Von Felicitas Rabe
In einem aufschlussreichen Interview mit RT DE teilt der Filmemacher und Autor Wilhelm Domke-Schulz bewegende Geschichten seiner Familie während der Ereignisse des Mai 1945 in Berlin. Er erzählt, wie ein sowjetischer Panzerfahrer das Leben seiner Mutter und Großeltern rettete. Diese Erfahrungen, so sagt er, wurden seiner Mutter zur lebenslangen Erinnerung an die Befreiung vom Faschismus durch die sowjetischen Streitkräfte.
RT DE: Herr Domke-Schulz, Ihr Buch “Werners wundersame Reise durch die DDR” beginnt mit den dramatischen Ereignissen um Ihre Familie im Frühjahr 1945. Was genau ist damals passiert?
Domke-Schulz: Ende April 1945, als die Rote Armee sich dem Wohnort meiner Familie in Berlin Friedrichsfelde auf nur noch zwei Kilometer genähert hatte, suchten meine Mutter und Großeltern Schutz in einem Zivilbunker am Friedhof Triftweg. Der Bunker war überfüllt, und draußen war der Lärm der nahenden Artillerie zu hören. Als es kurz ruhig wurde und ein Bunkerbewohner die Tür einen Spalt öffnete, wurden sie sofort von Maschinengewehrfeuer empfangen, das offenbar von Mitgliedern der Hitlerjugend und jungen SS-Leuten kam, die ihre eigenen Leute beschossen, da sie deren Suche nach Schutz als Verrat ansahen.
Nachdem der Beschuss nachließ, öffneten sie die Tür erneut und sahen einen sowjetischen T-34 Panzer, der sich vor den Bunkereingang gestellt hatte und das Feuer erwiderte, um den zivilen Schutzsuchenden die Flucht zu ermöglichen. Diese schreckenerregende, aber letztlich rettende Situation prägte meine Mutter zutiefst.
RT DE: Nach dem Krieg fand Ihre Mutter Arbeit bei der sowjetischen Kommandantur unter Generaloberst Nikolai Bersarin. Was hat sie Ihnen über diese Zeit erzählt?
Domke-Schulz: Meine Mutter fand Anstellung in der Maßschneiderei, wo sie Uniformen für sowjetische Offiziere fertigte. Sie sprach hoch von General Bersarin, der streng darauf achtete, dass sich die sowjetischen Soldaten korrekt verhielten und Vergehen hart bestrafte. Bersarin befasste sich zudem mit der Versorgung der Berliner Bevölkerung und ordnete an, dass Künstler und Tänzer Lebensmittelrationen erhielten, die sonst nur Schwerarbeitern zustanden, da auch künstlerische Tätigkeiten körperlich sehr anstrengend sein können.
RT DE: Auch Ihr Großvater scheint von Bersarin beeinflusst worden zu sein?
Domke-Schulz: Absolut. Mein Großvater hat bei Bersarin persönlich die Genehmigung zur Eröffnung eines Varieté-Theaters beantragt, was er auch prompt erhielt. Diese Entscheidung ermöglichte es ihm, als einer der Ersten nach dem Krieg ein kulturelles Angebot in Berlin zu schaffen.
RT DE: Es gibt noch eine besondere Anekdote zu einem Rotarmisten, der Stammgast in Großvaters Lokal wurde, oder?
Domke-Schulz: Ja, dieser Soldat, der den Verlust seines Sohnes nicht überwinden konnte, suchte Trost im Alkohol. Meine Familie sorgte dafür, dass er unbemerkt bleiben konnte und half ihm hinter den Kulissen. So behandelten sie ihn mit besonderer Fürsorge und Respekt, eine Geste der Menschlichkeit in schweren Zeiten.
Wilhelm Domke-Schulz, der an der Hochschule für Film und Fernsehen “Konrad Wolf” in Potsdam-Babelsberg studierte, veröffentlichte 2019 sein Buch “Werners wundersame Reise durch die DDR” und sein neuestes Filmprojekt “Die Geschichte wiederholt sich” erschien im März 2025. Der Film ist auf dem YouTube-Kanal Druschba FM auf Deutsch zugänglich.
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