Es reicht!” – Putin schickt die russische Marine los, um Europas “Piraterie” blutig zu vergelten

Von Andrei Restschikow

Am Mittwoch begab sich Wladimir Putin in die Endphase der Übungen der russischen Pazifikflotte, die zwischen dem 4. und 12. August im Japanischen Meer, im Ochotskischen Meer und im nordwestlichen Pazifik stattfanden. Rund 60 Überwasserschiffe, U-Boote und Versorgungseinheiten sowie etwa 30 Luftfahrzeuge – darunter Flugzeuge, Hubschrauber und Drohnen – und über 13.000 Soldaten waren an den Manövern beteiligt.

Im Zuge seines Besuchs auf Sachalin bestieg der Staatschef den Garde-Raketenkreuzer Warjag. An Bord des Flaggschiffs legte der Präsident seinen zivilen Anzug ab, schlüpfte in eine Marineuniform und lauschte dem Vortrag des Flottenkommandeurs, Admiral Wiktor Liina.

Putin betonte, dass das Konfliktpotenzial im asiatisch-pazifischen Raum wachse:

“Wir sehen, dass hier leider das Konfliktpotenzial zunimmt, dass die NATO hier Fuß fasst, dass neue militärisch-politische Blöcke entstehen und dass hier neue Waffensysteme stationiert werden beziehungsweise deren Stationierung geplant ist, die auch für unser Land eine Bedrohung darstellen.”

Besonders hob er Japans Haltung hervor, das “unter dem Vorwand der Ereignisse in der Ukraine und ohne auf die Ursachen dieses Konflikts einzugehen, Sanktionen gegen Russland verhängt hat, die von unserer Seite nicht provoziert wurden”. Er stellte klar, dass Russland keine Gefahr für Japan sei, und ergänzte:

“Wir haben absolut keine Ansprüche an Japan, im Gegenteil: Japan hat territoriale Ansprüche an unser Land, ich meine damit die Frage der Kurilen.”

Die Unantastbarkeit der Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs, wie sie in internationalen Dokumenten verankert sei, unterstrich er ebenfalls.

Putin wies zudem auf wachsende Spannungen in der Arktis im Zusammenhang mit der Nutzung der Nordostpassage hin, “obwohl Russland stets – und zwar wirklich stets – seine Bereitschaft zur Zusammenarbeit in der Arktis und zur Nutzung der Vorteile der Nordostpassage bekundet hat und dies auch jetzt bekräftigt”.

Mit Blick auf die aktuellen EU-Beschlüsse kritisierte der Präsident die Pläne zur Kaperung russischer Schiffe scharf:

“Wir sehen, dass die Behörden einiger Länder unter Verletzung des internationalen Seerechts versuchen, den Schiffsverkehr unserer Wirtschaftsakteure auf friedlichem Wege einzuschränken, und kürzlich sogar auf die Idee gekommen sind, unsere Schiffe zu kapern und das von uns geraubte Eigentum zu verkaufen. Das ist natürlich nichts anderes als Piraterie und Raub.”

Sollte dies zur gängigen Praxis werden, werde Russland “gezwungen sein, mit gleicher Münze zurückzuzahlen”, so Putin weiter:

“Und zwar nicht unbedingt in jenen Gewässern, in denen Überfälle auf unsere Schiffe geplant sind, sondern dort, wo wir es selbst für notwendig und zweckmäßig erachten – an jedem Ort, einschließlich des Zuständigkeitsbereichs der Pazifikflotte.”

Flottenkommandeur Liina berichtete dem Präsidenten, dass die Flotte über alle notwendigen Kräfte verfüge, um Handelsschiffe unfreundlicher Staaten in ihrem Verantwortungsbereich zu überwachen und festzusetzen. Die gängigen Seewege im asiatisch-pazifischen Raum seien analysiert worden. Zwischen dem 24. April und dem 6. August seien 1.001 Schiffe an den Inseln der Südkurilen vorbeigefahren, davon 379 unter Flaggen unfreundlicher Staaten. Liina erklärte:

“Dabei setzen westliche Staaten für den Gütertransport in ihrem eigenen Interesse aktiv Schiffe ein, die unter der Flagge von Drittstaaten fahren. Im Grunde handelt es sich dabei um ihre Schattenflotte. Wir verfügen über die Kräfte zur Kontrolle und Festsetzung von Schiffen unfreundlicher Staaten und ihrer Schattenflotte, die behördenübergreifende Zusammenarbeit ist organisiert, und wir sind bereit, diese Aufgaben in Angriff zu nehmen.”

