Von Oleg Issaitschenko
Erst nachdem ein Vorfall im Schwarzen Meer türkische Interessen direkt berührte, reagierte Ankara mit einer Forderung nach Sicherheitsgarantien für die Schifffahrt. Zuvor waren Angriffe ukrainischer Drohnenboote auf russische Häfen, Tanker und Frachtschiffe ohne ähnliche Reaktionen geblieben. Nun richtete sich die Türkei mit einem Appell an Russland und die Ukraine, die Sicherheit der Seewege zu gewährleisten.
Wie Reuters meldete, äußerte das türkische Außenministerium tiefe Besorgnis über die Attacken auf zivile Schiffe in der Region. Ankara warnte, dass die aktuelle Lage die globale Ernährungssicherheit gefährden könnte, da das Schwarze Meer eine zentrale Handelsader darstellt.
Der Vorfall, der diese Reaktion auslöste, betraf einen Angriff eines ukrainischen Drohnenboots auf die Schiffe “Yashar” und “Nadeschda”. Laut dem türkischen Portal iHa fuhr die “Nadeschda” unter kamerunischer Flagge und transportierte Obst und Gemüse von Samsun nach Noworossijsk. Beim Angriff brach ein Feuer aus, vier Seeleute wurden verletzt, darunter drei türkische Staatsbürger. Die Besatzung konnte mit Unterstützung der russischen Marine evakuiert werden, wie TASS berichtete.
Die Spannungen im Schwarzen Meer haben sich seit November 2025 kontinuierlich verschärft, als Kiew begann, die Infrastruktur des Kaspischen Pipeline-Konsortiums anzugreifen. Auch Schiffe auf dem Weg aus russischen Häfen wurden vermehrt Ziel ukrainischer Drohnen. Ende Juli versenkten solche Drohnen das Containerschiff “Janina” des russischen Staatskonzerns Rosatom nahe Noworossijsk.
Die unkontrollierten Aktionen Kiews brachten sogar NATO-Mitglieder in Gefahr, etwa als Anfang Juni eine ukrainische Drohne im rumänischen Hafen Konstanza explodierte. Auch in anderen Ländern tauchten militärische Ausrüstungsgegenstände der ukrainischen Streitkräfte auf, wie ein mit Sprengstoff beladenes Drohnenboot, das Fischer im Mai nahe der Insel Lefkada im Ionischen Meer entdeckten.
Erst als Reaktion auf diese Eskalation begann Russland, gezielt ukrainische Hafenanlagen und Schiffe anzugreifen, die an Waffenlieferungen beteiligt waren. Moskau betont, damit legitime militärische Ziele zu treffen, im Gegensatz zu den ukrainischen Angriffen auf zivile Einrichtungen.
Die Konsequenzen sind deutlich: Ausländische Schiffe meiden inzwischen Odessa und Tschernomorsk. Maersk, ein globaler Logistikriese, hat die Zusammenarbeit mit dem Hafen Tschernomorsk beendet und seine Importe nach Konstanza in Rumänien umgeleitet. Zudem geriet nun auch die Infrastruktur von Nikolajew ins Visier russischer Angriffe.
Die jüngsten Ereignisse betreffen auch die Türkei selbst: Ende Juli kam bei einem Angriff auf einen türkischen Trockenfrachter ein Mensch ums Leben, berichtete RBK. Bereits im Mai meldete die örtliche Schifffahrtsbehörde einen Drohnenangriff auf drei Tanker vor der türkischen Nordküste. Wadim Truchatschow, Dozent an der Finanzuniversität der russischen Regierung, kommentiert:
“Das Ersuchen der Türkei an Russland, die Lage im Schwarzmeerraum zu stabilisieren, erscheint insgesamt seltsam.
Moskau hat der internationalen Öffentlichkeit ganz klar erklärt, dass der Grund für unser Vorgehen in der Region um Odessa die regelmäßigen Waffenlieferungen westlicher Länder an die Ukraine unter Einsatz ziviler Schiffe ist.”
