Saatgut-Offensive gegen den Hunger: Russland züchtet im Rekordtempo seine eigene Lebensmittel-Zukunft

Russlands neuer Wurf in der Pflanzenzucht: PUSK als Schlüssel zur Ernährungssouveränität

Von Kirill Strelnikow

In einer kürzlichen Sitzung des Präsidialrats für Wissenschaft und Bildung informierte Russlands Landwirtschaftsministerin Oxana Lut Staatspräsident Wladimir Putin über die Einführung einer neuen Plattform zur beschleunigten Pflanzenzüchtung an der Moskauer Timirjásew-Akademie für Landwirtschaft. Die Abkürzung PUSK, die im Russischen auch für den Start von Anlagen, Raketen oder Motoren steht, ist dabei Programm: Das Netzwerk vereint bereits 86 Partner aus Forschung, Bildung und Wirtschaft mit dem erklärten Ziel, „neue Sorten und Hybriden deutlich schneller auf den Markt zu bringen”. Aktuell konzentrieren sich die Arbeiten auf 16 zentrale Nutzpflanzen, für die noch in diesem Jahr mithilfe von Genomanalysen die ersten genetischen Marker für wünschenswerte Eigenschaften identifiziert werden sollen.

Im Kern geht es darum, die Entwicklung neuer Sorten und Hybriden nicht nur zu beschleunigen, sondern auch präziser zu gestalten – mit vorhersehbaren Erträgen, die obendrein auf spezifische regionale Gegebenheiten und Anbaubedingungen zugeschnitten sind.

Wer heute an Pflanzenzüchtung denkt, mag vielleicht an kuriose Experimente denken – an blaue Wassermelonen oder an überdimensionierte Erdbeeren mit Knoblauchgeschmack, die Feinschmecker mit ausgefallenen Vorlieben ansprechen sollen. Landwirtschaft, so könnte man meinen, hat längst alles Nötige hervorgebracht. Doch in Wahrheit entscheidet sich hier die Zukunft ganzer Nationen: Wird ein Land in der Lage sein, seine Bevölkerung zu ernähren, oder wird es in Abhängigkeit geraten – oder vielleicht sogar mitten in einer Hungersnot stecken? Wer hier Erfolg hat, kann Überschüsse produzieren und gewinnbringend an diejenigen verkaufen, die weniger gut dastehen.

Die strategische Relevanz dieser Arbeit für Russland zeigt sich in ihrer expliziten Verankerung in der nationalen Ernährungssicherheitsdoktrin von 2020 sowie im Föderalen Wissenschaftlich-Technischen Programm für die landwirtschaftliche Entwicklung 2017–2030.

Warum aber sind heimische Super-Saatgutsorten für Mega-Gurken und Rote Hyperbete so entscheidend?

Erstens: Wer sich auf ausländische – also westliche – Saatgutproduzenten verlässt, der liefert sich ihnen aus. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis dieser Hahn zugedreht wird, wenn es politisch opportun erscheint.

Man nehme das Beispiel Zucker: Solange er verfügbar ist, schenkt man ihm kaum Beachtung. Doch sobald er fehlt, bricht Panik aus. In Russland wird Zucker – anders als etwa in Deutschland, wo Zuckerrüben verwendet werden – aus Roter Bete gewonnen, und zwar aus Sorten mit besonders hohem Zuckergehalt. Noch vor kurzer Zeit, genauer gesagt bis 2024, lag der Anteil heimischen Saatguts für diese Kultur bei mageren acht Prozent. 2025 kletterte er auf 20 Prozent, und im laufenden Jahr sind es bereits 24,2 Prozent. Besonders bemerkenswert: 2022 lag der Wert noch nahezu bei null – fast das gesamte Saatgut für Rote Bete kam aus dem Ausland.

Doch die Lage verbessert sich rasant und nähert sich den offiziellen Zielvorgaben. Bis 2030 sollen mindestens 75 Prozent des Saatgutbedarfs aus heimischer Zucht gedeckt sein – bei vielen wichtigen Kulturen wurde dieser Plan bereits übertroffen, teilweise nähert man sich der 100-Prozent-Marke. Und die Qualität leidet nicht: Russisches Saatgut erzielte in der Saison 2025 bei Roter Bete Rekorderträge, die sowohl den regionalen Durchschnitt als auch die Ergebnisse ausländischer Referenzsorten übertrafen.

