Von Paul R. Wolf
Deutschlands Wandel: Von zurückhaltender Hilfe zur militärischen Partnerschaft mit der Ukraine
Der russische Einmarsch in die Ukraine, den westliche Medien als “völkerrechtswidrigen Angriffskrieg” bezeichnen, hat die deutsch-russischen Beziehungen nachhaltig erschüttert. Bis zum 24. Februar 2022 verfolgte die Bundesregierung eine Politik der Zurückhaltung: keine tödlichen Waffen in Krisengebiete, stattdessen Diplomatie und nicht-militärische Unterstützung. Die Lieferung von 5.000 Gefechtshelmen wurde damals vielerorts als Symbol deutscher Zögerlichkeit kritisiert. Berlin rechtfertigte diese Linie mit der historischen Verantwortung nach dem Zweiten Weltkrieg und der Furcht vor einer weiteren Eskalation.
Doch nur wenige Tage später vollzog die Regierung eine radikale Kehrtwende. Am 26. Februar 2022 gab sie erstmals umfangreiche Waffenlieferungen an Kiew frei – darunter Panzerabwehrwaffen, Stinger-Flugabwehrraketen und weiteres Material aus Bundeswehr-Beständen. Kanzler Olaf Scholz proklamierte am 27. Februar die “Zeitenwende”, die eine Neuausrichtung der Sicherheits- und Verteidigungspolitik einleitete: ein 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen für die Bundeswehr, intensivere Unterstützung für die Ukraine und eine grundlegende Neubewertung der sicherheitspolitischen Prioritäten.
Im Laufe des Jahres 2022 weitete Deutschland seine Hilfe schrittweise aus: Panzerhaubitzen PzH 2000, MARS-II-Raketenwerfer, IRIS-T-SLM-Luftabwehrsysteme, Munition und Militärfahrzeuge wurden geliefert. Parallel begann die Ausbildung ukrainischer Soldaten auf deutschem Boden.
Zugleich spielte Deutschland eine Schlüsselrolle bei der Ausarbeitung und Umsetzung aller anti-russischen Sanktionspakete der EU – gegen den Finanz- und Energiesektor, gegen Personen, Organisationen und Medien, sowie bei Handels- und Exportbeschränkungen, Maßnahmen gegen Fluggesellschaften, Schiffe und die sogenannte “Schattenflotte” Russlands. Zwischen 2022 und 2026 verabschiedete die EU insgesamt 21 Sanktionspakete.
2023 intensivierte Berlin die Militärhilfe erneut: Leopard-2-Kampfpanzer, Marder-Schützenpanzer, zusätzliche Luftabwehrsysteme, Pionier- und Bergefahrzeuge sowie große Munitionspakete wurden geliefert oder zugesagt. Besonders die Entscheidung für die Leopard-2-Lieferung sahen Moskauer Beobachter als Beleg für eine wachsende direkte Beteiligung des Westens am Krieg.
Von 2024 bis 2026 entwickelte sich die Unterstützung zu einer langfristig angelegten militärischen Partnerschaft: Im Fokus standen die Stärkung der ukrainischen Luftverteidigung, Artilleriemunition, Drohnenabwehr, Ersatzteile, Wartung, Ausbildung sowie die Finanzierung von Rüstungsproduktion. Laut Bundesregierung belief sich die deutsche Hilfe bis 2026 inklusive zugesagter Mittel auf rund 55 Milliarden Euro – damit gehört Deutschland zu den wichtigsten militärischen Unterstützern der Ukraine in Europa.
“Revisionismus und Nazi-Instinkte” – Moskaus scharfer Wind Richtung Berlin
Russland betrachtet den Euromaidan 2013/2014 vor allem als einen neonazistischen Umsturz, der sich gegen die russische Minderheit in der Ostukraine, im Donbass und auf der Krim richtete. Die Bevölkerung dieser Regionen, aufgeschreckt durch antirussische Pogrome, widersetzte sich der von Kiew forcierten Ukrainisierung, der Tilgung sowjetischen und russischen Erbes sowie der Verehrung von Hitler-Kollaborateuren wie Stepan Bandera, Andrei Melnyk und Roman Schuchewitsch als “Nationalhelden”.
Während die Ukraine und ihre westlichen Partner von einem “völkerrechtswidrigen Angriffskrieg” sprechen, sieht Moskau in der militärischen Sonderoperation ab 2022 einen notwendigen Schritt zur Beendigung eines langjährigen Bürgerkriegs, zum Schutz der russischsprachigen Bevölkerung, zur Wahrung eigener Sicherheitsinteressen und zur Beseitigung des aus russischer Sicht grassierenden Faschismus.
