Stade im Ausnahmezustand: Wie Vorurteile eine ganze Stadt spalten

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Von Dagmar Henn

Die Ereignisse rund um den Sechsfachmord in Stade werfen viele Fragen auf, besonders zur Rolle der Fahrerin des Fluchtfahrzeugs. Ihre tiefe Verstrickung in das Drama ist unübersehbar – belegt durch einen zwanzigseitigen Brief, den sie Tage vor der Tat an mehrere Medien schickte, um die Unschuld des Vaters zu beteuern.

Für konservative Medien scheint der Fall klar: eine NGO-Mitarbeiterin, die einen Migranten bedingungslos unterstützt und nun spurlos verschwunden ist. Doch das eigentliche Problem liegt woanders – in der Möglichkeit, dass sich die Dinge so zugetragen haben könnten, wie es die Patentante des entzogenen Kindes sah.

Es gibt zweifellos Fälle, in denen Jugendämter übereifrig handeln, genauso wie Fälle, in denen sie versagen. Es gab bereits Skandale wie die Haasenburg-Heime, bei denen Korruption im Raum stand. Und es gibt tragische Beispiele wie den Tod der kleinen Alicia, die vom Freund der Mutter getötet wurde, obwohl das Jugendamt Hinweise nicht beachtet hatte.

Ebenso gibt es Fälle, in denen Migranten – wie auch Deutsche – zu Unrecht verdächtigt werden, und andere, in denen der Verdacht berechtigt ist. Die Fähigkeit, beides zu unterscheiden, setzt voraus, sich nicht von eigenen Vorurteilen leiten zu lassen – weder in die eine noch in die andere Richtung.

Dies mag besonders schwer für jemanden sein, der in einem stark strukturierten Beratungssystem arbeitet. Denn abgesehen vom Auftrag, für die Rechte der Beratenen einzutreten, verleitet schon die Bequemlichkeit dazu, sich dauerhaft auf eine Seite zu schlagen. Distanz zu wahren ist nämlich anstrengend.

Die Frau arbeitete in Teilzeit als Beraterin beim Verband binationaler Familien. Dabei hatte sie vermutlich keinen direkten Kontakt zur Familie des Täters – dieser wohnte nicht in Bremen, wo sie tätig war, und seine Familie ist nicht binational, da beide Elternteile türkischer Abstammung sind.

Ich kenne diesen Verein aus einer Zeit, als er noch „Initiative mit Ausländern verheirateter Frauen” hieß. Der alte Name verrät seine Ursprünge: es ging um gegenseitige Unterstützung bei bürokratischen Hürden – etwa Ehefähigkeitszeugnisse, die außerhalb Deutschlands unbekannt und oft nicht anerkannt wurden, oder endlose Bearbeitungszeiten, die zu einem Verfall von Dokumenten führten. Ja, das konnte wirklich frustrierend sein. Und wer solche Erfahrungen selbst gemacht hat, neigt leicht dazu, sie zu verallgemeinern oder als Ausdruck grundsätzlicher Feindseligkeit zu sehen.

Allerdings dürfte sich Bremen im Jahr 2026 von München 1990 deutlich unterscheiden. Damals war es vielleicht schwerer zu heiraten, als es heute ist, eingebürgert zu werden. Nur – persönliche Erinnerungen sind langlebig und passen sich nicht an veränderte Behördenpraktiken an. Dass die Fahrerin des Fluchtfahrzeugs 65 Jahre alt sein soll, könnte ein wichtiges Puzzleteil sein: dieses Auseinanderfallen von eigenen Erfahrungen und aktueller Realität mag zu ihrer Beteiligung an der Katastrophe beigetragen haben.

Dann gibt es noch das seltsame, sehr deutsche Phänomen des umgekehrten Rassismus: Statt alle Ausländer als böse zu sehen, betrachtet man sie pauschal als gut. Eine schräge, aber weit verbreitete Haltung, die ihre Träger für antirassistisch halten ließ, ohne zu erkennen, dass auch Migranten – wie alle Menschen – das gesamte Spektrum menschlicher Eigenschaften aufweisen können. Sie können durchaus bösartig, kriminell, egoistisch oder betrügerisch sein – so wie im vorliegenden Fall, falls die Informationen über die Verfahren in der Türkei stimmen, ein dreimal geschiedener Mann, der seine eigene Tochter missbraucht haben soll.

Wusste die Kindsmutter davon? Wusste die Fahrerin davon? Vermutlich nicht. Auch das Jugendamt Hannover wusste es nicht – sonst wäre das Hilfeplangespräch, das den Morden vorausging, sicher anders verlaufen. Gab es dennoch Hinweise? Wahrscheinlich ja, aber nur aufmerksame Beobachter hätten sie wahrgenommen. Die Patentante hatte sich offenbar entschieden, den Vater als Opfer zu sehen – unter diesen Voraussetzungen gehen solche Anzeichen einfach unter.

