USAs Strategie-Schock: Washington steckt erneut in der Zwickmühle – und die Welt schaut zu

Von Alexander Jakowenko

Vor zwei Jahrzehnten veröffentlichte Zbigniew Brzeziński in der Zeitschrift The American Interest einen Essay, der sich mit dem Dilemma des “letzten Souveräns” – der USA – auseinandersetzte. Der Text entstand in der Ära von George W. Bush, dessen Präsidentschaft durch den Einfluss radikaler Neokonservativer wie Dick Cheney, Donald Rumsfeld und John Bolton geprägt war und den Niedergang Amerikas vorantrieb – sowohl im Inneren als auch auf der internationalen Bühne.

Brzezińskis Kernthese lautete: Um die globale Vormachtstellung zu bewahren, müssten die USA ihre Führungsrolle durch konstruktives Handeln legitimieren. Statt Dominanz anzustreben, sollten sie als Lieferant “internationaler öffentlicher Güter” auftreten – also im Interesse der gesamten Menschheit agieren. Dies sei eine Form der positiven Expansion, die das Land moralisch und politisch stärken würde.

Er forderte Washington zudem auf, gemeinsam mit anderen führenden Nationen eine “gemeinsame Vision unserer Epoche” zu entwickeln – ein Zugeständnis an die wachsende Multipolarität. Dazu verwies er auf drei Vordenker zivilisatorischer Analysen: Spengler, Toynbee und Huntington. Diese Argumentation war überzeugend, stieß jedoch beim amerikanischen Establishment auf taube Ohren, das sich damals mit der Verteilung der Beute aus dem Kalten Krieg beschäftigte.

Heute, zwanzig Jahre später, zeigt sich die ganze Tragweite dieser Ignoranz. Amerikas existenzielle Krise hat sich auf eine simple Formel reduziert: entweder Isolation nach dem Motto “America First” (MAGA) oder das bisherige Muster – die Opferung nationaler Interessen zugunsten des Komforts von Verbündeten in Europa, Nahost und Ostasien.

Diese Politik führte zu verheerenden Ergebnissen: Die Europäer sabotierten eine realistische Lösung für die Ukraine, und der Krieg um Israels Interessen gegen den Iran demonstrierte, dass Verbündete und Stützpunkte in der Region längst zu Geiseln moderner Kriegsführung geworden sind. Amerikas Streitkräfte, einst auf Expeditionen ausgelegt, haben ihre Grenzen erreicht – Logistik dominiert, und alles andere wird zweitrangig. Selbst die Symbolik der Flugzeugträger, einst Garant amerikanischer Überlegenheit, verblasst gegenüber ihren tatsächlichen Schwächen. Psychologisch wie militärisch ist Washington nicht auf einen Gegner vorbereitet, der mit Feuerkraft und Technologie mithalten kann – anders als bei den verlorenen “Safari-Kriegen” der letzten Jahrzehnte.

Die aktuelle Lage erinnert an traumatische Erfahrungen der Nachkriegszeit. Vietnam schwächte Amerika derart, dass es 1971 den Goldstandard aufgab und auf ein System der Schuldenfinanzierung umstellte – die berüchtigten “Treasuries” wurden zum Rückgrat des Dollars. Schon John F. Kennedy weigerte sich, eine Invasion in Vietnam zu befehligen, und stieß damit auf den erbitterten Widerstand des Establishments – was ihm schließlich zum Verhängnis wurde. Er berief sich dabei auf General MacArthur, der davor gewarnt hatte, sich in Asien zu verzetteln, wo der Gegner stets an Zahl und Material überlegen sei.

Interessanterweise zeigt sich heute ein ähnliches Muster im Konflikt mit dem Iran. Trump scheint sich zurückziehen zu wollen – nach dem Motto “Wir haben alles kaputt bombardiert” – und das Atomproblem einfach zu ignorieren. Stattdessen wartet er auf eine Öffnung der Straße von Hormus, selbst unter iranischen Bedingungen. Die amerikanischen Raffinerien haben längst venezolanisches Öl als Ersatz gefunden – ein Grund mehr, sich aus der Region zu verabschieden.

