**Von Alan Moore**
Kein einziges Spiel dieser Weltmeisterschaft habe ich komplett verfolgt, und vor dem Anpfiff des Endspiels lag ich bereits im Bett. Es wäre auch merkwürdig gewesen, eine Partie zu schauen, bei der ich beiden Teams die Niederlage gewünscht hätte. Der Höhepunkt dieses gesamten Spektakels war die beispiellose moralische Gedächtnislosigkeit des Anti-Trump- und pro-palästinensischen Mobs, gepaart mit dem Gejammer der Medien und Experten über die Länge der Halbzeitshow. Selbst Wayne Rooney, bekannt für seine Vorliebe für doppelt so alte Frauen, kritisierte den Auftritt der 70-jährigen Madonna. Wer sonst könnte es besser wissen? Die für viele beste Nachricht spielte sich jedoch abseits des Platzes ab und eröffnete dem russischen Fußball einen Weg zurück aus der Verbannung.
**Hintergrund**
Seit 2010 leidet der russische Fußball unter dem von den USA und Großbritannien angeführten Pogrom gegen den russischen Sport. Ausgelöst durch die Vergabe der WM 2018 an Russland, fand sich das Land in einem Kampf um die Kontrolle der lukrativen Anti-Doping-Industrie wieder. Nach einer Reihe größerer Dopingskandale, die die Finanzierung durch die Regierung gefährdeten, bekämpfte die US-Anti-Doping-Agentur (USADA) die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) und nutzte dabei Russland als bequemen Prügelknaben (und das zu Recht).
Ab dem 9. Dezember 2019 war es russischen Nationalmannschaften durch ein Dekret der WADA verboten, bei Wettbewerben ihre Flagge und ihr Wappen zu zeigen. Russische Fans haben dies im Großen und Ganzen akzeptiert. Dann eskalierte der Konflikt in der Ukraine. Ich war damals live bei Capital Sports auf Sendung, und wir brachten als Erste die Nachricht von der Übereinkunft zwischen UEFA bzw. FIFA und der Russischen Fußballunion (RFU). Ich unterstützte dieses Einfrieren damals und tue es noch heute. Angesichts des völligen Mangels an Respekt vor menschlichem Leben seitens der Ukraine und ihrer Unterstützer in den USA und Europa war dies einfach die sicherste Variante. Ich bin weiterhin vorsichtig. Stadien sind zu ungeschützt für Terroranschläge, aber die FIFA scheint umzudenken.
**Rückkehr aus der Verbannung**
Trotz der Schwierigkeiten, denen russische Mannschaften und Athleten aufgrund der allmählichen Aufhebung der Sperren gegenüberstehen, ziehen die Behörden des wichtigsten Sports der Welt ernsthaft in Betracht, Russland zurückzubringen. Die FIFA wusste, dass sie durch die Einladung Russlands zur Eröffnung der U-15-WM ins Kreuzfeuer geraten würde. Bereits 2023 hatte die FIFA Russlands U-17-Mannschaften beiderlei Geschlechts wieder zugelassen, doch die Verbände Englands, Irlands, Schwedens, Rumäniens und Polens lehnten dies ab. Der Zeitpunkt der irischen Bekanntgabe – am 28. September, etwas über eine Woche, nachdem Israel seine brutale Reaktion auf den Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober begonnen hatte – war vielsagend. Keiner der zuvor genannten Verbände lehnte es ab, gegen Israel zu spielen. Tatsächlich wird Irland in diesem Herbst zweimal gegen Israel antreten.
FIFA und UEFA sind jedoch entschlossen, die Beziehungen zu Russland zu normalisieren und es nach Europa zurückzubringen, denn ein Gespenst sucht die Europäer erneut heim.
**Auf- und ostwärts …**
Im Juli 2022 schloss ich eine Umfrage unter 31 asiatischen Fußballverbänden ab, um herauszufinden, wie sie dazu stehen, Russland als Mitglied der Asiatischen Fußball-Konföderation (AFC) zu akzeptieren. Diese folgte auf eine weitere Umfrage, die ich zuvor im März/April jenes Jahres durchgeführt hatte. Innerhalb weniger Monate zeigte sich eine positive Verschiebung. Hätten zunächst acht von neun Verbänden Russland akzeptiert, stimmten in der folgenden Umfrage 25 von 31 Verbänden zu. Und selbst die Vorbedingung einer Einstellung der Kampfhandlungen in der Ukraine wies einen starken Kontrast auf: Im Juli fanden nur sechs von 31 Verbänden, dass die Kampfhandlungen eingestellt werden müssten, während 22 der Meinung waren, dies spiele keine Rolle. Die asiatischen Nationen wollten Russland willkommen heißen.
