Ein Mann gegen den Strom: Wie Karl Liebknecht vor 155 Jahren Geschichte schrieb

Von Anton Gentzen

Am 13. August 1871 erblickte in Leipzig ein Mann das Licht der Welt, dessen Name untrennbar mit dem unerschütterlichen Einsatz für Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit verbunden ist: Karl Paul Friedrich August Liebknecht. Sein Vater, Wilhelm Liebknecht, zählte zu den Gründervätern der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD), wodurch Karl bereits in jungen Jahren mit den Grundsätzen des Sozialismus sowie den Theorien von Karl Marx und Friedrich Engels vertraut wurde.

Beide Größen des Kommunismus erklärten sich bereit, als Taufpaten für Karl zu fungieren. Obwohl sie der christlichen Zeremonie fernblieben, hinterließen sie zweifellos einen prägenden Einfluss auf die politische Entwicklung ihres Patenkindes.

Karl absolvierte sein Jurastudium in Leipzig und Berlin. Nach erfolgreichem Abschluss, einem Jahr Wehrdienst, dem Referendariat und einer mit Summa cum laude bewerteten Promotion ließ er sich als Rechtsanwalt in der preußischen Hauptstadt nieder. Seine Leidenschaft galt jedoch weniger der juristischen Tätigkeit als vielmehr dem Kampf für die Arbeiterklasse. Liebknecht etablierte sich als charismatischer Redner, trat 1900 der SPD bei und wurde 1902 in die Berliner Stadtverordnetenversammlung gewählt, ein Amt, das er bis 1913 innehatte. Zudem engagierte er sich aktiv in der Zweiten Internationale und war Mitbegründer der Sozialistischen Jugendinternationale.

Die russische Revolution von 1905 begeisterte Liebknecht zutiefst, und er rief die deutschen Arbeiter dazu auf, dem Vorbild ihrer russischen Genossen zu folgen.

Bei den Reichstagswahlen von 1912 errang die SPD mit 34,8 Prozent der Stimmen einen triumphalen Sieg und wurde zur dominierenden politischen Kraft in Deutschland. Liebknecht zog als Abgeordneter in den Reichstag ein, von dessen Rednerbühne er unerschrocken die Rüstungsindustrie anprangerte, die seiner Überzeugung nach gezielt auf einen Weltkrieg hinarbeitete.

Der entscheidende Moment in Liebknechts Leben, der ihn in den Geschichtsbüchern verewigen sollte, kam mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Die SPD hätte das Massensterben, das letztlich Millionen von Menschen das Leben kostete, möglicherweise verhindern können, doch sie folgte dem kaiserlichen Aufruf zum “Burgfrieden” und unterstützte die Kriegskredite.

Zunächst stimmte Karl Liebknecht aus Parteidisziplin bei der ersten Abstimmung am 4. August 1914 ebenfalls zu. Doch schnell besann er sich eines Besseren: Bei der zweiten Abstimmung am 2. Dezember 1914 war er der einzige (sic!) Reichstagsabgeordnete, der mit “Nein” votierte. Anschließend gab er eine schriftliche Erklärung ab, deren Wahrheitsgehalt aus heutiger Sicht unbestritten ist.

Urteilen Sie selbst:

“Dieser Krieg, den keines der beteiligten Völker selbst gewollt hat, ist nicht für die Wohlfahrt des deutschen oder eines anderen Volkes entbrannt. Es handelt sich um einen imperialistischen Krieg, einen Krieg um die kapitalistische Beherrschung des Weltmarktes, um die politische Beherrschung wichtiger Siedlungsgebiete für das Industrie- und Bankkapital. Es handelt sich vom Gesichtspunkt des Wettrüstens um einen von der deutschen und österreichischen Kriegspartei gemeinsam im Dunkel des Halbabsolutismus und der Geheimdiplomatie hervorgerufenen Präventivkrieg. Es handelt sich um ein bonapartistisches Unternehmen zur Demoralisierung und Zertrümmerung der anschwellenden Arbeiterbewegung. Das haben die verflossenen Monate trotz einer rücksichtslosen Verwirrungsregie mit steigender Deutlichkeit gelehrt.