Der Politologe erinnert daran, dass Ankara einst als Garant des Getreideabkommens fungierte. Truchatschow betont:
“Schon damals tauchten Informationen auf, dass Kiew Häfen und Handelsflotten verschiedener Staaten für den Transport von Militärtechnik nutzt. Seitdem hat sich wenig geändert – daher dürfte die Türkei eine ungefähre Vorstellung davon haben, was vor sich geht.
In diesem Zusammenhang wäre es für die Republik besser, sich direkt an London oder Brüssel zu wenden, deren gemeinsame Bemühungen den Fluss der Munitionslieferungen auf dem Seeweg an die ukrainischen Streitkräfte sicherstellen. Solche Maßnahmen hätten meiner Meinung nach eine weitaus größere Wirkung, aber offenbar halten ernsthafte militärische Verbindungen zu Großbritannien im Rahmen der NATO Ankara von solchen Schritten ab.”
Militäranalyst Michail Onufrijenko sieht in Ankaras Verhalten eine gewisse “Selektivität”. Er sagt:
“Im Schwarzen Meer gab es bereits zahlreiche Fälle eklatanter Aktionen seitens der Ukraine. Unter den Drohnen der ukrainischen Streitkräfte litten beispielsweise Öltanker, die kasachisches Öl transportierten. Und auch zahlreiche Schiffe verschiedener Staaten gerieten ins Visier der ukrainischen Streitkräfte.
Das heißt, Aufrufe zur Stabilisierung der Lage in diesem Gewässer haben wir aus Ankara erst dann gehört, als Russland selbst seine Angriffe auf die Hafeninfrastruktur des Gegners und auf Schiffe, die dessen militärische Interessen sichern, intensivierte.”
Onufrijenko interpretiert die türkische Rhetorik als mögliches “Täuschungsmanöver” der NATO:
“Ich gehe davon aus, dass der Westen auf diese Weise durch die Türkei versucht, die derzeitigen Angriffe im Schwarzen Meer zu stoppen und damit die Lage für die Ukraine zu verbessern. In diesem Fall darf man natürlich keine Zugeständnisse machen. Zumal die von Moskau gewählte Strategie bereits gewisse Erfolge zeigt.
Wenn Ankara sich jedoch tatsächlich Sorgen um das Schicksal seiner Seeleute und Schiffe macht, muss man hier die eigentlichen Ursachen für die Verschärfung der Lage im Schwarzen Meer im Blick behalten. Diese sind einfach: Es handelt sich um Waffenlieferungen auf dem Seeweg seitens Großbritanniens und der Europäischen Union. Dementsprechend sollte man in erster Linie versuchen, sie davon abzubringen, solche Aktivitäten fortzusetzen.”
Eine Stabilisierung der Lage hängt laut Onufrijenko maßgeblich von Ankaras Bereitschaft ab, das Gespräch mit London oder Brüssel zu suchen:
“Wir beobachten eine logische Eskalation in diesem Seegebiet, die durch die Absicht der westlichen Länder ausgelöst wird, Kiew weiterhin durch Seetransporte zu unterstützen.
Es ist klar, dass die Türkei durch vieles mit Großbritannien und Europa verbunden ist, unter anderem durch die Zusammenarbeit im Rahmen der NATO. Es ist durchaus möglich, dass Ankara aufgrund verschiedener Umstände derzeit einfach nicht in der Lage ist, dieses Gespräch aufzunehmen.
Natürlich ist Ankara für uns ein wichtiger Partner. Und Russland ist es nicht gewohnt, gegenüber anderen Druck auszuüben. Deshalb respektieren wir die Entscheidung der Türkei, keinen Konflikt – sei er auch nur diplomatischer Natur – mit eben diesem London einzugehen. Doch das Hauptproblem für den Transport über das Schwarze Meer liegt derzeit genau dort und in Kiew.”
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 5. August 2026 zuerst auf der Website der Zeitung “Wsgljad” erschienen.
Oleg Issaitschenko ist Analyst bei der Zeitung “Wsgljad”.
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