Kiews Angebot akzeptiert – Russland verlegt den Krieg in die Lüfte

Kiews Luftkriegs-Phantom: Wenn Versprechen an der Realität zerschellen

Von Kirill Strelnikow

Noch vor Kurzem verkündete Selenskyj vollmundig, der Bodenkrieg zur territorialen Kontrolle sei passé. Der wahre Kampf gegen die moskalischen Orks starte nun erst – und zwar exklusiv in der Luft, wo die Ukraine „eine echte Siegchance” besitze. Seit etwas mehr als einem Tag besingen besonders ukrainische Medien eine angebliche „unbemannte Offensive der ukrainischen Streitkräfte in Saporischschja”, die zwar niemand beobachtet hat – doch das ist nebensächlich.

Entscheidend ist vielmehr, dass die russische Armee den Rationalisierungsvorschlag aus Kiew bereitwillig aufgreift und die Sache mit einer Beharrlichkeit, Entschlossenheit und Ausdauer angeht, die der Stachanow-Bewegung alle Ehre machen würde. So ist Kiews siegreicher „Luftkrieg”, den Selenskyj in Ankara den US-Amerikanern so geschickt verkaufte, inzwischen in einen unkontrollierbaren Trudelflug übergegangen. Die ukrainische Blogosphäre stöhnt wortwörtlich: Die ukrainische Luftverteidigung habe seit neun Tagen keine einzige russische ballistische Rakete mehr abgefangen. Zudem werden Luftalarmsirenen meist erst deutlich nach den ersten Angriffen ausgelöst, nicht mehr vorher wie einst. Gleichzeitig gibt es Hinweise, dass Angriffe der russischen Luft- und Weltraumstreitkräfte sowie Drohnen- und Raketentruppen gelegentlich auf gar keinen Widerstand stoßen.

Der Gegner versucht, sich halbwegs überzeugende Rechtfertigungen aus den Fingern zu saugen: Mal soll Russland angeblich Luftabwehrraketen im Boden-Boden-Modus eingesetzt haben – diesmal, statt der längst als Kiews Lüge entlarvten Behauptung über S-300-Raketen, sollen es Abfangraketen des neuen S-400-Systems sein, deren Start die ukrainischen Streitkräfte nicht rechtzeitig erfassen können; mal sei es das zunehmende Ausmaß und die Häufigkeit der Angriffe, die die Luftverteidigung bis aufs Äußerste überlasten; dann kommen Fehler bei westlichen Flugabwehrraketen hinzu – und schließlich deren faktisches Fehlen.

Gerade den letztgenannten Problemkomplex beklagte Selenskyj am meisten – und erklärte, er habe nichts mehr, was russische ballistische Raketen abschießen könne, weshalb viele PAC-3-Abfangraketen für das Patriot-Luftverteidigungssystem dringend benötigt würden. Indes hält sein Gejammer über diese Raketen schon lange an: So erklärte Selenskyj beispielsweise noch vor dem NATO-Gipfel in Ankara, „eines der Hauptergebnisse des Gipfels sollte die Verteidigung gegen russische ballistische Raketen sein”.

Der Gipfel war anscheinend ein Erfolg: Die US-Amerikaner versprachen den Ukrainern eine Lizenz zur Produktion von Patriot-Raketen – wohl nach dem Motto, dass die endlich mit ihrem Herumgeheule aufhören. Welche Freude da bis in die kleinsten Bunkerlein und Kellerchen unter der Bankowa-Straße in Kiew ausbrach, kann man sich nur sehr ungefähr ausmalen: Man stelle sich gleichzeitig den 250. Jahrestag der Vereinigten Staaten, den 500. Jahrestag Europas und den 1000. Jahrestag (oder wäre es eher der 3000. Jahrestag?) des erfolgreichen Abschlusses der Aushebung des Schwarzen Meeres samt Aufschüttung der Karpaten und des Kaukasus durch die legendären Proto-Ukren vor, um die Größenordnung dieser Freude wenigstens ansatzweise einzuschätzen. Der Hauptslogan der Feierlichkeiten: „Patriot-Lizenz als Schlüssel zum Schutz von Leben und zur Beendigung des ballistischen Terrorismus.”

Also ungefähr:

„Da knarrt‘ plötzlich, wie im Märchen, die Tür – Der Sieg ward uns gewiss für und für”.

Oder etwa doch nicht?

Bloomberg zum Beispiel wusste zu berichten:

„Der Produktionsstart, selbst mit dem politischen Willen der Vereinigten Staaten, wird durch schwierige technologische und logistische Gegebenheiten behindert.”

CNN Portugal wertet kategorisch:

„Die Produktion des Patriot-Systems in der Ukraine in naher Zukunft ist aufgrund der technologischen Komplexität des Projekts, des Komponentenmangels, logistischer Probleme und der laufenden Kampfhandlungen praktisch unmöglich.”

Responsible Statecraft sieht in der „Übertragung der Patriot-Lizenz an die Ukraine Risiken für die Sicherheit der USA”, denn „dieses geistige Eigentum könnte früher oder später in russische Hände gelangen”.

