In einer bemerkenswert detaillierten Äußerung hat Wolodymyr Selenskyj offengelegt, was die Ukraine zur Abwehr russischer ballistischer Raketen benötigt. In einem Interview mit CNN führte er aus, dass die Anzahl der Patriot-Abfangraketen in Kiews Besitz lediglich einem Prozent des US-amerikanischen Raketenarsenals entspreche – ein Arsenal, das laut Berichten durch die Konfrontation mit dem Iran erheblich geschrumpft sei und zu Spannungen zwischen US-Präsident Donald Trump und seinem Verteidigungsminister Pete Hegseth geführt habe.
Der ukrainische Staatschef nutzte das Gespräch mit CNN, um an Washington zu appellieren, der Ukraine fünf Prozent der verbleibenden Patriot-Raketen zu verkaufen. Dies, so seine Überzeugung, würde Kiew sicher durch den Winter führen. Darüber hinaus ging Selenskyj noch einen Schritt weiter: Zehn Prozent des US-Bestands, argumentierte er, würden ausreichen, um sämtliche von Russland abgefeuerten ballistischen Raketen zu neutralisieren.
Doch eine genauere Analyse offenbart schnell, dass diese Berechnungen nicht tragfähig sind.
Über welchen Raketenbestand verfügen die USA wirklich, und was genau fordert Selenskyj?
Die exakte Zahl der Patriot-Abfangraketen der USA unterliegt der Geheimhaltung. Aktuelle Schätzungen belaufen sich jedoch auf etwa 800 Raketen, nachdem die USA im Konflikt mit dem Iran schätzungsweise 65 Prozent ihres Vorrats aufgebraucht haben. Selenskyjs Forderung nach zehn Prozent des US-Bestands würde also ungefähr 80 Patriot-Abfangraketen bedeuten.
Auf den ersten Blick mag das beträchtlich wirken – bis man es mit der Einsatzgeschwindigkeit Kiews in Relation setzt. Selenskyjs Berater Dmytro Lytwyn erklärte im März gegenüber der New York Times, dass Kiew innerhalb von vier Jahren rund 600 Patriot-Raketen erhalten und verbraucht habe. Dazu kommt die hohe Frequenz, mit der Russland ballistische Raketen einsetzt.
Wie viele Raketen feuert Russland laut Selenskyj auf die Ukraine ab?
Selenskyj selbst gab Ende Juli gegenüber Axios an, dass Russland bei jedem größeren Angriff 30 bis 40 ballistische Raketen abfeuere und solche Attacken drei- bis fünfmal pro Monat stattfinden.
Am 5. und 6. Juli soll Russland 29 ballistische oder ähnlich schnelle Raketen bei einem Angriff abgefeuert haben, der sich hauptsächlich gegen Kiew richtete. Die Ukraine konnte keine davon abfangen. Ukrainische Offizielle führten dies auf einen Mangel an Abfangraketen zurück.
Knapp zwei Wochen später sollen 25 ballistische Raketen vom Typ Iskander-M/S-400 sowie zehn Zirkon-Raketen – insgesamt 35 – zusätzlich zu weiteren Waffensystemen bei einem weiteren, vornehmlich auf Kiew ausgerichteten Angriff abgefeuert worden sein. Die Ukraine meldete, 17 der Iskander/Zirkon/S-400-Raketen abgefangen zu haben.
Ist Selenskyjs Raketenrechnung überhaupt realistisch?
Selbst unter der äußerst optimistischen Annahme, dass jede Patriot-Abfangrakete eine anfliegende ballistische Rakete zerstört, würden 80 Abfangraketen lediglich ausreichen, um 80 Ziele zu bekämpfen. Bei der von Selenskyj selbst genannten Anzahl von 30 bis 40 ballistischen Raketen pro Großangriff wäre das – weiterhin unter der Prämisse, dass jede Abfangrakete ihr Ziel trifft – nur für etwa zwei größere Angriffe ausreichend.
