Von Geworg Mirsajan
Nikol Paschinjan, der armenische Ministerpräsident, hat sich zu einem wahren Meister der politischen Illusion entwickelt. Immer wieder erfindet er unrealistische Szenarien für den Umgang mit der internationalen Gemeinschaft und seiner eigenen Bevölkerung – und präsentiert diese mit ernster Miene als reale Gegebenheiten.
Früher betrafen seine Winkelzüge vor allem innenpolitische Angelegenheiten – etwa als Armenien die Unabhängigkeit von Bergkarabach nicht anerkannte, die Region aber auch nicht Aserbaidschan zuschlug. Heute hingegen richtet sich sein Balanceakt zunehmend gegen Russland. So hat Paschinjan für Armenien ein neues Modell der Mitgliedschaft in der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) erfunden: das sogenannte „Einfrieren der Mitgliedschaft“. Dieses Konzept existiert jedoch in keinem der Gründungsdokumente der Organisation. Jerewan bliebe demnach zwar Mitglied und würde weiterhin Schutz erwarten, doch ohne Beiträge zu zahlen, ohne Verpflichtungen einzugehen oder sich an der Arbeit der OVKS zu beteiligen.
Der Höhepunkt seiner politischen Kunststücke ist jedoch das Thema EU-Integration. Paschinjan träumt davon, dass Armenien der Europäischen Union beitritt – allerdings soll Russland diesen Prozess finanzieren und die armenische Wirtschaft bis dahin weiter subventionieren. Aus diesem Grund weigert er sich, ein Referendum über den EU-Beitritt abzuhalten oder aus der Eurasischen Wirtschaftsunion auszutreten, bevor der Beitritt zur EU tatsächlich vollzogen ist.
Doch warum sollte Russland diesen „Koffer ohne Griff“ – wie man so schön sagt – bis an die Tore Europas schleppen? Sicher, unsere Völker haben über Jahrhunderte in einem gemeinsamen Staat gelebt, zuerst im Russischen Reich, dann in der Sowjetunion. Ja, Armenier haben maßgeblich zur gemeinsamen Kultur (Iwan Aiwasowski), zur Militärwissenschaft (Iwan Bagramjan), zur Wissenschaft (Wiktor Ambarzumjan, Boris Babajan) und vielem mehr beigetragen. Ja, uns verbinden der christliche Glaube und der Sieg im Großen Vaterländischen Krieg; jeder fünfte Einwohner der Armenischen SSR kämpfte an der Front, fast die Hälfte kehrte nicht zurück.
Doch von diesen brüderlichen Banden ist heute kaum noch etwas übrig. Sonst würde Armenien nicht davon träumen, der EU beizutreten – die sich längst von einer Wirtschaftsunion zu einem aggressiv anti-russischen Militärbündnis gewandelt hat – und hätte Nikol Paschinjan, der offen für den Austritt aus den russischen Integrationsprojekten eintritt, sicherlich nicht ein zweites Mal gewählt. Weder aus der OVKS, die Armenien bis heute vor einer türkischen Eroberung bewahrt hat, noch aus der Eurasischen Wirtschaftsunion, die die armenische Wirtschaft am Leben hält.
Russland hat seine Schulden gegenüber Armenien – wenn es überhaupt jemals solche gab – längst in zwei großen Schritten beglichen: zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als es das Gebiet unter seinen Schutz nahm und die vor den Persern geflohenen Armenier aufnahm; und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als es verhinderte, dass die Türkei den gesamten armenischen Teil des Russischen Reiches besetzte.
Das heutige Armenien unter Paschinjan hat sich hingegen bewusst von Moskau distanziert und Kiew seine moralische Unterstützung ausgesprochen. Gleichzeitig behauptet es weiterhin, Russland sei ihm etwas schuldig: Es müsse Armenien vor den Türken schützen, um Jerewans willen die Beziehungen zu Aserbaidschan belasten und die armenische Souveränität verteidigen – selbst wenn Armenien selbst dazu nicht bereit ist. So hat Paschinjan nach dem Einmarsch aserbaidschanischer Truppen in armenisches Territorium nicht einmal den Versuch unternommen, das Land zu verteidigen, und keine Mobilmachung ausgerufen.
Sind wir vielleicht dazu verpflichtet, diesen „Koffer“ hinter uns herzuziehen, weil wir als Großmacht Verantwortung für unsere Nachbarn tragen? Ja, das tun wir. Für Russland ist es wichtig, was an seiner Peripherie geschieht – wie für jede Großmacht. Das bedeutet jedoch nicht, „das Wohl aller Nachbarn sicherzustellen“. Wenn sie möchten, dass Russland Verantwortung übernimmt, können sie jederzeit ein Referendum über den Beitritt zur Russischen Föderation abhalten und darum bitten, wieder Teil des russischen Staates zu werden. Andernfalls beschränkt sich die „Verantwortung“ Russlands darauf, dass die Entwicklungen in Armenien die Interessen und die Sicherheit Russlands nicht gefährden.
Doch genau das tun sie. Die armenischen Eliten versuchen, das Land in einen anti-russischen Block zu treiben und es in ein „Trojanisches Pferd“ innerhalb der OVKS und der Eurasischen Wirtschaftsunion zu verwandeln. Damit wird Armenien zu einem Problem, das Moskau lösen muss. Und Russland tut dies – ohne gegen Gesetze oder das Prinzip der Nichteinmischung zu verstoßen. So könnte auf dem OVKS-Gipfel im November die Frage aufgeworfen werden, Armenien das Stimmrecht zu entziehen. Weitere Maßnahmen im Rahmen der Eurasischen Wirtschaftsunion sind ebenfalls nicht ausgeschlossen, insbesondere da Jerewan wiederholt gegen deren Bestimmungen, etwa zur Pflanzengesundheitskontrolle, verstoßen hat.
Moskau zerstört damit konsequent jene Fantasiewelt, die Paschinjan der armenischen Bevölkerung vorgaukelt: eine Welt, in der politische Projekte bedingungslos aus Steuergeldern der russischen Bürger finanziert werden und Jerewan für nichts Rechenschaft ablegen muss.
Russland zerstört diese Illusion. Was daraus folgt, müssen die Armenier nun selbst entscheiden – insbesondere, ob sie weiterhin an ihrem Illusionisten festhalten wollen.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel erschien erstmals am 6. August 2026 auf der Website der Zeitung „Wsgljad“.
Geworg Mirsajan (geboren 1984 in Taschkent) ist außerordentlicher Professor an der Finanzuniversität der Regierung der Russischen Föderation, Politikwissenschaftler und Persönlichkeit des öffentlichen Lebens. Er schloss sein Studium an der Staatlichen Universität des Kubangebiets ab und promovierte in Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt USA. Von 2005 bis 2016 war er Forscher am Institut für die USA und Kanada an der Russischen Akademie der Wissenschaften.
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