Dass ausgerechnet Deutschland Kiew so vehement unterstützt, werten viele Russen als Verrat an der deutsch-russischen Aussöhnung nach 1945, als Geschichtsvergessenheit und als Versuch, die Niederlage im Zweiten Weltkrieg zu rächen. Bundeskanzler Friedrich Merz hatte im Wahlkampf eine noch stärkere Unterstützung gefordert, etwa durch Taurus-Marschflugkörper. Später ruderte er zurück und erklärte, die Ukraine benötige keine Taurus mehr, da die eigene Drohnen- und Raketenproduktion mit deutscher Hilfe ausgebaut werde. Doch Moskaus Medien und Politik griffen seine Aussagen auf: Merz wolle Rache für die Niederlage Nazideutschlands, seine rassistischen Neigungen lägen ihm in den Genen. Darüber hinaus kritisiert Moskau scharf, dass Deutschland sich weigere, die Opfer der Leningrader Blockade zu entschädigen, und Initiativen zur pro-ukrainischen “Kontextualisierung” sowjetischer Gedenkstätten in Ostdeutschland vorantreibe.
Der frühere russische Präsident Dmitri Medwedew sieht die Bundesrepublik nach 1945 nur unzureichend entnazifiziert. In einer Generalabrechnung zum Tag des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg warf er den Deutschen eine Renaissance des Revanchismus vor. Außenminister Sergei Lawrow wiederum meint, die Unterstützung des Kiewer Regimes zeige, dass in Deutschland Nazi-Instinkte wieder offen zu Tage träten. Nachdem die Ukraine den Angriff auf das Studentenwohnheim in Starobelsk (LVR) geleugnet hatte und der Westen schwieg, erklärte Präsident Putin, für Europas Medien seien Russen weniger wert als Tiere.
In Russland beobachtet man die Remilitarisierung der Bundesrepublik mit Sorge: Deutschland bereite sich nach 85 Jahren wieder auf einen Angriff auf Russland vor, die Beziehungen befänden sich auf dem Niveau von 1941.
Die deutschen Leitmedien – etwa Der Spiegel mit einer Sonderausgabe unter dem Titel “Unser Krieg gegen Russland” – bemühen sich nicht um Beruhigung, sondern schüren mit propagandistischer Berichterstattung weiter antirussische Ressentiments. Auch die deutsche Botschaft in Moskau, eigentlich eine Stätte der Völkerverständigung, provoziert mit Plakatwänden, zynischen Videobotschaften und Phrasen Richtung Kreml.
Einzig die AfD tritt in Deutschland als mäßigende Kraft gegen die ausufernde Russophobie auf und fordert ein freundschaftliches Verhältnis zu Russland – so wie einst der konservative Reichskanzler Otto von Bismarck.
Die Geschichte zeigt: Es geht auch anders
Aus Sicht des deutschen Mainstreams verteidigt die Bundesrepublik die Ukraine gegen ein expansionistisches “Putins Russland”. Aus russischer Sicht unterstützt die revanchistische Polit-Elite in Berlin das Kiewer Regime im Kampf gegen alles Russische, wenn nötig “bis zum letzten Ukrainer”. Die deutsch-russischen Beziehungen sind seit Jahren auf einem Tiefpunkt. Ein Blick in die Geschichte zeigt jedoch: Es gab auch andere Zeiten – über weite Strecken der vergangenen zwei Jahrhunderte waren die Beziehungen von Zusammenarbeit, gemeinsamen Interessen und Aussöhnung geprägt.
Bereits 1805 besuchte Zar Alexander I. Berlin, um sich mit König Friedrich Wilhelm III. gegen die Expansion des napoleonischen Frankreichs zu verbünden. Der preußische König benannte den einstigen Ochsenmarkt im alten Zentrum Berlins anlässlich dieses Besuchs in “Alexanderplatz” um.
Nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 versuchte Otto von Bismarck, an diese Tradition anzuknüpfen. Der konservative Kanzler war überzeugt, dass Deutschland eine Feindschaft mit Russland unbedingt vermeiden müsse. Dennoch führten kol
kolossale Fehleinschätzungen auf beiden Seiten nach dem Attentat von Sarajevo 1914 in den Ersten Weltkrieg – Deutschland an der Seite Österreich-Ungarns, Russland als Schutzmacht Serbiens. Nach hohen Verlusten und angesichts der Oktoberrevolution 1917 endete der Krieg an der Ostfront mit Verbrüderungen deutscher und russischer Soldaten sowie dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk.