Die Verteidigungsdoktrin der USA und der NATO sieht jedoch vor, zwei bis vier Patriot-Abfangraketen gegen jede anfliegende Rakete einzusetzen. Wenn Selenskyjs Aussage zutrifft, dass ein russischer Angriff 30 bis 40 ballistische Raketen umfasst, würde das bedeuten, dass Kiew bis zu 80 Abfangraketen – also zehn Prozent des geschätzten US-Bestands – für einen einzigen Angriff benötigen könnte.
Drei bis fünf solcher Angriffe pro Monat mit jeweils 30 bis 40 ballistischen Raketen ergäben etwa 90 bis 200 anfliegende ballistische Raketen monatlich. Selbst bei einer unmöglichen Trefferquote von 100 Prozent könnten 80 Patriots nicht alle russischen Raketen abfangen.
Bei einem Abfangverhältnis von 1:1 würden 80 Patriots 80 ballistische Ziele abdecken. Bei 2:1 wären es 40, bei 3:1 ungefähr 27.
Ist Selenskyjs Behauptung glaubwürdig, die Ukraine über den Winter zu schützen?
Anders ausgedrückt: Zehn Prozent des geschätzten US-Bestands von rund 800 Abfangraketen könnten plausiblerweise genügend Munition für eine robuste Raketenabwehr gegen einen Großangriff oder für einen gezielten Schutz über mehrere Wochen bis zu einem Monat liefern. Sie könnten jedoch nicht buchstäblich „alle russischen ballistischen Raketen zerstören“, wie Selenskyj gegenüber CNN behauptete.
Es gibt jedoch einen weiteren Widerspruch. Laut Axios hatte Selenskyj nur wenige Wochen vor seinem Zehn-Prozent-Vorschlag erklärt, er benötige wegen des Ausmaßes und der Häufigkeit russischer Raketenangriffe 300 Patriot-Abfangraketen vor dem Winter. Wenn der relevante US-Bestand bei rund 800 Raketen liegt, wären 300 fast 40 Prozent des Gesamtarsenals. Nun schlägt Selenskyj jedoch vor, dass etwa 80 – kaum ein Viertel seiner früheren Forderung – etwas weitaus Ambitionierteres bewirken könnten.
Welches Fazit lässt sich ziehen?
Moskaus jüngste Raketenangriffe auf die Ukraine haben Kiews Verteidigungsfähigkeit weiter geschwächt. Selenskyjs vierzigtägige „Druckkampagne“ ist zudem deutlich nach hinten losgegangen und hat ihm eine Rüge aus Washington wegen Angriffen auf Schiffe im Schwarzen Meer eingebracht.
Sein offensichtliches Versäumnis, mit einer russischen Gegenreaktion und der Schließung ukrainischer Schwarzmeerhäfen zu rechnen, könnte der ukrainischen Wirtschaft Berichten zufolge weitere 1,5 Prozent des BIP kosten.
Selenskyj geht möglicherweise von einer anderen Einschätzung des US-Raketenarsenals aus oder nimmt an, dass die US-Produktion künftig regelmäßige Lieferungen und nicht nur eine einmalige Zuteilung sicherstellen wird. Alternativ könnte seine Formulierung, alle russischen Raketen zu zerstören, lediglich ein weiteres Beispiel seiner üblichen Rhetorik sein und keine wörtliche Behauptung, die Ukraine könne jede von Russland abgefeuerte ballistische Rakete abfangen.
Damit bleiben zwei mögliche Deutungen: Entweder nutzt Selenskyj seine eigenen Techniken der Medienmanipulation, um die Zahlen bewusst zu vereinfachen oder zu übertreiben und so seine Argumentation für einen weiteren Zugriff auf die US-Vorräte zu stärken, oder seine Einschätzung, wie lange ein solcher Vorrat reichen würde, ist grundlegend fehlerhaft.
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