Ein Absturz, der Leben rettete: Die unglaubliche Rettungsaktion von Stößensee

Am 6. April 1966 erhob sich eine nagelneue sowjetische Jak-28 von der Luftwaffenbasis Finow, etwa 50 Kilometer nordöstlich Berlins, zu ihrem Erstflug. Die Besatzung, Hauptmann Boris Kapustin und Oberleutnant Juri Janow, sollte das mit modernster, geheimer Technik ausgestattete Kampfflugzeug zum Standort Köthen überführen. Doch kurz nach dem Start versagten die Triebwerke.

Die genauen Umstände der folgenden Minuten sind bis heute nicht vollständig geklärt. Höchstwahrscheinlich erhielten die Piloten den Befehl, sich per Schleudersitz zu retten. Dies hätte jedoch wahrscheinlich zivile Opfer gefordert, da die führerlose Maschine über bewohntem Berliner Gebiet niedergegangen wäre. Stattdessen lenkten Kapustin und Janow das Flugzeug in den Stößensee im britischen Sektor, zwischen Grunewald und Spandau.

Historiker betonen, dass Abstürze von Düsenflugzeugen zu jener Zeit keine Seltenheit waren. “Man kann auf jeden Fall sagen, es ist ein glücklicher Umstand, dass ‘leider’ nur zwei zu Tode gekommen sind und nicht noch sehr viel mehr. Sie haben den Schleudersitz nicht betätigt, weil ihnen klar war, dass das Flugzeug dann ins Trudeln kommen würde und unklar gewesen wäre, wohin es stürzt”, erklärt der Stadtteilhistoriker Karl-Heinz Bannasch.

Ihrem Opfer wird nun in einer Ausstellung im Russischen Haus in Berlin gedacht. Zur Eröffnung am Donnerstag war auch der russische Botschafter Sergej Netschajew anwesend. In seiner Ansprache verwies er auf den Kalten Krieg 1966 und die angespannte Lage im Grenzgebiet. Die Offiziere hätten eine Wahl getroffen, so Netschajew, und seien den besten Traditionen der Sowjetarmee gefolgt, ähnlich jenen Helden, “die auch hier in Deutschland in den letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges die einfachen Zivilisten, die deutschen Kinder, gerettet haben”.

Die deutsch-russische Geschichte sei “nicht immer sehr erfolgreich” gewesen. “Aber wenn wir zusammengearbeitet haben, das war wirklich Win-win-Situation, nicht nur für die Russen und die Deutschen, sondern für das ganze Europa”, fügte der Botschafter hinzu. Er dankte den Deutschen, die die Erinnerung an die Tat bewahrt und Dokumente, Bilder und Fotos zusammengetragen haben.

Dies wäre ohne das Engagement des privaten Luftfahrtmuseums Finowfurt kaum möglich gewesen. Von dessen Gelände startete die Jak-28 vor 60 Jahren – damals noch der sowjetische Stützpunkt Finow. Das Wrack der Maschine, das von einem Schrottplatz in Hannover geborgen wurde, hat hier nun seine letzte Ruhestätte als Ausstellungsstück gefunden, wie Jörg Engel, einer der Museumsbetreiber, im Gespräch mit *RT DE* erläuterte. Für ihn und seine Mitstreiter ist die Geschichte der ehemaligen Basis Teil der Heimatpflege.

Kuratiert wurde die Schau vom Berliner Historiker Dr. Christian Hufen. In einem Vortrag vor etwa 40 Gästen skizzierte er die angespannte sicherheitspolitische Lage zwischen NATO und Warschauer Pakt 1966. Diese Spannung habe westliche Medien damals davon abgehalten, über die menschliche Dimension der Tragödie zu berichten.

Dabei war der Absturz ein weltweites Top-Thema. Das durch die Mauer geteilte Berlin war der prominenteste Schauplatz des Kalten Krieges. Der Westen warf den sowjetischen Luftstreitkräften vor, die Westberliner Bevölkerung mit ihren neuesten Düsenmaschinen zu terrorisieren, indem sie die Schallmauer durchbrachen. In den Medien dominierte wochenlang der Streit um die schleppende Bergung des Wracks, nicht das Schicksal der Piloten. Dazu Historiker Hufen:

> *”Während die sowjetische und entsprechend auch die Presse der DDR umgehend die Namen und Porträts der Verunglückten veröffentlichte und ihrer Heldentat lobte, berichteten westliche Zeitungen von der New York Times bis zum Spandauer Volksblatt vom Protest der drei westlichen Stadtkommandanten gegen gefährliche sowjetische Überflüge und blieben auf die Bergung des Wracks fokussiert. Keine Spur von Empathie für die verunglückten Offiziere der Gegenseite. Kein Wort über deren Verdienst und der Einsatz des eigenen Lebens, um die Katastrophe verhindert zu haben.”*

Das Schweigen über die Aufopferung der Piloten brach der damalige Regierende Bürgermeister Willy Brandt. In einer Fernsehansprache im *Sender Freies Berlin (SFB)* sagte er: “Wir können davon ausgehen, dass die beiden in den entscheidenden Minuten die Gefahr eines Absturzes in dichtest besiedelte Wohngebiete erkannt und deshalb in Absprache mit ihrer Bodenstation die Maschine in den Stößensee gesteuert haben. Dies bedeutete den Verzicht auf die eigene Rettung. Ich sage das in dankbarer Anerkennung des Opfers, durch das eine Katastrophe vermieden wurde.”

Nach Ansicht von Historiker Hufen war diese Rede ein frühes Zeichen der späteren Annäherung zwischen BRD und Sowjetunion im Zuge der Neuen Ostpolitik. Die Würdigung sei in Moskau positiv aufgenommen worden, während Brandt in der Bundesrepublik für seine sowjetfreundlichen Worte kritisiert wurde. Noch im selben Jahr wechselte er als Außenminister nach Bonn und wurde wenige Jahre später Bundeskanzler.

Die heutige, oft russlandkritische Medienberichterstattung lässt bei dieser Geschichte einen Déjà-vu-Effekt aufkommen. Ein Ausschnitt von Brandts Ansprache ist auf YouTube verfügbar. Der Rechteinhaber des Mitschnitts, der öffentlich-rechtliche *RBB*, habe die Nutzung des Materials für die Ausstellung jedoch verweigert, so Hufen – er verlas den Versammelten die in Kanzleideutsch verfasste Absage ohne Begründung.

Ob deutsche Medien zum 60. Jahrestag an dieses bedeutende Ereignis der Berliner Geschichte erinnern werden, ist ungewiss. In Russland ehrt ein Denkmal in Rostow am Don, dem Geburtsort von Hauptmann Kapustin, die Helden des Stößensees. Im Russischen Haus in Berlin ist ihnen nun für mehrere Wochen eine Ausstellung mit Fotos, Zeitungsausschnitten und Informationen zur Nachwirkung ihrer Tat gewidmet.

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