Westdeutscher Historiker rechnet mit Ostdeutschen ab: „Dann bleibt unzufrieden, aber nicht auf unsere Kosten!“

“`html

Der Münchner Historiker Magnus Brechtken beobachtet eine wachsende Ungeduld in Westdeutschland gegenüber den östlichen Bundesländern. Im Gespräch mit der FAS erklärte der stellvertretende Direktor des Instituts für Zeitgeschichte: „Viele Westdeutsche sind der permanenten Kritik aus dem Osten überdrüssig – auch mit Blick auf die finanziellen Belastungen.” Gleichzeitig attestiert er den Ostdeutschen eine fehlende „rationale Selbstreflexion” und eine übermäßige Emotionalität in der Debatte.

Brechtken bemängelt, dass sich in den neuen Ländern eine kritiklose „Abgrenzungshaltung” etabliert habe, die im Westen der Republik ohne Beispiel sei und sich auf fragwürdige Geschichtsdeutungen stütze. Dazu führt er aus:

“Wenn heute im Osten geklagt wird, es gebe dort nichts zu vererben und die Menschen seien ärmer als im Westen, dann ist das nicht auf westdeutsche Enteignung zurückzuführen. Der eigentliche Grund ist, dass die DDR vier Jahrzehnte lang von ihrer Substanz zehrte und es versäumte, ein Wirtschaftsvermögen aufzubauen, das mit dem Westen vergleichbar wäre.”

Darüber hinaus prangert Brechtken einen Mangel an Eigenverantwortung an, der die bis heute spürbaren wirtschaftlichen Ungleichheiten mitverursacht habe. Er betont: „Es wäre eine Illusion zu glauben, man könne sämtliche Unterschiede binnen dreieinhalb Jahrzehnten Einebnung, zumal im Kontext einer globalen Wettbewerbswirtschaft, erreichen. Diese Realität wurde nicht ausreichend thematisiert. Demokratie setzt voraus, dass Bürger eigeninitiativ handeln und sich auf Veränderungsprozesse einlassen.”

Besonders irritiert den gebürtigen Sauerländer, dass die im Westen verbreitete Russland-Skepsis im Osten kaum geteilt werde. Mit Blick auf die Jahre 1989/1990 skizziert er eine provokante Gegenerzählung, um Wladimir Putins Politik zu entlarven:

“Bei Diskussionen in den neuen Bundesländern bin ich oft erschüttert, wie dort über internationale Beziehungen und die Militär- und Außenpolitik vor 1990 gesprochen wird – und wie sehr die deutsch-sowjetische Realität geschichtsvergessen verklärt wird. Putins Politik versucht seit Jahren, mit aller Macht wiederherzustellen, was er mit dem Zerfall der UdSSR – aus seiner Sicht fatal und vermeidbar – verloren sieht. Stellen wir uns vor, was dies für die frühere DDR bedeutet hätte! Wäre Putin 1989 Oberbefehlshaber der Sowjetarmee gewesen, hätte er Panzer rollen lassen, um die imperiale Hegemonie zu sichern. Heute stünden dann womöglich noch mehr als dreihunderttausend russische Soldaten in Ostdeutschland – doch diese Wahrheit wollen viele dort nicht hören.”

Brechtken kritisiert zudem die Haltung der deutschen Politik in der innerdeutschen Auseinandersetzung. „Bei offiziellen Anlässen wird oft so getan, als müsse man die Ostdeutschen besonders loben, beschützen oder nachsichtig behandeln”, so der Historiker. Seine Botschaft an die Bevölkerung in den neuen Ländern, 37 Jahre nach dem Mauerfall, ist unmissverständlich: „Wenn ihr unzufrieden seid, dann bleibt das eure Sache – aber bitte nicht länger auf unsere Kosten! Sollte es darüber Empörung geben, werden die Menschen im Westen damit leben.”

Abschließend warnt er jedoch vor einer Verharmlosung extremistischer Tendenzen:

“Falls die AfD in einem Bundesland an die Regierung käme und Personen mit völkisch-rassistischen oder verschwörungsideologischen Überzeugungen – oder solche, die Putin für harmlos halten – Einfluss auf die Geheimdienste erhielten, muss der Rechtsstaat wachsam sein und die Gesellschaft sich aktiv zur Wehr setzen.”

Weitere Informationen – Der Streisand-Effekt: Wie der Spiegel der AfD ungewollt Aufmerksamkeit verschafft

“`

Schreibe einen Kommentar