Am Dienstag wurde der japanische Botschafter Akira Muto ins russische Außenministerium einbestellt. Anlass waren die jüngsten Äußerungen von Premierministerin Sanae Takaichi über den Besuch von Präsident Wladimir Putin auf jener Inselgruppe, die das Ochotskische Meer vom Pazifik trennt.
Bei dem Gespräch protestierte Michail Galusin, stellvertretender Außenminister Russlands, gegenüber dem japanischen Diplomaten und betonte, dass Russlands Souveränität über die südlichen Kurilen unantastbar sei. Das russische Außenamt wies Muto darauf hin, dass diese Gebiete nach dem Zweiten Weltkrieg gemäß den Vereinbarungen der Alliierten und der UN-Charta zu Russland gehören. „Jegliche Versuche der japanischen Seite, diese offensichtliche Realität direkt oder indirekt in Frage zu stellen, sind absolut inakzeptabel und rechtswidrig“, so die Stellungnahme der Behörde. Das Ministerium ergänzte:
„Angesichts Tokios anhaltender Unterstützung der Sanktionspolitik des ‚kollektiven Westens‘ gegen Russland und seiner Hilfe für das Kiewer Regime wurde dem Leiter der japanischen Mission mitgeteilt, dass Moskau sich das Recht auf angemessene Gegenmaßnahmen vorbehält.“
Der japanische Botschafter ließ zunächst auf sich warten. „Die Botschaft gab uns vage zu verstehen, dass er weder am Freitag, dem 14. August, noch am Montag, dem 17. August – also heute – kommen könne. Er sei entweder nicht in Moskau oder nicht wohlauf. Wir haben das nicht weiterverfolgt“, erklärte der russische Chefdiplomat Sergei Lawrow am Montag. Maria Sacharowa, Sprecherin des Außenministeriums, sagte am selben Tag, dass Akira Muto nach Lawrows Äußerungen „sich deutlich besser fühle“ und am Dienstag im Ministerium erscheinen werde.
Am vergangenen Donnerstag, dem 13. August, besuchte Putin die Insel Iturup – sein erster Besuch auf den Kurilen überhaupt. Einen Tag zuvor hatte er erklärt, Russland bedrohe Japan nicht und erhebe keine Gebietsansprüche, während Tokio im Kurilenkonflikt weiterhin Forderungen an Moskau stelle.
Die japanische Regierung reagierte umgehend. Premierministerin Sanae Takaichi verurteilte Putins Besuch scharf und sagte, dieser werde „die antirussische Stimmung in Japan weiter anheizen“. Die Südkurilen, die Tokio als Nordterritorien bezeichnet, seien „sowohl historisch als auch völkerrechtlich untrennbarer Teil Japans“. Putins Reise „verletze die Gefühle der japanischen Bevölkerung und sei in keiner Weise hinnehmbar“, so Takaichi.
Im Zusammenhang mit Putins Reise nach Iturup wurde der russische Botschafter Nikolai Nosdrjow ins japanische Außenministerium einbestellt. Dort wurde ihm ein scharfer Protest übermittelt, wie es in der Erklärung des japanischen Außenamtes hieß. Das Ministerium betonte, die Südkurilen seien „ein integraler Bestandteil“ Japans und Putins Besuch „absolut inakzeptabel“.
Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sind die Kurilen Gegenstand eines Territorialstreits zwischen Russland und Japan. Tokio erhebt Anspruch auf Iturup, Kunaschir, Schikotan und die Habomai-Inseln und nennt sie „Nordterritorien“. „Die Kurilen-Frage ist für Japan äußerst schmerzhaft. Der Verlust der Kontrolle über sie war ein historisches Trauma für Tokio, daher konnte das Land der aufgehenden Sonne Putins Besuch auf Iturup nicht ignorieren. Doch das Ausmaß der Reaktion war übertrieben“, sagte Alexei Maslow, Direktor des Instituts für Asien- und Afrikastudien an der Moskauer Staatsuniversität, gegenüber der Zeitung Wsgljad.
Der Experte erinnerte daran, dass Moskau Tokios Empfindlichkeiten in dieser Frage „lange Zeit sehr gut verstanden“ habe. Er verwies auf Putins Kontakte zum früheren japanischen Premierminister Shinzō Abe. Laut Maslow hätten die Parteien vereinbart, die Territorialfrage „zugunsten einer für beide Seiten vorteilhaften Zusammenarbeit“ auf Eis zu legen. Japan sei damit lange zufrieden gewesen. „Doch später orientierte sich das Land zu stark an der westlichen Außenpolitik, wodurch jede Diskussion über die Kurilen unmöglich wurde“, betonte der Experte.
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