Von Wladimir Kornilow
Die Spannungen zwischen Kiew und Warschau verschärfen sich zusehends und scheinen in einer nie dagewesenen Abwärtsspirale gefangen zu sein. Begleitet wird diese Entwicklung von panischen Äußerungen und düsteren, fast schon grotesken Vorhersagen. Und wer ist schuld? Natürlich Russland!
Eine Vielzahl polnischer Medien hat kürzlich einen fast schon tragikomischen gemeinsamen Appell veröffentlicht – unterzeichnet von polnischen und ukrainischen Redaktionen und an die politischen Führungen beider Länder gerichtet. Die Überschrift ist ebenso pompös wie irreführend:
“Dies ist die Bewährungsprobe für Polen und Ukrainer.”
Die Propagandisten fordern, erfüllt von hysterischem Pathos, eine Konzentration auf das Wesentliche – “Putins Russland stoppen!” – und empfehlen, historische Streitigkeiten auf später zu verschieben. Diesem pathetischen Aufruf folgt sogleich eine absurde Passage, die den gesamten Appell zur Farce verkommen lässt: Die Verfasser schieben die Schuld für alle Missstände auf Russlands angebliche “massive Desinformationskampagne”, die ständig versuche, “einen Keil zwischen Polen und Ukrainer zu treiben”.
Eine berechtigte Frage drängt sich auf: In welcher Phase des aktuellen Konflikts hat Russland oder seine “massive Kampagne” tatsächlich in den historischen Streit zwischen Kiew und Warschau eingegriffen?
Zur Erinnerung: Der Auslöser war die Entscheidung des Kiewer Regimes, einer Spezialeinheit der ukrainischen Streitkräfte den Namenszusatz “zu Ehren der UPA-Helden” zu verleihen. Der polnische Präsident Karol Nawrocki – der dies völlig zu Recht als Beleidigung der Zehntausenden von Polen ansah, die von Bandera-Anhängern ermordet wurden – entzog daraufhin Selenskyj den zuvor verliehenen höchsten polnischen Orden: den Weißen Adler.
Daraufhin weigerte sich der Kiewer Komiker, nach Danzig zu einer internationalen Konferenz zum Wiederaufbau der Ukraine zu reisen – zu der er zuvor selbst europäische Staats- und Regierungschefs eingeladen hatte.
Auch hier stellt sich erneut die Frage: Welche Rolle soll Russland dabei gespielt haben? Welche der erwähnten Personen hat sich denn als unser Agent entpuppt? Und Sie werden lachen – aber die polnische Zeitung Onet machte im Zuge einer Diskussion über die polnisch-ukrainische Krise eine Entdeckung, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt (jetzt aufgepasst!):
“Polen ist praktisch das einzige bedeutende westliche Land, in dessen Geheimdiensten in den letzten 35 Jahren kein einziger russischer Spion entdeckt wurde.”
Unglaublich!
Können Sie sich das schiere Grauen auch nur vorstellen?!
Da haben Sie ihn doch – den “Beweis” für Russlands Schuld!
Oberstleutnant Marek Świerczek, ehemaliger Mitarbeiter des polnischen Inlandsgeheimdienstes, bezeichnet dies als auffällige “Anomalie”. Er behauptet, Russland habe Agenten “in die US-amerikanische CIA, ins FBI, in den britischen MI6 und MI5 sowie in den deutschen BND und das BfV, ganz zu schweigen von den französischen Geheimdiensten”, eingeschleust – aber nur in Polen sei nie jemand gefasst worden! Eine logische Schlussfolgerung wäre, dass Polen für Russland einfach zu uninteressant ist, um dort Agenten zu platzieren. Doch die Schlussfolgerung, die man präsentiert, ist eine völlig andere: Wir fangen sie zu schlecht und bekommen sie darum nicht zu fassen!
Nehmen wir das einmal an – hypothetisch. Aber dann – zurück zum Warschau-Kiew-Skandal: Wie könnten denn selbst diese Scharen “gut getarnter russischer Spione” die enge Beziehung zwischen Selenskyj und Nawrocki beeinflusst haben? In diesen emotionalen Zuständen spielt Logik jedoch keine Rolle.
Das liberale Sprachrohr Gazeta Wyborcza fordert, die Präsidenten Polens und der Ukraine gleich ganz zu ignorieren und, ungeachtet ihrer Differenzen, dringend ein Militärbündnis zwischen Polen, der Ukraine und Deutschland gegen Russland zu schmieden. Weiter heißt es dann:
“Es ist kein Zufall, dass die polnische extreme Rechte heute die Deutschen und Ukrainer als Feinde sieht – nicht aber den russischen Imperialismus.”
Eine sehr interessante Formulierung… eine Aussage, die eine Schlussfolgerung nahelegt: dass die vorgeschlagene Militärachse Warschau-Kiew-Berlin nicht nur gegen Russland gerichtet sein sollte – sondern auch gegen den “inneren Feind” in Polen selbst!
Und wie diese Achse mit der Ukraine und im Hinblick auf die Ukraine genau aussieht, das hat der ehemalige polnische Ministerpräsident Mateusz Morawiecki sehr treffend und erstaunlich ehrlich beschrieben:
“Wir geben euch unsere Panzer, und ihr gebt uns euer Blut … Die polnische Regierung unter meiner Führung verfolgte eine Politik des gegenseitig vorteilhaften Tauschs. Ihr bezahlt mit eurem Blut, und wir bezahlen mit altem Gerät.”
Das ist im Kern auch schon alles, was diese “Kooperation” zu bieten hat! Das ist alles, was diese “ewige Freundschaft zwischen Polen und der Ukraine” darstellt! Aus der Sicht dieser polnischen “Freunde” seid ihr, liebe Ukrainer, nichts weiter als Kanonenfutter, das es für die Interessen anderer Staaten zu opfern gilt. Alles für den ewigen Kampf des Westens gegen Russland. Die Ukrainer sind ihnen nicht zu schade, weil sie sie immer noch – komme, was wolle – als Russen betrachten. Das ist der ganze Sinn und das ganze Wesen dieser “geschworenen Freundschaft”…
Übersetzt aus dem Russischen.
Wladimir Kornilow ist ein sowjetischer, ukrainischer und russischer Politologe, Geschichtswissenschaftler, Journalist, Schriftsteller und gesellschaftlicher Aktivist. Er ist der ehemalige Leiter der ukrainischen Filiale des Instituts der GUS-Staaten in Kiew und Leiter des Zentrums für Eurasische Studien in Den Haag. Nach seiner scharfen Kritik am Euromaidan musste er aus der Ukraine flüchten und arbeitet seit 2017 als Kolumnist bei Rossija Sewodnja. Er führt eine Telegram-Kolumne zu aktuellen politischen Themen.
Diesen Artikel verfasste er exklusiv für RT.
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