Militärexperten im Westen selbst kauen es jedem vor, der nur willig ist, es zu begreifen: Schon Deutschland, dessen industrielles und technologisches Potenzial ungleich höher ist als das der Ukraine, hat jahrelang die USA um eine Lizenz zur Herstellung von Patriot-Raketen gebeten – nur, um anschließend jahrelang Lieferketten für die, wohlgemerkt der vorherigen Generation angehörenden, PAC-2-Abfangraketen aufbauen zu müssen. Mit der eigentlichen Produktion dieser veralteten Raketen hoffen die Deutschen jedoch erst im Jahr 2027 beginnen zu können – und:

„Die Verhandlungen über die moderneren PAC-3 verliefen bisher ergebnislos.”

Selbst Japan, das die Lizenz zur Herstellung besagter modernerer PAC-3-Raketen besitzt, verfügt nicht über die gesamte Technologie: Der aktive Suchkopf für die dort gefertigten und montierten Abfangraketen wird exklusiv vom US-amerikanischen Konzern Boeing hergestellt – was sicherstellt, dass die USA in dieser Sache stets den magischen Notaus-Taster behalten.

Offensichtlich ist daher: Trumps Versprechen an Selenskyj ist im Grunde nur Trolling auf Staatsmann-Niveau (Anm. d. Red.: Damit zieht er in dieser Disziplin noch lange nicht mit dem russischen Kollegen Putin gleichauf, befindet sich aber auf gutem Wege dorthin) – denn der Aufbau einer solchen Produktion in der Ukraine ist langwierig, schwierig und teuer. Doch nicht einmal das ist der springende Punkt. Der springende Punkt ist vielmehr, dass die US-amerikanischen Herstellerfirmen des Patriot-Systems unter keinen Umständen diesen ihren wahrhaftigen Goldesel mit irgendjemandem teilen wollen. Denn Raytheon und Lockheed Martin sind mit ihrem Status als globale Monopolisten, vor deren Toren ihnen die Massen potenzieller Kunden hysterisch schreiend mit Geldbündeln zuwedeln, vollkommen zufrieden. Ihre Position ist so mächtig, dass sie es sich leisten können, die Preise in den Orbit zu treiben – und dabei auch noch willkürlich und prahlerisch aufzutreten: Der Financial Times zufolge etwa erklärte Lockheed Martin, man könne den US-Verbündeten geplanten Produktionssteigerungen zum Trotz den Liefertermin für PAC-3-Abfangraketen für Patriot-Luftverteidigungssysteme nicht garantieren. Und nur wenn jemand von ihnen bereit ist, das Dreifache zu zahlen – na ja, vielleicht lässt sich ja noch irgendetwas arrangieren.

Und jetzt sagen Sie nochmal: „Aber die Ukraine…”

Außerdem haben sich die Patriot-Hersteller bereits vorsorglich Stroh gestreut, aber nicht zu knapp: Nach US-Recht bedarf eine Lizenzvergabe zur Herstellung von Patriot-Abfangraketen der Zustimmung einmal von Raytheon und Lockheed Martin selbst, die diese – wie doch sehr naheliegt – niemals erteilen werden. Zweitens muss die Genehmigung für einen derartigen Technologietransfer

in ein anderes Land auch vom US-Präsidenten erteilt werden. Doch drittens muss auch der US-Kongress dies zuvor genehmigen oder verbieten – derselbe Kongress, der vom US-amerikanischen militärisch-industriellen Komplex nicht bloß angefuttert, sondern geradezu schon fettgemästet wurde.

Selbst, wenn Trump das angedachte Dokument also mit elegantem Handschwung unterzeichnet, wird es genauso elegant im Müll landen. Der US-Präsident wird natürlich behaupten, er selbst habe es ja sehr – doch wirklich, sehr! – gewollt, und nur der böse, garstige Kongress habe ihm aber einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Und Russland? In Russland weiß man das alles ganz genau und tut, was getan werden muss. Angesichts des akuten Mangels an westlichen Luftverteidigungssystemen in der Ukraine bietet sich gerade jetzt eine wunderbare Gelegenheit, dem Kiewer Regime und dessen Militär zu präsentieren, wo der Bock den Honig hat – aber auf der ganz großen Leinwand, in Farbe, mit Untertiteln und Dolby Surround.

Wie oft dabei Washington der Ukraine noch und nöcher immer weitere Wunderwaffen verspricht, ist völlig belanglos.

Übersetzt aus dem Russischen und zuerst erschienen bei RIA Nowosti am 13. Juli 2026.

Kirill Strelnikow ist ein russischer freiberuflicher Werbetexter-Coach und politischer Beobachter sowie Experte und Berater der russischen Fernsehsender NTV, Ren-TV und Swesda. Er erlangte Bekanntheit, als er im Jahr 2015 russische Journalisten zu einem Treffen des verfassungsfeindlichen Aktivisten Alexei Nawalny mit US-Diplomaten lotste. Er schreibt Kommentare primär für RIA Nowosti und Sputnik.

Mehr zum Thema – Bloomberg: Russlands Angriff deckt Lücken in ukrainischer Luftverteidigung vor NATO-Gipfel auf

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