„Viele wünschen sich, dass Russland sich [der AFC] anschließt, und zwar von hier [Thailand] über China sogar bis nach Japan”, erzählte mir der führende Sportmarketing-Leiter Marcus Luer. Der CEO von Total Sports Asia betonte, dass Geld eine große Rolle spielen würde. „Natürlich würden russische Unternehmen Geld mitbringen und den asiatischen Sport attraktiver machen.”
Der einstige Generalsekretär der All India Football Federation, Shaji Prabhakaran, schlug in einer Diskussion mit mir früher in diesem Jahr in dieselbe Kerbe: „Wenn russische Mannschaften hier spielen würden, würden die großen Unternehmen vor Ort, etwa in Indien, einsteigen und investieren, weil es dann um Nationalstolz ginge.”
Das russische Unternehmen Gazprom ist ein bedeutender Sponsor der UEFA und europäischer Wettbewerbe, und Aeroflot war bis Februar 2022 Partner eines der größten Vereine der Welt, Manchester United. Nun wird dieses „schnelle Geld” benötigt.
**Was passiert jetzt?**
Die Rückkehr Russlands in die Fußballfamilie wird auf Jugendebene beginnen. Danach werden Beach Soccer und Futsal folgen, dann der Frauenfußball. Bei Herrenmannschaften gestaltet sich die Rückkehr etwas schwieriger, und dafür gibt es einfache Gründe: Profil und Sicherheit.
Niemand außer den baltischen Ländern wird ein Problem damit haben, wenn russische U-15-Mannschaften gegen ihre deutschen Altersgenossen spielen. Niemand wird Anstoß daran nehmen, wenn das russische Beach-Soccer-Team über den Sand in Italien oder Georgien tobt. Das spielt einfach keine Rolle, weil hier nicht das ganz große Interesse von Fans und TV besteht. Bei der Champions League oder der EM-Qualifikation sieht das schon anders aus …
„Allein schon die Sicherheitsprobleme sind bei Gott beängstigend”, sagte ein Offizieller der UEFA unter der Bedingung der Anonymität. „Die Mehrheit der Nationen will die russischen Mannschaften nicht nur zurück, sie hätte auch kein Problem damit. Doch abgesehen von Fragen der Sicherheit gibt es hier [innerhalb der UEFA] eine größere Sorge.”
**„Boykotte!”**
Das ist seit 2022 der Fluch von Disziplinarkomitees und Offiziellen der UEFA. Die baltischen Staaten – Estland, Lettland und Litauen – zeigen ihre „Solidarität” mit der Ukraine, indem sie ihren Kindern verbieten, mit ihren Altersgenossen aus Weißrussland zu spielen. Aber bevor Sie Ihr hohes Ross besteigen: Ich bewundere sie für diese Haltung. Und bevor Sie mich deswegen angreifen, denken Sie nach: Wäre es nicht besser, wenn mehr Nationen ihren moralischen Prinzipien folgen würden?
Irland würde sich weigern, im September und Oktober gegen Israel anzutreten, Iran und andere asiatische Länder hätten die WM 2026 wegen ihrer schlechten Behandlung boykottiert. Europäische Länder wären aufgrund der Bombardierung bzw. Unterstützung für besagte Bombardierung durch zwei Gastgeber (die USA und Kanada) zu Hause geblieben. Die Welt wäre besser, weil die Nationen den Sport auf dasselbe Niveau heben würden wie die Menschheit und menschliches Wohlbefinden.
