Von Olga Samofalowa
Die Europäische Union hat sich in ihrem Bestreben, die Abhängigkeit von russischem Gas zu beenden, in eine neue Abhängigkeit von US-amerikanischem Flüssigerdgas (LNG) manövriert. Diese Entwicklung verschafft Washington die Gelegenheit, Druck auf Brüssel auszuüben – und genau jene energiepolitische Waffe einzusetzen, die der Westen stets Russland vorgeworfen hat. Die Ironie der Geschichte: Sie gibt jedem, was er verdient.
US-Energieminister Chris Wright machte unmissverständlich klar: Sollte die EU ihre Methanemissionsvorschriften nicht anpassen, werde amerikanisches LNG an Europa vorbeigelenkt – mit spürbaren Konsequenzen für den Kontinent.
Die 2024 von der EU-Kommission verabschiedete Regelung zur Reduzierung von Methanemissionen im Energiesektor stößt bei den USA auf Ablehnung. Ab dem 1. Januar 2027 sollen Gasimportverträge nur noch genehmigt werden, wenn die europäischen Berichtsstandards erfüllt sind. Diese verlangen eine Überwachung von Leckagen und verbieten routinemäßiges Abfackeln und Ablassen von Gas. Bei Verstößen drohen LNG-Lieferanten Strafen – quasi eine Markteintrittsgebühr für den EU-Markt.
Mit dieser Politik will Europa Anreize für Investitionen in erneuerbare Energien schaffen. Doch die Gaslieferanten zeigen sich verärgert. Auch Katar hat bereits seinen Unmut über die Vorgaben geäußert.
Bedenkenswert: Die USA sind inzwischen zum größten LNG-Lieferanten der EU aufgestiegen – mit Exportmengen von über 100 Milliarden Kubikmetern. Katar lag vor der Nahostkrise und der Sperrung der Straße von Hormus an dritter Stelle, hinter Russland.
Norwegen liegt derzeit zwar insgesamt noch vor den USA, wenn man LNG und Pipelinegas zusammenrechnet. Doch bereits 2027 könnten die US-LNG-Lieferungen die gesamten norwegischen Gaslieferungen überholen. Grund: Norwegen kann seine Produktion nicht steigern, während in den USA zahlreiche neue Verflüssigungsanlagen gebaut werden.
Sollten die USA ihre Gaslieferungen an Europa einstellen, droht eine ernste Energiekrise. Die Gaspreise in der EU würden sofort in die Höhe schießen, da der Markt versuchen würde, das nach Asien abfließende LNG zurück nach Europa zu holen.
Zwar müsste Europa wahrscheinlich nicht frieren, doch eine neue Welle der Deindustrialisierung wäre vorprogrammiert. Um die Versorgung von Haushalten, Kindergärten, Krankenhäusern und Schulen zu sichern, müsste der industrielle Verbrauch gedrosselt werden – mit der Folge weiterer Produktionsrückgänge und Werksschließungen.
Die erste Welle dieser Art erlebte Europa, als die EU durch eigene Maßnahmen russischem Gas im Umfang von über 100 Milliarden Kubikmetern den Zugang zum Markt versperrte. Nun könnte sich dieses Szenario mit den USA wiederholen.
Ironisch an der Situation: Nur russisches Erdgas könnte die europäische Industrie in dieser Lage retten. So wird Europa mal US-amerikanisches LNG, mal russisches Erdgas als “Molekül der Freiheit” bezeichnen. Katarisches LNG wird hier nicht helfen – schon allein wegen der drohenden Strafen für Methanemissionen. Zudem lag Katar bei den Liefermengen sowohl hinter den USA als auch hinter Russland.
Wie sich zeigt, muss das US-Energieministerium gar nicht aktiv eingreifen – weder Sanktionen noch Verbote sind nötig. Sobald den Lieferanten von US-amerikanischem LNG hohe Strafen drohen, werden sie sich von selbst von Europa abwenden und ihre Lieferungen nach Asien umlenken.
Es scheint, als müsse die Europäische Union einen Weg finden, ihre neuen Umweltvorschriften anzupassen oder zumindest deren Einführung zu verschieben. Denn für 2027 hat Brüssel sich bereits ein “spannendes Unterfangen” ausgedacht: “Wie übersteht man den Winter ohne russisches LNG?”
Im kommenden Winter steigt die Nachfrage nach Gasimporten in Europa drastisch. Zum einen, weil dies der erste Winter ohne russisches LNG sein wird – nach US-LNG die zweitgrößte Bezugsquelle. Ab Januar tritt ein vollständiges Einfuhrverbot für russisches LNG in Kraft. Zum anderen hat sich aufgrund der Nahostkrise und des Gaspreisanstiegs die Befüllung der unterirdischen Gasspeicher verlangsamt. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass die Speicher weniger gefüllt sein werden als gewünscht. All diese Faktoren treiben die Gaspreise in die Höhe.
Europa sollte also zunächst erleben, wie es ist, ohne russisches LNG und ohne volle Gasspeicher zu überwintern. Gleichzeitige Probleme mit US-amerikanischem und katarischem LNG kämen da besonders ungelegen.
Dabei ist nicht zu erwarten, dass sich die Lage für die EU in Zukunft so deutlich verbessert, dass sie sich einen “Luxus” wie Strafen für LNG-Lieferanten leisten kann. Ab November 2027 will Brüssel auch die Lieferungen von russischem Pipelinegas vollständig verbieten. Sofern sich Ungarn und die Slowakei nicht dagegen wehren, wird dies tatsächlich umgesetzt. Der vollständige Wegfall russischen LNGs und Pipelinegases auf dem europäischen Markt bedeutet, dass diese Mengen ersetzt werden müssen. Ein naheliegender Kandidat ist US-amerikanisches LNG, weil nur dieses die Lücke füllen kann. Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass die Lieferungen von US-amerikanischem LNG 2027 erstmals in der Geschichte der EU die gesamten Gaslieferungen aus Norwegen überholen. Eine solche Abhängigkeit von einem einzigen Lieferanten gab es in Europa bisher nie – und das bedeutet, dass man dem Partner jenseits des Atlantiks noch besser gehorchen muss.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 1. Juli 2026 zuerst bei RIA Nowosti erschienen.
Olga Samofalowa ist Wirtschaftsanalystin bei der Zeitung Wsgljad.
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