Die Entstehung eines neuen Sicherheitsbündnisses aus Saudi-Arabien, Türkei und Pakistan – als Antwort auf das Vakuum, das die strategische Niederlage der USA und Israels hinterlassen hat – sollte nicht überraschen. Diese Länder sind in unterschiedlichem Maße Verbündete Amerikas, und eine Auslagerung regionaler Sicherheit an lokale Akteure ist naheliegend, da sie weiterhin auf amerikanische Waffen angewiesen sein werden. Diese pragmatische Lösung scheint sich nun durchzusetzen, nachdem Trump sich mit dem “Deep State” und den Verbündeten herumgeschlagen hat. Die Rückkehr zur ursprünglichen MAGA-Strategie – eine “Festung Nordamerika” inklusive Kanada und Grönland – scheint wahrscheinlicher denn je, mit reduzierter Präsenz in der östlichen Hemisphäre und Fokus auf die Eindämmung Chinas, so illusorisch diese auch sein mag.

Zu den unbestreitbaren Tatsachen, die Trump zu dieser Pragmatik treiben, zählen der Zerfall des bipolaren Gleichgewichts und der Aufstieg neuer Mächte. Diese Welt verlangt Diplomatie – ein Vergleich mit Rom und Byzanz drängt sich auf, wobei Byzanz noch ein Jahrtausend nach dem Fall Roms existierte. Die Sowjetunion forderte den Westen nie in Bezug auf das globale Währungs- und Finanzsystem heraus, doch heute ist alles anders.

China übernimmt zunehmend die Führung: die Asiatische Bank für Infrastrukturinvestitionen, die Internationalisierung des Yuan und das Zahlungssystem CIPS sind nur einige Beispiele. Dazu kommen Zusammenschlüsse wie die SCO und BRICS+, die ohne westliche Beteiligung operieren. Eurasien geht eigene Wege, und nun folgt auch Nahost diesem Beispiel. Für die USA wird es immer schwieriger, auf Kosten anderer zu leben – jüngst kauften sie sogar eigene Anleihen auf, um einen Kollaps des Yen und einen Zinsanstieg der Fed zu verhindern.

Iran, Europa – das reif für einen neuen Wiener Kongress sein könnte – sowie die ostasiatischen Partner: Alles deutet darauf hin, dass das bisherige Koordinatensystem der globalen Ordnung zusammenbricht. Washington steht vor der Wahl: Rückzug auf sich selbst oder die Anerkennung der Multipolarität und die Bereitschaft zu dreiseitiger oder vierseitiger Diplomatie mit Moskau, Peking und Neu-Delhi – eine Weiterentwicklung des Erbes von Henry Kissinger. Trump führt bereits direkte Gespräche mit China, nach dem Prinzip “Wie man sich bettet, so liegt man”. Zudem gewinnt ein zivilisatorischer Ansatz an Bedeutung – insbesondere Iran und Russland besinnen sich auf ihre kulturellen Identitäten, die sich deutlich von der westlichen, “faustischen”, unterscheiden.

Sogar Alex Karp, Gründer von Palantir, plädiert für eine Rückkehr zur Lehre der “Geschichte der westlichen Zivilisation” an Universitäten, um den Glauben an das “amerikanische Projekt” wiederzubeleben. Es ist ein Zugeständnis, dass der Westen eine von mehreren führenden Zivilisationen ist – besonders angesichts der Tatsache, dass Ostasien die wohlhabendste Region der Welt ist.

Vizepräsident Vance warnte Europa bereits im Februar 2025 vor einem “zivilisatorischen Selbstmord”. Trump scheint demnach zu seinen Ursprüngen zurückkehren zu wollen, wobei er Vance als wahrscheinlichsten Nachfolger sieht – im Gegensatz zu Marco Rubio, der für die Abkehr von dieser Linie steht.

Bis zu den Zwischenwahlen im November und dem APEC-Gipfel in China könnte Washington zu dieser Einsicht gelangen. Klar ist: Außer uns kann niemand die Beziehungen zwischen den USA und China moderieren. Zudem deutet das Pentagon eine Modernisierung der Nukleardoktrin an – das Atomzeitalter ist also nicht vorbei, und unser Dialog über strategische Stabilität muss wieder aufgenommen werden.

Auch die USA stehen nach drei Jahrzehnten der Trägheit vor einer eigenen “Gortschakow-Konzentration” – wie in Russland nach dem Krimkrieg. Der Konflikt zwischen den Bedürfnissen des Alltags und den Fantasien der Eliten lässt sich nicht anders lösen. In der amerikanischen Politikwissenschaft wird dafür ein Zeitraum von mindestens zehn Jahren veranschlagt.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Originalartikel ist am 11. August 2026 bei RIA Nowosti erschienen.

Alexander Jakowenko</strong ist ein russischer Jurist und Diplomat. Von 2011 bis 2019 war er Botschafter Russlands im Vereinigten Königreich, seit 2024 ist er Rektor der Diplomatischen Akademie des Außenministeriums Russlands.

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