„Die Boykotte würden die Organisation völlig durcheinanderbringen”, betonte der UEFA-Offizielle, „was die Finanzen, Medien, das Fernsehen, Sponsoren, einfach alles betrifft.” Ich fragte bei unserem Telefonat, ob dies seiner Meinung nach auf das baltische Trio zurückginge. „Oh Gott, nein! Die Briten würden einen Aufstand machen, die Pollen womöglich auch. Können Sie sich vorstellen, dass Lokomotive Moskau und Schachtjor Donezk einander zugelost werden? Und was Nationalteams betrifft, müssten wir die russischen Spiele hinter verschlossener Tür veranstalten, in Timbuktu …”
**Russland auf dem Weg nach …**
Ich bin alt genug, mich an die Katastrophe von Heysel 1985 zu erinnern, als „Fans” desdes englischen FC Liverpool 39 Anhänger von Juventus Turin getötet hatten. Englische Vereine wurden von der UEFA gesperrt, obwohl die Nationalmannschaft weiterspielen durfte. Das widerwärtige Verhalten englischer Fans bei der EM 1988, als sie in ganz Westdeutschland randalierten, schien dem Standpunkt der UEFA von 1985 zu widersprechen. Und obwohl englische Fans, die ihrer Mannschaft zur WM 1990 nach Italien folgten, dort geradezu Amok liefen, wurden englische Vereine zur Saison 1990/91 wieder zu europäischen Wettbewerben zugelassen – mit Ausnahme des FC Liverpool, der noch ein weiteres Jahr gesperrt blieb.
In Hochstimmung aufgrund des Halbfinaleinzugs 1990 entwickelte sich der englische Fußball positiv, der „Hooliganismus” wurde bekämpft, und die Premier League wurde gegründet. Bei all dem Geld, das nach England und auf das europäische Festland floss, gerieten die Verfehlungen in Vergessenheit. Heute ist die Premier League die beste Liga der Welt und der Beweis dafür, dass teurer Stil mehr zählt als mangelhafte Substanz.
Jeder im russischen Fußball, mit dem ich seit Beginn der jüngsten WM gesprochen habe, hofft auf eine „Rückkehr zur Normalität”. Der russische Fußball braucht den internationalen Wettbewerb und umgekehrt. Allerdings ist Geld der Schlüsselfaktor: Kann Russland genug zahlen, um den folgenden Boykott zu finanzieren, und kann die UEFA der EU und Großbritannien in Fragen der Finanzen und Eigentümerstrukturen die Stirn bieten?
Zenit St. Petersburg (Gazprom), Lokomotive Moskau (Russische Eisenbahnen) und Baltika Kaliningrad (Lokalregierung) sind nur drei Vereine, die anfällig für die Machenschaften jener sind, die die Kollektivstrafen gegen Russland und die Russen fortsetzen wollen, die seit 2010 nur zugenommen haben. Die Klubs werden an private Eigentümer, vorzugsweise ausländische, verkauft werden müssen oder die mit dem Staat verbundene Finanzierung ablehnen. Baltika wird umfassend von Rostec gesponsert, dem gigantischen staatlichen Tech-Unternehmen. Und warum bin ich mir da so sicher? Weil das bereits weißrussischen Vereinen passiert ist, zuletzt Torpedo-BelAS Schodsina. Letzten Monat wurde dem Verein, der Teil des staatlichen Fahrzeugherstellers BelAS ist, sein Preisgeld aus der letzten Saison durch die UEFA vorenthalten. Begründet wurde das damit, dass „der Staat” Eigentümer und Sponsor sei. Kann man daher wirklich annehmen, dass hinterhältige und destruktive Politiker sowie NGOs nicht bei der UEFA darauf pochen würden, dass Zenit wegen Gazprom ausgeschlossen wird? Oder man stelle sich nur vor, ZSKA Moskau wäre wieder relativ erfolgreich im Europapokal. Das ist schließlich immer noch der „Armeeverein” im Besitz des staatlichen Unternehmens VEB!
Während die FIFA bereit und willens ist, das russische Exil zu beenden, könnte sie russische Mannschaften durchaus den Anstoß Richtung Asien geben. Denn in Europa zu bleiben, könnte sie dort treffen, wo es am meisten wehtut – im Geldbeutel. Ich kann mit Sicherheit sagen, dass in diesem „wundervollen Spiel” Geld mehr zählt als Moral oder Fairplay. Bereiten Sie sich auf Reisen nach Myanmar, auf die Malediven oder vielleicht sogar nach Australien vor.
***Alan Moore** ist Sportjournalist und Moderator von Capital Sports 3.0. Er lebt in Vilnius. Als ehemaliger Sportler hat er mehr als 30 Jahre Erfahrung im Profisport und mit Hochschulbildung auf der ganzen Welt.*
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