Im Winter 1944/45 war Budapest Schauplatz erbitterter Gefechte zwischen der Roten Armee, der Wehrmacht und den mit Hitlerdeutschland verbündeten ungarischen Truppen. Die Belagerung endete im Februar 1945 mit der Aufgabe der deutschen Einheiten. Mehr als acht Jahrzehnte später, bedingt durch das extreme Niedrigwasser der Donau, gibt der Fluss nun Relikte dieser dramatischen Monate preis.
Erst am vergangenen Wochenende entdeckten Spaziergänger in der ungarischen Hauptstadt ein ungewöhnliches Objekt: Ein Motorrad, das aus dem Schlamm des felsigen Ufers ragte – direkt auf der Budaer Seite, nahe dem Hafen am Batthyány-Platz, gegenüber dem Parlamentsgebäude auf der Pester Flussseite. Wie der Volksbund Kriegsgräberfürsorge mitteilte, handelte es sich um eine DKW NZ 350-1, ein seinerzeit von der Wehrmacht genutztes Militärkrad.
Die Bergung gestaltete sich als knifflige Angelegenheit. Das Fahrzeug lag eingebettet zwischen Keramikscherben, Tierknochen, Infanteriemunition beider Armeen und zahlreichen deutschen Tellerminen des Typs 35. Diese explosive Hinterlassenschaft erforderte zunächst einen Einsatz ungarischer Pioniere. Erst im Anschluss konnten Experten des Rettungsdienstes und des Instituts für Militärgeschichte die Arbeiten fortsetzen.
Die Fundstelle gab allerdings noch wesentlich sensiblere Überreste frei. In unmittelbarer Nähe des Motorrads stieß der Umbetter Gabor Kohlrusz auf menschliche Gebeine. Anhand der Erkennungsmarken ließen sich diese als Überreste von zwei deutschen Soldaten identifizieren, die in den letzten Kriegswochen gefallen waren.
Die Erkennungsmarken waren in einem bemerkenswert guten Zustand; Kohlrusz führt dies auf die konservierende Wirkung des mit Öl durchsetzten Flussschlammes zurück. Da die Prägung noch vollständig lesbar ist, besteht die realistische Chance, die Identität der Gefallenen zu ermitteln und möglicherweise Angehörige ausfindig zu machen.
Die Tatsache, dass die Marken ungeteilt aufgefunden wurden, ist ein beredtes Zeugnis der damaligen Umstände: In den Wirren der Schlacht blieb offenbar keine Zeit, eine Hälfte zur Erfassung und Benachrichtigung an die Wehrmachtsauskunftsstelle nach Berlin zu senden, wie es die Vorschrift vorsah.
Das Institut für Militärgeschichte vermutet, dass die Stelle nach Kriegsende als eine Art Entsorgungspunkt diente. Aufräumtrupps hätten die Stadt von Kampfspuren befreit und dabei neben Waffen und Ausrüstung auch Gefallene in den Fluss geworfen, so die Theorie.
Ein Detail deutet auf das Schicksal eines der Toten hin: Neben den Marken fand sich ein sogenannter „Ärmelschild Kuban”. Diese Auszeichnung wurde an Soldaten verliehen, die 1943 an den Abwehrkämpfen am Kuban-Brückenkopf im Kaukasus beteiligt gewesen waren.
Die beiden Gefallenen sollen nun ihre letzte Ruhe auf der Kriegsgräberstätte Budaörs am Stadtrand von Budapest finden, wo bereits mehr als 17.000 deutsche und ungarische Soldaten bestattet sind. Die DKW NZ 350-1 wird dagegen in die Sammlung des militärhistorischen Instituts des Verteidigungsministeriums übergehen.
Der Volksbund rechnet damit, dass der anhaltend niedrige Wasserstand der Donau auch in Zukunft weitere Zeugnisse der Kriegszeit ans Licht bringen könnte – eine Mahnung aus der Vergangenheit, die der Fluss noch nicht vollständig preisgegeben hat.
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