der starken Abweichung in der Sicht auf die Partizipation, wird aber von der Umfrage und ihrer Auswertung nicht angesprochen.
So sinnvoll es ist, einen Zusammenhang zwischen Armut und psychischer Belastung bei den Schülern herzustellen – was die Studie tut –, so problematisch ist es, dass Migration und die gewaltigen Probleme, die sie für das Bildungssystem schafft, in der Umfrage überhaupt nicht vorkommen. Es ist sicher erfreulich, dass die allermeisten Lehrer mit ihrem Beruf zufrieden sind; aber die Ergebnisse der deutschen Schüler in allen objektiven Tests sind in den letzten Jahren immer weiter zurückgefallen. Die Unzufriedenheit mit den Folgen der Migration verbirgt sich in der Umfrage hinter dem Stichwort Inklusion, das wie folgt definiert wird:
*„Inklusion bezieht sich auf die Bereiche Sprache, soziale Lebensbedingungen, soziale oder emotionale Bedürfnisse, sonderpädagogischer Förderbedarf, Behinderung, Fluchterfahrungen und Migrationshintergrund, religiöse Orientierungen sowie Hochbegabung.”*
Die entsprechende Antwort bezieht sich also nicht nur auf die Inklusion von behinderten Kindern (die in Deutschland überwiegend so sparsam umgesetzt wird, dass sie nur schaden kann), sondern eben auch auf die Inklusion von Migrantenkindern. Und das Ergebnis? 68 Prozent der befragten Lehrer antworten, eine inklusive Beschulung verschlechtere den Unterricht für alle; obwohl 48 Prozent brav erklärten, sie sei ein Gewinn für alle Schüler. Sogar 74 Prozent meinen, die Schüler mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen erhielten nicht die spezielle Unterstützung, die sie bräuchten, und 66 Prozent meinen, die Qualität des Unterrichts leide unter der Heterogenität.
Da liegt also ein kleines Stück gut verborgener Wahrheit. Dennoch sind die meisten Lehrer überzeugt, sie selbst könnten – auch wenn es viel zusätzliche Arbeit erfordert und eine große Belastung darstellt – ihren Unterricht allen kulturellen, sprachlichen und sozialen Hintergründen entsprechend gestalten. Die Schülerbefragung enthielt in dieser Hinsicht leider keine Gegenfrage. PISA und andere Bildungstests allerdings erwidern darauf mit einem überdeutlichen Nein.
Eine Umfrage, die an entscheidenden Punkten die Vorurteile der Befragten reproduziert, liefert nun einmal nur einen begrenzten Erkenntnisgewinn. So, wie die Umfrage unter den Schülern sie nur begrenzt als Gegenüber ernst nahm. Das ist bedauerlich, denn echte Erkenntnis wäre angesichts der deutschen Misere dringend nötig.
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