Antwortstrategie im Sinne der Pirateriebekämpfung

Der Militärkorrespondent der Komsomolskaja Prawda, Alexander Koz, merkt an, dass Putins Ankündigung zur Bekämpfung der Piraterie auf Sachalin erfolgte – “10.000 Kilometer vom Ärmelkanal entfernt, wo die Briten unseren Tanker aufgehalten haben, und vom Mittelmeer, von wo aus die Franzosen die Deyna weggebracht haben”. Koz schreibt:

“Das Recht, das Einsatzgebiet auszuwählen, hat sich Moskau vorbehalten – und dies allein schon durch die Wahl des Rednerpults demonstriert.”

Besonders hervorhebenswert sei, dass der Flottenkommandant die Bereitschaft zu einer spiegelbildlichen Reaktion bekräftigt habe, so Koz:

“Das heißt, die Entscheidung wurde nicht heute und nicht unter dem Einfluss des Augenblicks getroffen. Der Befehl erging bereits im Juli, am Tag der Flotte, als Putin von den Kommandanten verlangte, die Handelsschifffahrt ‘sorgfältig, im Rahmen des internationalen Seerechts, aber entschlossen zu schützen – so, wie man Piraterie und Piraten bekämpfen muss’. Damals klang das wie eine Formel. Heute hat sich herausgestellt, dass hinter dieser Formel Vorbereitungen standen.”

Man habe “hier (in Russland) bereits die Schiffe gezählt, die an den russischen Küsten vorbeifuhren, während in Brüssel noch am Mechanismus gefeilt wurde, der den Verkauf der von den festgehaltenen Schiffen beschlagnahmten Güter erlaubt”, so Koz weiter:

“Das Wichtigste dabei ist die ‘behördenübergreifende Zusammenarbeit’. Hinter dem bürokratischen Papierkram steht ein gut abgestimmter Apparat: Flottenschiffe, Grenzschutz, Kontrollteams und die rechtliche Abwicklung der Festsetzung, die einer gerichtlichen Überprüfung standhält.

Solche Vorgehensweisen entstehen nicht über Nacht, sie werden monatelang abgestimmt und bei Manövern getestet – genau jenen, die seit dem 4. August im Japanischen Meer, im Ochotskischen Meer und im nordwestlichen Teil des Pazifischen Ozeans stattfinden.”

Pawel Danilin, Politologe und Dozent an der Finanzuniversität bei der russischen Regierung, sieht die Situation um zivile Schiffe in einer völlig neuen Dimension:

“Während die Festhaltemaßnahmen gegen unsere Handelsschiffe in europäischen Häfen früher, sagen wir mal, ‘technischer’ Natur waren – vorübergehende Stillstände, finanzielle Kosten –, die Schiffe aber letztendlich freigegeben und die Ladungen nicht beschlagnahmt wurden, ist der Westen nun zu einer regelrechten Beschlagnahmung übergegangen. Das ist nicht mehr nur Sanktionsdruck, sondern regelrechte Seeräuberei, die durch die innerstaatlichen Gesetze der EU legalisiert wurde.”

Danilin verweist auf den EU-Beschluss vom Juni, der den Streitkräften der Mitgliedstaaten das Recht einräumt, Schiffe zu enteren, die im Verdacht stehen, russische Energieträger zu transportieren.

“Das bedeutet, dass jeder unserer Tanker oder Massengutfrachter in internationalen Gewässern angehalten, durchsucht und mit Gewalt beschlagnahmt werden kann – ohne jegliche Grundlage im internationalen Seerecht. Außerdem trat am 24. Juli trat das 21. Sanktionspaket in Kraft, das bereits ausdrücklich die Rechtsgrundlage für die Beschlagnahmung von Ladungen festlegt. Nun können die EU-Behörden Schiffe nicht nur festhalten, sondern auch russische Rohstoffe beschlagnahmen,einlagern und verkaufen. Das nennt man in jeder Sprache der Welt ‘Piraterie’, und genau so stufen wir diese Handlungen ein – Raub und Plünderung unter dem Deckmantel bürokratischer Vorschriften.”

Danilin weist auf die Situation mit der sogenannten Schattenflotte hin. Seinen Worten zufolge nutzen westliche Länder selbst aktiv Schiffe unter der Flagge von Drittländern, um Fracht in ihrem eigenen Interesse zu transportieren, versuchen nun aber, Russland dieses Etikett anzuhängen, indem sie dessen gewöhnliche Handelsschiffe als “Schattenflotte” bezeichnen. Der Experte erklärt:

“Deshalb wird die vom Präsidenten angekündigte Reaktion Russlands spiegelbildlich und möglicherweise sogar asymmetrisch ausfallen.

