Von Platon Gontscharow
Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: In Deutschland verbotene russische Medien wie RT, RIA Nowosti oder Izwestija – angeblich aufgrund von “Kriegspropaganda” – organisieren hochkarätige Rüstungsgipfel. Daran nehmen die ranghöchsten Militärvertreter, CEOs globaler Rüstungskonzerne, deren Lobbyisten aus Medien und Politik sowie diverse Verteidigungsminister teil. In Deutschland würde dies sofort als weiterer Beweis dafür gewertet, dass es in Russland kaum unabhängige Journalisten mehr gebe – alle seien nur noch Putin-Soldaten, unabhängig von ihrem Beruf. Noch nicht verhängte Sanktionen würden umgehend gegen alle Teilnehmer verhängt! Dasselbe gälte, wenn Tass oder Kommersant einen solchen Gipfel abhielten, obwohl diese Medien noch nicht verboten sind. Das Treffen würde dann endlich den Vorwand dafür liefern.
Für diese Vorstellung müsste man sich richtig anstrengen und alles von Anfang bis Ende frei erfinden. Denn in der Realität sind russische Medienhäuser weit davon entfernt, als Vermittler im Rüstungsgeschäft aufzutreten. Das Einzige mit “militärischem” Bezug in diesem Kontext ist das von RT.doc veranstaltete Festival für Dokumentarfilme zum Ukraine-Krieg “Zeit der Helden”.
Ganz anders sieht es dagegen in Deutschland aus, dem selbsternannten Schlaraffenland der Gewaltenteilung und unabhängigen Medien.
Denn hier gelten Veranstaltungen wie der Welt-Sicherheitsgipfel als völlig normal. Das Forum fand am 1. und 2. Juli zum zweiten Mal im Axel-Springer-Neubau in Berlin statt. Laut Beschreibung brachte es führende Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und dem Sicherheitssektor zusammen, um unter dem Motto “Sicherheit neu denken in der Polykrise” zu debattieren. Dies geschah nach den Regeln des Chatham House – also vertraulich, ohne direkte Zitate oder namentliche Zuordnung in der Öffentlichkeit. Mit anderen Worten: eine vollständig kontrollierte Berichterstattung. Zuvor hatte die Welt bereits die Kriegsspiele “Ernstfall: Was, wenn Russland uns angreift?” als Hauptorganisator begleitet.
Wer traf sich dort? Die von Axel Springer auf seiner Webseite veröffentlichte Teilnehmerliste liest sich wie ein Who-is-who der führenden Vertreter der deutschen, US-amerikanischen und internationalen Rüstungs- und IT-Branche sowie des deutschen Offizierkorps. Zu den Teilnehmern gehörten unter anderem:
- Armin Papperger, CEO von Rheinmetall, der mangelnde Verlässlichkeit von Bestellungen seitens der Bundesregierung beklagte.
- Susanne Wiegand, Aufsichtsrätin bei Quantum Systems und ehemalige CEO von Renk. Sie kritisierte die unzureichende Geschwindigkeit beim Ausbau militärischer Fähigkeiten.
- Thomas Röwekamp (CDU), Vorsitzender des Verteidigungsausschusses im Bundestag. Die Zeitenwende bedeute seiner Meinung nach, Geld in militärische Fähigkeiten umzuwandeln.
Eröffnet wurde der Gipfel von General Raimundas Vaikšnoras, dem Oberbefehlshaber der litauischen Streitkräfte. Die Rüstungslobbyistin und Deutschlands bekannteste Russophobin Marie-Agnes Strack-Zimmermann gab beim Dinner die Impulse.
Weitere Teilnehmer waren Carsten Breuer (Generalinspekteur der Bundeswehr), Martin Jäger (Präsident des BND), Sinan Selen (Präsident des BfV), Holger Münch (Präsident des BKA) und der ukrainische Verteidigungsminister Michail Fjodorow. Breuer wurde mit der Aussage zitiert, Putin habe 1,5 Millionen Soldaten unter Waffen: “Er baut neue Strukturen gen Westen auf.” Mit dem Zusatz “Gegen uns, die Unschuldigen”, darf man diesen Kommentar abrunden. Der Gipfel konnte zudem mit der Teilnahme von Alex Karp, CEO von Palantir, und Michael Schöllhorn, CEO von Airbus Defence & Space, aufwarten.