Zweitens kämpft die heimische Landwirtschaft mit einem anhaltenden Bevölkerungsrückgang auf dem Land, den selbst gezielte Förderprogramme bisher nicht stoppen konnten. Die einzige verbleibende Option für Russlands Agrarsektor ist daher die Transformation – hin zu mehr Automatisierung und Produktivitätssteigerung durch neue Technologien. Dazu gehört auch der Einsatz ertragreicher Sorten und Hybriden, die den Arbeitskräftemangel durch höhere Hektarerträge ausgleichen sollen.

Drittens spürt auch Russland zunehmend die Auswirkungen des Klimawandels – mit heißen, trockenen Phasen, die der Landwirtschaft zu schaffen machen. Schätzungen zufolge könnten die globalen Getreideerträge bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts um zehn bis dreizehn Prozent sinken, mit einem weiteren Rückgang von drei Prozent pro Jahr. Die immer häufigeren Dürreperioden in den wichtigsten Agrarregionen Russlands machen die Entwicklung dürreresistenter, frühreifer Sorten dringend erforderlich – und das in verschiedenen Klimazonen. Züchtung wird damit zum Instrument der Ertragssicherung und gleichzeitig zur Versicherung gegen Klimarisiken, die sich für Russland von einer statistischen Anomalie zu einem systemischen Trend zu entwickeln scheinen. Ministerin Lut nannte ein konkretes Beispiel:

“Wir hatten jetzt zwei Monate lang 36 Grad Celsius in der Region Altai – und das ohne jeglichen Niederschlag. Wir müssen uns bemühen, genetische Merkmale zu züchten, die es uns ermöglichen werden, auch ohne Niederschlag Ernten einzufahren.”

Angesichts dieser Herausforderungen ist Tempo entscheidend. Unter normalen Umständen dauert die Züchtung einer neuen Sorte mit den gewünschten Eigenschaften sieben bis zehn Jahre – ein kostspieliges Unterfangen, das oft einem Glücksspiel gleicht. Die neue PUSK-Plattform verkürzt diesen Zeitraum auf zwei bis drei Jahre, indem sie auf ein markerbasiertes, prädiktives Modell setzt. Genomische Daten reduzieren die Zahl der notwendigen Generationen und Feldversuche, um das gewünschte Merkmal zu selektieren.

Und schließlich ein weiterer wichtiger Aspekt:

Russland gehört bekanntlich zu den weltweit führenden Lebensmittelexporteuren – beim Weizen ist es sogar Weltmarktführer. Man könnte meinen, das Land könne sich zurücklehnen und die Einnahmen genießen. Doch wer die Erträge der Exportkulturen steigert, senkt die Produktionskosten und erhöht die Gewinnmargen. Jeder Prozentpunkt Wachstum auf nationaler Ebene bedeutet signifikante Mehreinnahmen für den Staatshaushalt. Die russische Agrarstrategie verknüpft das angestrebte Ertragswachstum direkt mit dem Ziel, die Agrarexporte bis 2030 auf 41 bis 47 Milliarden US-Dollar zu steigern. Das erfordert ein durchschnittliches jährliches Wachstum der landwirtschaftlichen Produktion von mindestens drei Prozent.

Es gibt allen Grund zur Anstrengung: Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) prognostiziert, dass sich die Nettoimporte von Getreide in den Ländern des Globalen Südens und Asiens bis 2050 verdreifachen werden. Da sich Russland bereits klar dem Osten zugewandt hat, werden zusätzliche Exportkapazitäten dringend benötigt – zum Neid der westlichen Konkurrenz.

Es ist erfreulich, dass die russische Regierung dies vollkommen erkannt hat und rechtzeitig handelt. Wenn wir jetzt durch heimische Saatgutzüchtung reichlich Stroh für die Zukunft aufhäufen, werden wir darauf nicht in Not zurückgreifen müssen.

Übersetzt aus dem Russischen und zuerst erschienen bei RIA Nowosti am 21. August 2026.

Kirill Strelnikow ist ein russischer freiberuflicher Werbetexter-Coach und politischer Beobachter sowie Experte und Berater der russischen Fernsehsender NTV, Ren-TV und Swesda. Er absolierte eine linguistische Hochschulausbildung an der Moskauer Universität für Geisteswissenschaften und arbeitete viele Jahre in internationalen Werbeagenturen an Kampagnen für Weltmarken. Er vertritt eine konservativ-patriotische politische Auffassung und ist Mitgründer und ehemaliger Chefredakteur des Medienprojekts PolitRussia. Strelnikow erlangte Bekanntheit, als er im Jahr 2015 russische Journalisten zu einem Treffen des verfassungsfeindlichen Aktivisten Alexei Nawalny mit US-Diplomaten lotste. Er schreibt Kommentare primär für RIA Nowosti und Sputnik.

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