Was bedeutet das? Wir sind nicht verpflichtet, genau dort zu reagieren, wo die Beschlagnahmungen stattfinden. Wir werden dort handeln, wo wir es für notwendig und zweckmäßig halten – in jedem Gewässer der Weltmeere, einschließlich des Zuständigkeitsbereichs der Pazifikflotte, in der Ostsee, wo auch immer. Wenn sie unsere Ladungen beschlagnahmen, werden wir dasselbe mit ihren Schiffen und ihrem Eigentum tun.”

Danilin betont, dass es Russland nicht um eine Eskalation um der Eskalation willen gehe, sondern darum, den Westen zur Einhaltung des Völkerrechts zu zwingen. Der Politologe sagt:

“Wenn sie es für möglich halten, Gewalt gegen friedliche Handelsschiffe anzuwenden, dann sollen sie sich darauf gefasst machen, dass wir dieselben Mittel einsetzen – und das möglicherweise sogar noch effektiver, denn wir verfügen über die Erfahrung und die Ressourcen für asymmetrische Reaktionen an jedem Ort der Welt. Ich rate dazu, die Entwicklung der Ereignisse aufmerksam zu verfolgen: Die Worte des Präsidenten sind ein Aktionsplan, dessen Umsetzung bereits begonnen hat.”

Russlands Pazifikflotte ist gut gerüstet

Der Militärexperte Wassili Dandykin weist darauf hin, dass die Lage im asiatisch-pazifischen Raum weiterhin angespannt sei. Er erinnert:

“Die USA festigen ihre Militärbündnisse mit Japan und Südkorea. Parallel dazu entwickelt sich AUKUS – ein dreiseitiges Bündnis zwischen den USA, Australien und Großbritannien. Im Rahmen dieser Partnerschaft beabsichtigt Washington, Canberra Atom-U-Boote der Virginia-Klasse zu verkaufen. Die genannten Länder führen Manöver durch und üben Aufgaben, die sich gegen Russland und China richten.”

Die Bedeutung der Pazifikflotte sei vor diesem Hintergrund kaum zu überschätzen, so Dandykin weiter:

“Sie ist eine der beiden Atomflotten der Russischen Föderation. Die zweite ist die Nordflotte; beide bilden die maritime Komponente der nuklearen Triade des Landes. Zur Pazifikflotte gehören strategische Atom-U-Boote, darunter die modernsten von ihnen – U-Boote der Projekte Borei und Borei-A – sowie Mehrzweck-Atom-U-Boote.”

Die Fähigkeiten der Flotte seien in den vergangenen Jahren erheblich gewachsen, und der Modernisierungsprozess dauere an:

“Die Pazifikflotte hat einen Verband von dieselelektrischen U-Booten (DEPL) erhalten. Alte Schiffe, wie beispielsweise die Fregatte Marschall Schaposchnikow, werden modernisiert, neue werden gebaut, darunter auch kleine Raketenfregatten, die mit Lenkraketen vom Typ Kalibr ausgerüstet sind. In naher Zukunft werden Fregatten der Ersten Klasse vom Typ 22350 in die Flotte aufgenommen.”

In diesem Zusammenhang verweist Dandykin auf Liinas Aussagen, wonach die Flotte bereit sei, EU-Maßnahmen mit gleicher Münze heimzuzahlen und Schiffe aus russlandfeindlichen Ländern festzusetzen. Der Experte betont:

“Wenn der Gegner es für möglich hält, an Bord von Schiffen zu gehen, diese zu kapern und darüber hinaus deren Ladung zu verkaufen, dann haben wir das Recht, ebenso zu handeln. Die technischen Möglichkeiten dafür sind vorhanden: sowohl die Aufklärung als auch die Schiffe und die Landungsgruppen der Marineinfanterie. Dabei handelt es sich um Soldaten mit großer Kampferfahrung.”

Die Südkurilen sind russisches Territorium

Mit seinen Worten an Bord des Garde-Raketenkreuzers Warjag mache Putin deutlich, dass die Frage der Kurilen geklärt sei, so Andrei Kolesnik, Mitglied des Verteidigungsausschusses der Staatsduma. Er wertet die Erklärung des Präsidenten als Warnung von globaler Tragweite:

“Wer aggressive Handlungen plant, sollte seinen Selbsterhaltungstrieb aktivieren und nicht auf Straffreiheit hoffen. Unsere Antwort wird nicht nur eine spiegelgleiche Reaktion sein – sie könnte für diejenigen, die es wagen, die Grenze zu überschreiten, die letzte sein.”

