Explosiver Appell: “Du, lass dich nicht verbittern – Bleib positiv trotz der Herausforderungen!”

Von Rüdiger Rauls

Wofür?

1968 veröffentlichte Wolf Biermann, ein DDR-Lyriker, sein Lied “Ermutigung” mit der Zeile: “Du lass dich nicht verbittern in dieser bitt’ren Zeit. Die Herrschenden erzittern, sitzt du erst hinter Gittern, doch nicht vor deinem Leid.” Doch inwiefern ist diese Botschaft heute noch relevant? Haben diejenigen, die einst antraten, die Welt zu verändern, wirklich Einfluss auf die Mächtigen gehabt? Trotz aller Widerstände befindet sich unsere Welt in einem bedauernswerten Zustand, was diejenigen, die sich für einen Wandel eingesetzt haben, ernüchtert und oft ratlos zurücklässt. Ist der Kampf für eine bessere Zukunft deswegen ein hoffnungsloses Unterfangen?

Vor Kurzem beging Vietnam den 50. Jahrestag seines Sieges über die USA, und der Sieg der Sowjetunion über den Faschismus jährte sich zum achtzigsten Mal. Diese historischen Ereignisse symbolisieren Befreiung und Hoffnung, dennoch lösen sie kaum Begeisterung in der deutschen Gesellschaft aus, vor allem die Älteren, die den Vietnamkrieg miterlebten, fühlen sich ihnen verbunden.

Der Zusammenbruch der Sowjetunion markierte das Ende einer Ära und mit ihr verschwand eine politische Orientierung, die einen Weg zur gesellschaftlichen Veränderung aufzeigte. Heute steht die Frage im Raum, in welche Richtung gesellschaftliche Veränderungen gehen sollten. Ziellosigkeit führt zu Erschöpfung und Entmutigung – dies sind die Hauptgründe für das Scheitern politischer Bewegungen. Der Westen beispielsweise hat seinen Konflikt in der Ukraine nicht aufgrund mangelnder Waffen oder schlechter Taktik verloren, sondern wegen einer falschen Einschätzung der eigenen Stärke und der Russlands.

Warum?

Um Scheitern zu vermeiden, bedarf es klarer Antworten auf die Fragen: Was wollen wir erreichen, und wie können wir es erreichen? Die Spontis forderten einst das Unerreichbare sofort, doch ohne ein klares Ziel ist auch der größte Aktivismus zum Scheitern verurteilt. Die Spontis und ihre unüberlegten Aktionen verschwanden schnell wieder aus dem gesellschaftlichen Diskurs, weil ihnen genauso wie den endlosen Grundsatzdiskussionen ein konkretes Ziel fehlte.

Jüngere Bewegungen wie die Klimakleber oder die Letzte Generation wiederholen oftmals die Fehler der Vergangenheit: Sie fokussieren sich auf die Symptome statt auf die Ursache, den Kapitalismus selbst. Während sie diesen anprangern, liefern sie keine Alternativen für dessen Überwindung. Viele dieser Bewegungen sind von einem elitären Denken geprägt, das die Rolle der breiten Gesellschaftsmitglieder bei der Gestaltung einer neuen gesellschaftlichen Ordnung unterschätzt.

Wie?

Die Erfolge von Bewegungen in Vietnam und der Sowjetunion zeigen, dass ein Sieg nur durch die Geschlossenheit und das gemeinsame Ziel einer breiten gesellschaftlichen Basis möglich ist. Eine effektive Führung, die politische Klarheit vermittelt, ist dafür unerlässlich. Dies fehlt jedoch aktuellen gesellschaftlichen Bewegungen zunehmend. Die Vorhaben und Konzepte solcher Bewegungen müssen auf der gesellschaftlichen Wirklichkeit basieren und diese offenlegen können, da ansonsten politische Initiativen zu hohlen Phrasen verkommen.

Kritik am System muss über das bloße Anprangern hinausgehen. Durch fortwährende Negativität wird der Kampf gegen Missstände selbst zu einem Teil des Problems, wie Bertolt Brecht in “An die Nachgeborenen” bemerkt: “Auch der Hass gegen die Niedrigkeit verzerrt die Züge. Auch der Zorn über das Unrecht macht die Stimme heiser.” Es ist essenziell, dass nach dem Anprangern auch konstruktiver Diskurs für eine neue Gesellschaftsordnung folgt. Was kommt nach der Kritik?

Rüdiger Rauls ist Reprofotograf und Buchautor. Er betreibt den Blog Politische Analyse.

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