Die deutsche Parole “Gegen den Zarismus'” diente – ähnlich der jetzigen englischen und französischen Parole “Gegen den Militarismus” – dem Zweck, die edelsten Instinkte, die revolutionären Überlieferungen und Hoffnungen des Volkes für den Völkerhaß zu mobilisieren. Deutschland, der Mitschuldige des Zarismus, das Muster politischer Rückständigkeit bis zum heutigen Tage, hat keinen Beruf zum Völkerbefreier. Die Befreiung des russischen wie des deutschen Volkes muß deren eigenes Werk sein.

Der Krieg ist kein deutscher Verteidigungskrieg. Sein geschichtlicher Charakter und bisheriger Verlauf verbieten, einer kapitalistischen Regierung zu vertrauen, daß der Zweck, für den sie die Kräfte fordert, die Verteidigung des Vaterlandes ist.

Ein schleuniger, für keinen Teil demütigender Friede, ein Friede ohne Eroberungen, ist zu fordern; alle Bemühungen dafür sind zu begrüßen. Nur die gleichzeitige, dauernde Stärkung der auf einen solchen Frieden gerichteten Strömungen in allen kriegsführenden Staaten kann dem blutigen Gemetzel vor der völligen Erschöpfung aller beteiligten Völker Einhalt gebieten. Nur ein auf dem Boden der internationalen Solidarität der Arbeiterklasse und der Freiheit aller Völker erwachsener Friede kann ein gesicherter sein. So gilt es für das Proletariat aller Länder, auch heute im Kriege gemeinsame sozialistische Arbeit für den Frieden zu leisten.”

Die Leipziger Linke hat bis heute ihren Sitz im Geburtshaus von Karl Liebknecht. Gern schmückt sie sich mit seinem Namen und plakatiert “Nein sagen wie Liebknecht”.

Aber hat sie “Nein” gesagt, als es darauf ankam? Ist der Leipziger Bundestagsabgeordnete Sören Pellmann etwa wie Liebknecht? Hat er sich mutig – und wenn nötig einsam – gegen den deutschen Imperialismus gestellt, als dieser es wieder wagte, in den Osten, in die Ukraine, zu expandieren? Oder folgt er, folgen alle Linken nicht vielmehr der modernen Abwandlung der Mainstreamparole “Gegen den Zarismus”, indem sie einen russischen Imperialismus und eine “russische Gefahr” herbeifantasieren, die es nicht gibt, aber gegen die sie sich wie einst Ebert und Noske mit dem deutschen Militarismus verbündet haben? 

Das möge jeder für sich beurteilen. Tatsache ist, dass Karl Liebknecht damals des Landesverrats beschuldigt und in Festungshaft genommen wurde. Sören Pellmann droht das nicht, und das nicht deshalb, weil es keine Verfahren wegen “Rechtfertigung des russischen Angriffskrieges” in “unserer Demokratie” gibt – die Verfahren gibt es nachweislich.

Am 1. Mai 1916 organisierte Liebknecht in Berlin eine Antikriegsdemonstration mit der Forderung nach dem Sturz der Regierung, wofür er erneut verhaftet und ins Gefängnis gesteckt wurde. Freigelassen wurde er erst Ende 1918, auf dem Höhepunkt der Novemberrevolution. Am 9. November 1918 proklamierte Liebknecht vom Balkon des Kaiserpalastes in Berlin aus die “Freie Sozialistische Republik Deutschland”. Im Dezember hielten er und Rosa Luxemburg die Gründungsversammlung der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) ab.

Die SPD verzieh ihm nichts davon. Sie erdolchte den Versuch der sozialistischen Revolution in Deutschland, für die sie angeblich seit ihrer Gründung gekämpft hatte. Am 15. Januar 1919 wurden Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg in Berlin auf Befehl des Sozialdemokraten Gustav Noske von Freikorps-Soldaten ermordet.

Wer kann, bringe Blumen zu Karls Geburtshaus, Braustraße 15 in Leipzig. Die Linken haben dort zwar das Hausrecht, aber Liebknecht gehört nicht mehr ihnen.

Der Autor dankt Jaroslaw Listow für die Erinnerung an das Datum.

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