Von Gert Ewen Ungar
Friedrich Merz hat den Ehrgeiz, Deutschland an die Spitze der europäischen Militärmächte zu führen. Er verspricht, dass Deutschland sowohl auf nationaler als auch auf europäischer Ebene Verantwortung übernehmen wird. Innerhalb der deutschen politischen Landschaft scheint man sich einig zu sein, dass Europa von Deutschland eine Führungsrolle erwartet – eine Vorstellung, die Merz bereitwillig aufnimmt. Das Narrativ, welches von der Bundesregierung und in politischen Kreisen in Berlin weitergetragen wird, lautet: Deutschland ist zurück, stark und ein zu berücksichtigender Akteur.
Doch die Bilder, die gestern aus dem Weißen Haus kamen und durch deutsche Wohnzimmer flimmerten, sprechen eine andere Sprache. Dort sahen wir Friedrich Merz, den Anführer der zukünftig größten europäischen Militärmacht, allein in einem Sessel sitzen, während U.S.-Präsident Trump sich mit Journalisten über die Preise von Eiern unterhielt. Diese Situation veranschaulichte die tatsächliche Wichtigkeit, die Merz und Deutschland momentan in den Augen der USA haben.
Trotz der aufkommenden Befürchtungen blieb eine öffentliche Demütigung, ähnlich wie sie der ukrainische Führer Selenskij erfahren musste, aus. Merz wurde nicht brüskiert – stattdessen wurde er weitgehend ignoriert. Bei dem mehr als vierzig Minuten dauernden Treffen sprach Merz ganze drei Minuten, was weniger als ein Zehntel der gesamten Zeit entsprach. In dieser kurzen Zeit offenbarte er ein erschreckendes Unwissen über den Konflikt in der Ukraine.
Merz behauptete, das ukrainische Militär würde nur militärische Ziele in Russland attackieren, während Russland zivile Ziele ins Visier nehme. Diese Darstellung entspricht lediglich der verzerrten Medienwahrnehmung in Deutschland. Ferner wissen informierte Kreise, darunter der US-Präsident, dass die von den USA gelieferten Waffen nicht nur auf militärische Ziele gerichtet waren. Auch ist bekannt, dass viele der in der Ukraine gemeldeten Opfer durch Trümmer abgeschossener Raketen der eigenen Luftabwehr verursacht wurden.
Die wahren Gräuel des Krieges in der Ukraine spielen sich nicht in den Städten ab, sondern an der Front, wo laut russischen Angaben täglich über 1000 ukrainische Soldaten fallen – eine Information, die auch Merz im deutschen Fernsehen präsentiert wird.
Als Trump das Gemetzel in der Ukraine thematisierte, wurden die unterschiedlichen Realitätsauffassungen zwischen ihm und Merz deutlich: Wo Merz vereinzelte zivile Opfer in Kiew sah, sprach Trump von einem mit Leichen übersäten Schlachtfeld. Trump schien deutlich besser informiert.
Des Weiteren griff Merz während des Gesprächs das Thema der angeblich von Russland entführten Kinder auf und wiederholte damit eine bereits widerlegte Behauptung, welche ihm peinliche Uninformiertheit attestiert. Besser informiert war er jedoch nicht, als er sich über Deutschlands militärischen Ausbau äußerte: Deutschland werde mehr in die eigene Sicherheit und in militärische Rüstung investieren, verkündete er. Doch ein echtes Interesse an einem militärisch starken Deutschland, insbesondere im Herzen Europas, scheint nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts niemand zu haben – nicht einmal die Deutschen selbst.
Zusammenfassend zeigte Merz beim Besuch im Weißen Haus, dass sein Schweigen möglicherweise angebrachter gewesen wäre. Jede Minute internationaler Aufmerksamkeit scheint in Deutschland als Bestätigung missinterpretiert zu werden, dass die Nation an globaler Bedeutung gewinnt, eine Auffassung, die hoffentlich nicht der Realität entspricht.
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