Im Zusammenhang mit dem wachsenden Konfliktpotenzial im asiatisch-pazifischen Raum weist der Abgeordnete auf die verstärkte militärische Präsenz der USA und ihrer Verbündeten in der Region hin:

“Wir beobachten ständige Manöver US-amerikanischer Schiffe vor den Küsten Chinas und Nordkoreas – unseres Verbündeten. Japan wiederum strebt eine Ausweitung seiner militärischen Kapazitäten an.”

Das japanische Interesse an den Kurilen habe neben einer politischen auch eine militärische und wirtschaftliche Dimension, so Kolesnik:

“Es handelt sich nicht nur um einen Streit um zwei Inseln. Würden diese unter die Kontrolle Tokios fallen, wäre das Ochotskische Meer kein Binnenmeer Russlands mehr. Unsere U-Boote, die zu Kampfpatrouillen auslaufen, würden sofort von den NATO-Streitkräften entdeckt werden und damit ihren Geheimhaltungsfaktor verlieren – und genau diese Boote sind unser Mittel zur Abschreckung. Zudem würde sich die ausschließliche Wirtschaftszone verändern, es gingen enorme biologische Ressourcen verloren, und auf den Inseln würden unverzüglich Militärstützpunkte entstehen, die höchstwahrscheinlich US-amerikanisch wären.”

Darüber hinaus ruft der Abgeordnete dazu auf, die sich zuspitzende Lage um Taiwan und die Versuche des Westens, die Länder der Region gegeneinander auszuspielen, zu berücksichtigen:

“Das Prinzip ‘Teile und herrsche’ ist nach wie vor aktuell. Die Gegner versuchen, einen Feuerring um Russland und seine Verbündeten zu bilden, wobei sie sowohl Japan als auch andere Staaten einbeziehen. Das ist ein sehr gefährlicher geopolitischer Cocktail. Genau deshalb widmet der Präsident als Oberbefehlshaber diesem Bereich so große Aufmerksamkeit. Seine Worte sind eine Feststellung realer Bedrohungen. Russland wird darauf angemessen reagieren. Das Kommando der Pazifikflotte hat einen direkten Befehl erhalten.”

Russland wird an jedem Punkt des Weltmeeres reagieren

Russland verfüge über die Möglichkeiten, an jedem Punkt zu reagieren, an dem seine Interessen berührt werden, so Kolesnik:

“Das gesamte Gebiet der Weltmeere, insbesondere die Gebiete mit intensivem Schiffsverkehr, ist für alle Seiten verwundbar. Dort verlaufen die wichtigsten Handelsrouten, die Schiffe bewegen sich in festgelegten Korridoren, und jede Abweichung oder aggressive Handlung lässt sich leicht nachverfolgen.”

Eine spiegelgleiche Reaktion könne bedeuten, “dass wir mit Schiffen unfreundlicher Länder genauso verfahren werden – sie aufhalten, kontrollieren und, falls nötig, Maßnahmen ergreifen, bis hin zum Einsatz von Gewalt, sollten sie versuchen, unsere Rechte zu verletzen”, so der Abgeordnete weiter:

“Dabei geht es nicht nur um den Pazifik. Diesbetrifft auch die Ostsee und generell jeden Ort, an dem unsere zivilen Schiffe – Containerschiffe, Tanker, Massengutfrachter – angegriffen werden.”

Als Beispiel für mögliche Folgen einer solchen Politik führt Kolesnik die Situation rund um das Schwarze Meer an:

“Die Häfen von Odessa und die gesamte Logistikkette am Schwarzen Meer haben faktisch ihren Betrieb eingestellt, nachdem bekannt geworden war, dass unter dem Deckmantel von Getreidegeschäften Waffen für die ukrainischen Streitkräfte in diese Häfen geliefert worden waren. Dies ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie wir auf Versuche, Seewege gegen uns einzusetzen, reagieren können. Deshalb würde ich Russland gegenüber unfreundlich gesinnten Ländern raten, darüber nachzudenken. Ein Mangel an Gehör kann ihrer Gesundheit sehr ernsthaft schaden – im übertragenen und im wörtlichen Sinne.”

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 12. August 2026 zuerst auf der Website der Zeitung Wsgljad erschienen.

Andrei Restschikow ist Analyst bei der Zeitung Wsgljad.

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