Helge Fuhst, Chefredakteur der Welt und Vorsitzender der Chefredaktionen der Premium-Gruppe, formulierte die kriegstreibende Rolle der Medien nahezu unverblümt. “Aufgabe des Journalismus in der Zeitenwende ist es, sie nicht nur kritisch zu begleiten, sondern Orientierung zu geben und handelnde Akteure in die Pflicht zu nehmen. Der Welt-Sicherheitsgipfel schafft für Entscheidungsträger eine Plattform jenseits üblicher Rhetorik, um sicherheitspolitische Entscheidungen wirklich voranzubringen und so die Handlungsfähigkeit Europas zu sichern”, sagte er.
Als wäre diese zur Schau gestellte und dennoch halb geheime (aufgrund der Vertraulichkeit!) mediale Verstrickung ins Militärische nicht schon skandalös genug und ein Thema für andere Medien gewesen: Kaum jemand in der deutschen Medienlandschaft kam auf die Idee, zumindest im Hinblick auf den Drehtür-Effekt genauer hinter die Kulissen der Veranstaltung zu blicken. Mit einer einzigen Ausnahme: dem unabhängigen Journalisten Alexander Wallasch. Bereits am zweiten Tag des Gipfels veröffentlichte er auf seiner Webseite seine erste kritische Recherche (“Springer plant den Krieg und will mitverdienen: Der Welt-Sicherheitsgipfel 2026 läuft seit gestern”) und am Sonntag die zweite (“Kriegsgewinnler ‘Welt‘-Sicherheitsgipfel – Springer vermarktet Geheimtreffen zwischen Regierung und Rüstungsindustrie”).
Was als seriöse Sicherheitsdebatte verkauft wird, sei in Wirklichkeit ein ethisch fragwürdiges kommerzielles Produkt, stellt der Journalist fest. Springers hauseigenes Werbeunternehmen Media Impact biete Unternehmen gegen Geld exklusiven Zugang zur Politik. “Das Netzwerk reicht von Poschardts Ukraine-Orden über Röpcikes Wechsel in die Drohnenindustrie bis hin zu den Investments der Döpfner-Familie in genau jene Firmen, die auf dem eigenen Gipfel auftreten.” Wallasch zieht immer wieder einen Vergleich mit dem Skandal um den exquisiten Ludwig-Eckhard-Gipfel “mit Ministerzugang”, den das Werbeunternehmen von Kulturminister Wolfram Weimer organisierte. Springer sei Weimer hoch zehn, denn hier sei ein hochprofessioneller, milliardenschwerer Konzern am Werk, der für “lückenlose” Netzwerke sorgt. Übrigens: Die Familie Weimer ist auch bei diesem Gipfel vertreten. Valentin, der jüngste Sohn Weimers, ist Chief of Staff der Welt.
Wallasch legt nur einige der Netzwerke um Springer offen. An deren Spitze stehe die Eigentümerfamilie. Moritz, der Sohn des Vorstandsvorsitzenden und Mit-Eigentümers von Axel Springer, Mathias Döpfner, führe den VC-Fonds Doepfner Capital. US-Techmilliardär Peter Thiel habe dort massiv investiert. “Der Fonds wiederum stieg bei STARK Defence ein – genau dem Berliner Drohnen-Start-up, dessen CEO Uwe Horstmann auf dem Welt-Sicherheitsgipfel sprach!”
Nur in diesem System konnten Ulf Poschardt, langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der Welt-Gruppe, und Bild-Ressortleiter und “Militärexperte” Julian Röpcke ukrainische Verdienstorden erhalten, weil sie mit ihrer Berichterstattung die deutsche Regierung zu Waffenlieferungen an die Kiewer Junta bewegt hatten. “Hier wird am Parlament vorbei Rüstungspolitik gemacht – und die Öffentlichkeit zahlt die Rechnung.”