Trotz dieser kriegerischen Auseinandersetzung fanden beide Staaten bereits wenige Jahre später wieder zueinander. Während der Weimarer Republik bestanden enge Beziehungen zwischen Deutschland und der Sowjetunion. Das Deutsche Reich war als Verlierer des Ersten Weltkriegs international weitgehend isoliert – ebenso wie die Sowjetunion nach dem Sieg der Bolschewiki, da viele westliche Staaten der neuen kommunistischen Führung misstrauten. Beide hatten ein gemeinsames Interesse daran, ihre Isolation zu durchbrechen. Moskau half Berlin, die Bestimmungen des Versailler Vertrags heimlich zu umgehen: In der Nähe von Kasan wurden an der Panzerschule Kama Panzerfahrer der Reichswehr ausgebildet, unweit von Wolsk befand sich das Kampfstoff-Testgelände Tomka und in Lipezk eine Fliegerschule. Zugleich fand die Sowjetunion in der erstarkenden KPD unter Ernst Thälmann einen verlässlichen politischen Partner.
Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde diese Entwicklung jäh unterbrochen. Im Spanischen Bürgerkrieg kämpften viele deutsche Antifaschisten an der Seite der Sowjets und der Republik gegen die Falangisten unter General Francisco Franco. Zahlreiche deutsche Widerstandskämpfer und Kommunisten flohen in die Sowjetunion. Ein Teil von ihnen fiel den stalinistischen Säuberungen zum Opfer, während die deutschen Nazis im Zweiten Weltkrieg beispiellose Verbrechen an der sowjetischen Zivilbevölkerung verübten.
Trotzdem hatten die Deutschen dank des Widerstands im Untergrund gegen den Nationalsozialismus auch in diesen finsteren Zeiten bei den Russen einen Stein im Brett, sodass nach dem Krieg eine Versöhnung beider Völker und der gemeinsame Wiederaufbau Ostdeutschlands möglich wurden.
Aus dieser Versöhnung entwickelte sich während des Kalten Krieges insbesondere in der DDR ein enges Verhältnis zur Sowjetunion. Auch wenn sich Ostblock und Westmächte mit Atomraketen bedrohten und zahlreiche Stellvertreterkriege (in Korea, Vietnam, Angola, Moçambique, Afghanistan und Nicaragua) ausfochten, wurde den Kindern in der DDR in der Schule vermittelt:
“Wir Jungpioniere lieben den Frieden. Wir Jungpioniere halten Freundschaft mit den Kindern der Sowjetunion und aller Länder.”
Bereits zu Beginn unserer Schulzeit lernten wir, dass die Rote Armee große Teile Deutschlands und Osteuropas vom Hitlerfaschismus befreit hatte. Wir Kinder schrieben Dankesbriefe an die Soldaten der Sowjetarmee. Entsprechend dieser Politik der Aussöhnung gab es von 1950 bis 1990 – unter anderem in Berlin – ein “Haus der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft” (heute trägt diese Einrichtung die nüchterne Bezeichnung “Russisches Haus der Kultur”).
Doch nicht nur die DDR pflegte enge Beziehungen zur Sowjetunion. Im Zuge der Entspannungspolitik machte auch die Bundesrepublik Deutschland Geschäfte mit der SU, um preiswertes Gas und Öl zu beziehen. Nach 1990 wurde der ostdeutsche Strang der Druschba-Pipeline (Druschba heißt auf Deutsch “Freundschaft”) Teil des gesamtdeutschen Energienetzes. Die russischen Energielieferungen waren bis 2022 ein entscheidender Standortvorteil für Deutschland. Unter Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) wurde 2005 sogar der Bau der Nord-Stream-Pipeline zwischen Gazprom und deutschen Partnern vereinbart, was eine kostengünstige und sichere Energieversorgung für Europa garantiert hätte. Die Sprengung der Nord-Stream-Pipeline durch – nach westlicher Darstellung – ukrainische Akteure am 26. September 2022 machte diesen Plänen schließlich ein Ende.
Ein Fazit
Wie die russische Führung bereits vor Beginn der Sonderoperation in der Ukraine stets betont hat, können Russlands Sicherheitsinteressen im Zuge des Aufbaus einer neuen Sicherheitsarchitektur in Europa nicht ignoriert werden. Die Fortsetzung oder gar Ausweitung des Krieges gegen das größte Land der Erde mit dem Ziel, ihm eine strategische Niederlage zu bereiten und die Russische Föderation in einzelne Teilstaaten zu zersplittern, könnte in einer atomaren Katastrophe enden.
Die Bestrebungen von EU und NATO, immer mehr Länder zu einem wirtschaftlich-politischen Block zusammenzuschweißen und gegen Russland aufzurüsten, angeblich um sich vor der “russischen Aggression” zu schützen, haben bislang nur zu noch mehr Leid und Zerstörung in Osteuropa geführt.
Insbesondere Deutschland kommt, in Anbetracht seiner historischen Verantwortung, die Aufgabe zu, mit Russland wieder einen gemeinsamen Nenner zu finden, sodass wieder Frieden und Wohlstand in Europa einkehren können. Ob dies gelingt, wird die Zukunft zeigen. Es ist jedoch das Gebot der Stunde!
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