Infantino hat die Seele des Fußballs verkauft – doch in der Wüste findet er keine Zuflucht

Von Hans-Ueli Läppli

Gianni Infantino hat das Herz des Fußballs dem Teufel übergeben.

Nicht in einer theatralischen Geisterstunde mit Blitz, Donner und blutunterschriebenem Vertrag. Das wäre zumindest respektabel gewesen. Stattdessen geschah es still, kalkuliert und mit einem Lächeln, eingebettet in Folien, Zahlenreihen und sogenannte strategische Bündnisse. Der Teufel trägt heute keine Hörner. Er trägt maßgeschneiderte Anzüge, spricht von Wertschöpfung, Kapitalvermehrung und Beteiligungsgesellschaften – und antwortet auf den Namen Thrive Capital.

Thrive Capital ist die Wagniskapital-Firma von Joshua Kushner, dem jüngeren Bruder von Jared Kushner (Ehemann von Ivanka Trump), und war als potenzieller Hauptinvestor im geplatzten FIFA-Deal von Gianni Infantino vorgesehen.

Und Infantino hat zugeschlagen. Mit beiden Händen.

Die Liaison zwischen FIFA und Trump riecht nach purem Machtmissbrauch. Infantino verlieh Trump 2025 den ersten FIFA-Friedenspreis, hob nach einem direkten Anruf des Präsidenten während der WM 2026 die Rotsperre von Folarin Balogun auf und wollte anschließend ausgerechnet mit Joshua Kushner (dem Bruder von Trumps Schwiegersohn) Anteile an der Weltmeisterschaft veräußern. Als das Vorhaben scheiterte, eilte Infantino erneut zu Trump – und stand vor zugezogener Tür. Das ist keine Kooperation. Das ist die korrupte Instrumentalisierung des Fußballs für politische und finanzielle Zwecke.

Geld dominiert. Das ist die abgedroschene Warnung, die den Fußball seit Jahrzehnten begleitet und doch jedes Mal vergessen wird, sobald die Summen wachsen. Unter Infantino wuchsen sie. Gewaltig. Mehr Teams, mehr Spiele, mehr Turniere, mehr Milliarden. Die FIFA wurde reicher denn je. Die Verbände erhielten mehr Mittel. Die Förderprogramme blühten. Während alle noch geblendet auf die vollen Konten starrten, verkaufte Infantino Stück für Stück das, was den Fußball überhaupt ausmacht: seine Essenz.

Die Weltmeisterschaft sollte kein Fest der Nationen mehr sein. Sie wurde zur Handelsware. Zwanzig Prozent der kommerziellen Rechte, verpackt in eine glänzende neue Firma namens FIFA Forward Enterprise, bewertet mit 20 Milliarden Dollar. Ein Schnäppchen. Fast schien es, als hätte der Teufel Infantino noch einen Freundschaftspreis eingeräumt. Den Mitgliedsverbänden wurde eine knappe Frist gesetzt und mit Zusatzgeldern gelockt. Wer zustimmt, kassiert mehr. Wer ablehnt, bleibt zurück. Klassische Erpressung, nur mit eleganteren Anzügen und dem Etikett „Entwicklungshilfe”.

Als der Sturm ausbrach – und er brach aus, heftig und verdient – rannte Infantino zu Trump.

Wie ein Kind, das sich verletzt hat und zum mächtigen Onkel flüchtet. Zu genau dem Onkel, dem er im Dezember 2025 den allerersten FIFA-Friedenspreis umgehängt hatte. Zu dem Onkel, dessen Telefonat während der WM 2026 ausreichte, um die Rotsperre von Folarin Balogun wie durch Magie verschwinden zu lassen. Doch diesmal blieb die Tür verschlossen. Selbst Trump, der sonst so gern Gefallen annimmt und austeilt, machte nicht auf. Der politische Schutz, auf den Infantino so lange spekuliert hatte, blieb aus. Der „König des Fußballs” stand plötzlich bloß da. Ohne Schutzschild. Ohne Freund in hohen Positionen.

Also floh er.

Nicht nach Zürich, wo die FIFA-Zentrale neben dem Zoo liegt – ein passender Ort, denn das Grölen der Affen kommt inzwischen nicht mehr nur aus den Gehegen.

Nicht nach Nyon, wo die UEFA residiert und ihm den Kampf angesagt hat. Sondern nach Marokko. In die Wüste. Dorthin, wo die Sonne brennt, der Sand alles bedeckt und die Blicke der erzürnten Europäer nur schwer hindringen.

In Rabat hielt er Krisensitzungen ab. Er ließ sich von den eigenen, abhängigen Mitarbeitern „volle Unterstützung” zusichern. Er posierte lächelnd neben seinem Generalsekretär im Stadion und verfolgte ein Spiel der Frauen-Nationalmannschaft, als wäre nichts geschehen. Als hätte er nicht gerade versucht, das heiligste Gut des Sports zu verschachern. Als wäre die Seele des Fußballs nicht eben erst für ein paar Milliarden und ein paar Jahre mehr Macht über den Tisch gezogen worden.

Die Ironie ist fast zu perfekt. Der Mann, der den Fußball globalisieren und modernisieren wollte, versteckt sich jetzt in der Wüste. Der Mann, der Transparenz und Reformen predigte, trifft sich hinter verschlossenen Türen mit Leuten, deren Karrieren von seiner Gnade abhängen. Der Mann, der sich als Retter des Fußballs inszenierte, muss sich dafür rechtfertigen, dass er beinahe die Seele des Spiels an Investoren verkauft hätte – und tut es als bloßen „Prozessfehler” ab.

Aber es war kein Fehler. Es war Charakter. Infantino hat den Fußball nie als etwas Heiliges gesehen. Für ihn war er stets ein Werkzeug der Macht, ein Fahrstuhl der Karriere, ein Spielfeld für Beziehungen und Deals. Die Scheichs, Trump: Wer gerade nützlich war, bekam seine Nähe. Kritik wurde als „Hass und falsche Gerüchte” abgetan. Interne Gegner wurden kaltgestellt oder zum Schweigen gebracht. Und wenn es brenzlig wurde, suchte er die Nähe des nächsten mächtigen Mannes – bis dieser Mann die Tür nicht mehr öffnete.

Jetzt also sitzt er in der marokkanischen Wüste und hofft, dass der Sturm vorbeizieht. Dass die Europäer sich wieder beruhigen. Dass die Verbände aus Afrika, Asien und Südamerika ihm treu bleiben, weil sie das Geld brauchen.

Dass die Zeit alles heilt. Doch die Wüste verbirgt nichts. Sie macht die Einsamkeit nur sichtbarer. Und sie ist gnadenlos ehrlich.

Wer die Seele verkauft, kann sie nichtzurückkaufen.

Nicht mit Entschuldigungen. Nicht mit Krisensitzungen. Und schon gar nicht mit einem Lächeln im Stadion von Rabat.

Der Fußball verdient bessere Hüter. Er verdient Menschen, die das Spiel beschützen, statt es zu vermarkten.

Menschen, die vor dem Teufel fliehen, statt ihm die Hand zu reichen.
Menschen, die nicht in die Wüste flüchten, wenn es brenzlig wird.

Infantino hat die Seele verkauft.

Geld regiert.
Macht verführt.

Und wer zu Trump rennt und vor verschlossener Tür steht, hat am Ende nur noch den Sand unter den Füßen – und das Echo der eigenen Gier.

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