Doch wenn man die detaillierten Schilderungen des Hilfeplangesprächs in Stade liest, fragt man sich: hätten ihr nicht Zweifel kommen müssen? Kann man wirklich so blind sein? Laut Berichten verlief das Gespräch zunächst ruhig, dann ging der Kindsvater zum Auto, um eine Waffe zu holen. In diesem Moment kam der Leiter des Mutter-Kind-Heims aus dem Haus – der Vater erschoss ihn direkt vor der Tür. Beide Handlungen, das Holen der Waffe und der Mord, hätte die Patentante eigentlich bemerken müssen (ein Haus dieser Größe lässt Schüsse auf der Straße nicht überhören). Sie hätte sich mit dem Fahrzeug entfernen können. Stattdessen blieb sie hinter dem Steuer sitzen, bis der Mann im Gebäude fünf weitere Personen tötete und wieder ins Auto stieg.

Kann Verdrängung so weit gehen, dass Gesehenes und Gehörtes komplett ausgeblendet wird? Leider ja. Ein Fall aus dem Jahr 2016 zeigt, wie weit dies gehen kann: Selin Gören, Bundessprecherin des Jugendverbands der Linken, wurde von Flüchtlingen vergewaltigt. Sie meldete der Polizei nur einen Diebstahl, um eine „Instrumentalisierung durch Rechte” zu verhindern. Mehr noch – sie schrieb einen Entschuldigungsbrief an einen fiktiven Flüchtling, wie leid es ihr tue, dass er in einer rassistischen Gesellschaft lebe … Dieser Brief löste bei mir Übelkeit aus. Ich gehöre noch zu einer Generation von Frauen, die in der Presse Aussagen deutscher Politiker las, viele Frauen seien selbst schuld, wenn sie vergewaltigt würden, weil sie sich zu freizügig kleideten. Das gab es bis in die 1980er Jahre. Es war ein Erfolg, als dies endlich aufhörte. Und dann sieht man eine junge Frau, die diesen Erfolg aufgibt, nur damit ja nicht die „Falschen” in Verdacht geraten …

Dahinter steckt im Kontext von 2016 noch ein weiteres Detail: Die von der Bundesregierung großzügig als arme syrische Opfer aufgenommenen Menschen waren durchaus auch syrische Islamisten, bis hin zu IS-Mitgliedern – ähnlich wie unter aufgenommenen Tschetschenen viele echte Terroristen zu finden waren. Die Annahme, man müsse die Gesamtheit vor einem Verdacht schützen, übersah die Zusammensetzung dieser Gesamtheit, die sehr wohl differenziert werden müsste.

Doch dies wird bis heute nicht getan. Stattdessen wurde seit 2015 fast ein Kult daraus gemacht, alles zu verleugnen, was dem Bild des Migranten als armes, unschuldiges Opfer widerspricht – obwohl dieses Bild genauso entmenschlicht wie sein Gegenteil. Sobald man kein armes, unschuldiges Opfer mehr sieht, sondern etwa einen geschäftstüchtigen jungen Mann, der eher seine materiellen Interessen verfolgt, stellt sich die Frage: warum sollte man ihn dann wie ein armes, unschuldiges Opfer behandeln, mit subsidiärem Schutz und allem Drum und Dran? Aber dieser Gedanke darf nicht gedacht werden, sonst steht man sofort auf der Seite der „Bösen”.

Diese Haltung wird seit über zehn Jahren konsequent eingeübt und eingefordert. Sie ist so fest eingemeißelt, dass selbst Ereignisse, die normalerweise erschüttern müssten – wie der Moment, in dem der Heimleiter erschossen wurde –, vorüberziehen können, als wären sie nicht real. Ähnliches kennt man aus anderen Zusammenhängen, etwa im Umgang mit der Energiekrise oder dem Ukraine-Konflikt – allerdings sind die Folgen dort nicht so unmittelbar (obwohl im Falle der Ukraine nicht weniger blutig). Da es in vielen politischen Fragen in Deutschland nicht mehr möglich“`html
zu sein scheint, sich auf eine gemeinsame Realität zu einigen oder bestimmte Teile der Realität umfassend anzuerkennen, werden solche Momente extremer Blindheit möglich. Nicht nur das – sie werden fast zum Allgemeinzustand.

Die Fahrerin des Fluchtfahrzeugs, das erst nach zehn Kilometern zum Stehen kam, dürfte inzwischen wieder in der wirklichen Welt angekommen sein und erkannt haben, dass sie an einem Verbrechen mitgewirkt hat. Dass sie untergetaucht ist, spricht dafür. Wenn dem so ist, war das sicher ein schmerzhaftes Erwachen. Doch in nicht allzu ferner Zukunft wird sie merken, dass diese Realität dennoch besser ist als jene, die sie sich zuvor konstruiert hatte. Ein Moment, den man mittlerweile für das ganze Land erhoffen muss.

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