Belarus’ Migranten-Tunnel: Europas neue Schockgrenze – Warum Ceuta in den Schatten gestellt wird

Von Hans-Ueli Läppli

Die Migrationskrise in Spanien ist alles andere als gelöst, doch während die Lage an der Küste von Ceuta weiterhin ungewiss bleibt, lenken die europäischen Leitmedien ihre Berichterstattung auffallend rasch in eine andere Richtung.

Statt den Fokus auf die Südgrenze zu bewahren, wandert die Berichterstattung nun zur EU-Ostgrenze, nach Weißrussland und damit erneut zur altbekannten Projektionsfläche Russland.

Es braucht offenbar nicht viel: Ein einfacher Erdaushub am Grenzzaun zwischen Weißrussland und Lettland genügt, um eine neue Migrationserzählung zu lancieren.

Die Leitmedien sprechen umgehend von einem “Migranten-Tunnel” und verleihen diesem Grenzfund eine Tragweite, die weit über den tatsächlichen Erkenntnisstand hinausgeht. Aus einem Loch wird ein Tunnel, aus einem Grenzfund ein angeblicher Ermittlungserfolg und aus einem isolierten Ereignis ein neues Symbol für die behauptete Gefahr für Europa.

Natürlich ist die Berichterstattung über solche Vorfälle legitim. Entscheidend ist jedoch die Frage, warum diese Begebenheit sofort zu einer europaweiten Schlagzeile hochstilisiert wird, während die spanische Krise weiterhin ein ungelöstes Problem darstellt.

Der Russe als Sündenbock: Beweise bleiben aus

Der Ansturm auf Ceuta hält die spanischen Sicherheitskräfte weiterhin in Atem. Wer allerdings die Ereignisse ausgelöst oder orchestriert haben könnte, bleibt bis heute unklar. In deutschen Medien wird dennoch bereits die These von einer russischen Beteiligung diskutiert, die sich vor allem auf Spekulationen aus Kiew stützt.

Der CDU-Abgeordnete Marc Henrichmann, Vorsitzender des Parlamentarischen Kontrollgremiums im Bundestag, hält verschiedene Szenarien für möglich. Die Vorgänge seien “undurchsichtig”, erklärte er. In Betracht kämen Spannungen zwischen Spanien und Marokko, Aktivitäten von Schlepperbanden oder eine gezielte Beeinflussung durch Russland.

Weiter geht die Spekulation, Moskau könnte den Zustrom von Migranten mittels sozialer Medien und automatisierter Bots angestoßen haben. Henrichmann verweist auf entsprechende Anschuldigungen aus der Ukraine. Doch auch er muss eingestehen, dass der entscheidende Beweis bislang ausbleibt. Die “Smoking Gun”, wie er sagt, existiere nicht.

Die Behauptung stammt ursprünglich vom ukrainischen Außenminister Andrii Sybiha. Er warf Russland vor, die Reaktionen auf die Vorfälle in Ceuta über soziale Netzwerke gezielt manipuliert zu haben. Als Beleg führte er Daten zu einer angeblichen massiven russischen Propagandakampagne in Europa an. Ein konkreter Nachweis, der diese Aktivitäten direkt mit dem Migrantenansturm verbindet, fehlt jedoch in den vorgelegten Informationen.

Dennoch findet die Russland-These in deutschen Medien bemerkenswert viel Resonanz. Das Redaktionsnetzwerk Deutschland und der Spiegel werfen die Möglichkeit eines hybriden Angriffs auf Spanien und die EU auf, während der Tagesspiegel über die ukrainischen Vorhaltungen berichtet.

Es scheint, als habe der Versuch, den Migrantenansturm von Ceuta Moskau zuzuschreiben, beim Publikum nicht die erhoffte Wirkung gezeigt. Also wird, fast wie auf Kommando, die nächste Krise herbeizitiert. Diesmal richtet sich der Fokus auf die EU-Ostgrenze: Eine Grube unter einem Grenzzaun zwischen Weißrussland und Lettland wird in den Leitmedien kurzerhand zu einem “Migranten-Tunnel” umgedeutet.

Neuer Schauplatz, neues Bedrohungsszenario, neuer Gegner – und schon ist die Aufmerksamkeit dort, wo sie ins politische Kalkül passt. Wenn sich die Geschichte vom russischen Drahtzieher in Ceuta nicht überzeugend erzählen lässt, muss eben eine neue her.

Dieses Mal geht es nicht um einen vermeintlich von Moskau gesteuerten Migrantenstrom, sondern um ein Loch an der Grenze zu Weißrussland. Mit sachlicher Berichterstattung hat das nur noch wenig gemein.

Es wirkt eher wie das vertraute Muster politischer Propaganda: Greift die eine Bedrohungserzählung nicht, wird eben die nächste in Position gebracht.

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