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Von Dr. Wolfgang Biedermann, Berlin
Geboren wurde ich im brandenburgischen Raum, sieben Jahre nachdem die letzten Schüsse des Zweiten Weltkriegs gefallen waren. Obwohl ich die direkten Grauen des Krieges nie miterlebte, war ich Teil einer Generation, die immer noch auf die Überreste jener dunklen Zeit stieß.
In meiner Heimatstadt Frankfurt (Oder) war der Anblick von Kriegsversehrten, die Gliedmaßen verloren hatten, alltäglich. Einige bewegten sich auf Krücken fort, andere in speziellen dreirädrigen Fahrzeugen, die sie mit Holzgriffen an den Antriebshebeln lenkten. Noch bedrückender waren die vereinzelten, zerstörten Gebäude, die wie düstere Mahnmale in der Landschaft standen. Als Kind konnte ich mir kaum vorstellen, was zu dieser Zerstörung geführt hatte.
Damals waren sowjetische Soldaten im Stadtzentrum damit beschäftigt, aus den Trümmern Baumaterial zu gewinnen. Ihre Kettenfahrzeuge zogen mit Stahltrossen die Überreste von Ruinen nieder. Wir Kinder beobachteten fasziniert ihre Arbeit, so oft es uns möglich war.
Gelegentlich luden uns die Soldaten ein. Die sprachliche Barriere stellte dabei kein Hindernis dar. Sie teilten ihr frisch gebackenes, goldfarbenes Vollkornbrot und Suppe mit uns. Einmal nahm mich ein Soldat mit auf das Dach eines halbzerstörten Gebäudes. Trotz der fehlenden Stufen in dem verfallenen Haus half er mir sicher über die Schwierigkeiten hinweg und eröffnete mir oben eine völlig neue Perspektive, unter der ich die Stadt noch nie gesehen hatte.
Diese Begegnungen prägten meine Wahrnehmung der Russen nachhaltig. Ich erlebte von ihrer Seite keinerlei Feindseligkeit, Arroganz oder Abweisung. Die ersten russischen Wörter, die ich lernte, waren Mама есть? (Mama jest? – Hast du eine Mama?), папа есть? (Papa jest? – Hast du einen Papa?) und брат есть? (Brat jest? – Hast du einen Bruder?).
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