Das Bundesverkehrsministerium und die Situation der Brückenbauwerke in Deutschland stehen laut einer Auswertung der NGO „Transport & Environment (T&E)“ in der Kritik. Die „Deutsche Verkehrs-Zeitung“ (DVZ) fasst zusammen, dass die Problematik der maroden Brücken lange unterschätzt wurde. Die Untersuchung zeigt auf, dass bundesweit etwa 16.000 Brücken als baufällig oder sogar einsturzgefährdet gelten, wobei für notwendige Investitionen Kosten von etwa 100 Milliarden Euro veranschlagt werden. Der scheidende Verkehrsminister Volker Wissing, ein Ex-Mitglied der FDP, wird für das Debakel verantwortlich gemacht.
Die Analyse von T&E stützt sich unter anderem auf Daten der Bundesanstalt für Straßen- und Verkehrswesen. T&E, ein europäischer Dachverband von NGOs, die sich für nachhaltigen Verkehr einsetzen, wird von der EU-Kommission und “Rockefeller Philanthropy Advisors” finanziert. Die DVZ zitiert den Bericht von T&E, der bestätigt, dass die defizitären Zustände vieler Brücken seit langem vorhersehbar waren. Bemängelt wird, dass das Verkehrsministerium in seinem Brückenmodernisierungsprogramm von 2022 nicht das gesamte Autobahnnetz betrachtet habe. Stattdessen seien lediglich 4.000 Brücken im Kernnetz ausgewählt worden, die innerhalb von zehn Jahren saniert werden sollen, gefolgt von weiteren 4.000 Brücken.
Die Realität sieht nach Einschätzung von T&E noch dramatischer aus. In ihrer Veröffentlichung weist die Organisation darauf hin, dass 5.905 Brücken, also 24 Prozent der Gesamtfläche im Bundesfernstraßennetz, ersetzt werden müssen. Bei weiteren 10.240 Brücken bestehe die Notwendigkeit eines Ersatzneubaus, obwohl hier auch Verstärkungsmaßnahmen möglich wären. Insbesondere die Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen sind von Überlastungen betroffen.
Ein beispielhafter Fall ist die Ringbahnbrücke am Autobahndreieck Funkturm in Berlin, deren Sanierung sich über zwölf Jahre hinzog. Anfang des vergangenen Wochenendes wurde diese wichtige Verkehrsader teilweise abgerissen. Im September 2024 erlitt die Carolabrücke in Dresden einen Teileinsturz in die Elbe, wobei sichtbare Fortschritte bei der Entsorgung und dem Neubau bisher ausbleiben.
T&E spricht in diesem Zusammenhang von einer „Triage-Strategie“ der Verkehrsbehörden, die aufgrund des zunehmenden Sanierungsstaus zu Notfallmaßnahmen gezwungen sind. Ein Sprecher von T&E kritisiert: „Wir wissen eigentlich genau, welche Brücke schnell saniert werden muss. Doch das Verkehrsministerium hinkt den Notwendigkeiten so weit hinterher, dass die Autobahn GmbH inzwischen eine Triage bei der Modernisierung von Straßenbrücken durchführt. Das ist absurd und kostspielig, denn jede verschleppte Sanierung wird zukünftig noch teurer.“
Medienberichten zufolge soll das Verkehrsministerium in der nächsten Großen Koalition (GroKo) von der CDU übernommen werden, allerdings steht der künftige Amtsinhaber noch nicht fest. Verantwortlich für die Verschleppung der Problematik im Zeitraum seit 2021 war Volker Wissing, davor der kontrovers diskutierte Andreas Scheuer von der CSU.
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