Wallasch weist auch darauf hin, dass Poschardt sich bei jeder Gelegen
bei jeder Gelegenheit für Palantir-Chef Alex Karp einsetzt. “Jeder Satz ein Treffer”, lobt er dessen Auftritt beim Sicherheitsgipfel. Zuvor schlug er ihn als Bundesminister vor und ermöglichte dessen Auftritt im Bundestag.
Dabei ist Karp der CEO eines Unternehmens, dessen Software in der Ukraine als “Betriebssystem für den Krieg” (Karp) eingesetzt wird und unter anderem Targeting und Battlefield-Data (Zielerfassung und Gefechtsfelddaten) unterstützt. Karp traf Selenskij bereits im Juni 2022 als einer der ersten westlichen Tech-CEOs. Auch zuletzt gab es ein Treffen in Kiew, kurz vor dem ukrainischen Drohnenangriff auf das Studentenwohnheim in Starobelsk. In Russland bringt man diese und viele andere ähnliche, KI-gestützte Angriffe auf russische Ziele direkt mit dem Wirken von Karp in Verbindung. Julian Röpcke, damals noch bei der Bild, war auf X eifrig dabei, gemeinsam mit dem NAFO-Netzwerk diesen Angriff mit 21 Toten weißzuwaschen – RT DE berichtete.
Wallasch verweist in diesem Zusammenhang auf seine im Mai veröffentlichten Recherchen “Der Springer-Palantir-Komplex” und “Alles für den Endsieg: Wie Springer und Palantir ein Netzwerk aus Medien, Rüstung und Politik spinnen”. “Während die Bundeswehr Palantir bisher noch ablehnt, weil sie ihre Daten nicht mit dem umstrittenen Konzern teilen will, fährt das Springer-Haus eine massive Pro-Palantir-Offensive. Alex Karp war 2018–2020 Mitglied des Aufsichtsrats von Axel Springer. Peter Thiel investierte 50 Millionen Dollar in den Fonds von Mathias Döpfners Sohn Moritz. Springer-Journalisten wie Filipp Piatov schreiben unkritisch über Karp, ohne die alten Verbindungen offenzulegen.”
Trotz seiner zahlreichen Recherchen kommt der Journalist auch in seinem jüngsten Artikel aus dem Staunen nicht heraus. “Das ist alles so dreist und abgewichst, dass einem bei der Recherche schon schwindelig werden kann, noch mehr, wenn man nicht bereit ist zu vergessen, dass diese ganzen Waffensysteme Kriege verlängern, anheizen, auslösen und massenhaft Menschen töten – Soldaten und Zivilisten”. Und weiter, trockener:
“Was hier läuft, ist mehr als eine politische Medienkrake. Es ist ein Schattennetzwerk, das Narrative formt, Zugang zu Politikern verkauft und Einfluss auf Rüstungspolitik nimmt – weitgehend am Parlament und der breiten Öffentlichkeit vorbei.”
In Russland bleibt diese Entwicklung, die der Welt-“Sicherheitsgipfel” so eindrucksvoll verkörpert, nicht unbemerkt. “Der gefährlichste Gegner Russlands ist weder die Ukraine noch die NATO”, sagte vor wenigen Tagen der russische Politikwissenschaftler und Drohnenentwickler Alexei Tschadajew in einem Podcast. Das seien sagenhaft einflussreiche Techgiganten mit Elon Musk, Peter Thiel oder Alex Karp an der Spitze. Sie hätten nichts gegen Russland, sie betrachteten nur unsere Leben als Laborkaninchen für die Optimierung ihres Geschäfts. Klingt bitter. Aber an dieser Stelle fügen die Russen gerne hinzu: “Dieses Spiel kann man auch zu zweit spielen.” Und dieser Beisatz hat auch direkt etwas mit Deutschland zu tun. Denn mithilfe von Springer wird die Liste um neue deutsche Techaufsteiger erweitert.
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