Westalgie: Warum die BRD heute als “goldene Zeit” verklärt wird

Von Astrid Sigena

In meiner Kindheit dankte ich Gott für das Land meiner Geburt. Was für ein Glück, dachte ich, ausgerechnet am besten aller möglichen Orte und zur besten aller möglichen Zeiten geboren worden zu sein – im Land Beh-Ärr-Deh (so klang für mich der Name dieses Landes).

Dass jenseits der Grenze ebenfalls Deutsche leben könnten, dass Deutschland einst größer gewesen war – wie man mir versicherte –, das konnte ich nicht begreifen. Zu düster waren die Nachrichten, die von dort zu uns in den Westen herüberdrangen. Dort sollten Menschen leben, die zu uns gehören? Unmöglich! Noch sagenumwobener erschienen mir nur die verlorenen deutschen Ostgebiete. Wie Vineta oder das versunkene Atlantis.

Ich hätte es mir niemals vorstellen können, dass auch mein Land Beh-Ärr-Deh verschwinden könnte. Aber genau das ist geschehen. Auch wenn der Staat, in dem ich lebe, immer noch dieses Kürzel trägt: Die gute, alte BRD ist in den Bereich des Mythischen entschwunden.

Der Psychologe und Leiter des Kölner Rheingold-Instituts, Stephan Grünwald, erklärt das Phänomen der derzeit aufflammenden “Westalgie”, also der Sehnsucht nach der Bonner Republik, folgendermaßen: Für viele Westdeutsche sei die alte Bundesrepublik “das verlorene Auenland, eine Insel des kleinen Wohlstands und der Stabilität”. Die BRD als Land der Hobbits, kleiner Leute, die ein ruhiges Leben und gutes Essen bevorzugen, zur Leibesfülle neigen, handwerklich geschickt und denkbar unkriegerisch sind? Diese Beschreibung dürfte auf das Selbstbild der Westdeutschen in der Vor-Wende-Zeit durchaus gepasst haben.

Die Wende war die Zeit der Busreisen aus dem Westen in die DDR. Auch wir fuhren, um uns vor den sichtbaren Verwüstungen des Sozialismus zu gruseln. Selbst die Akne des jugendlichen Kellners in der Gaststätte führte ich auf die Folgen des Kommunismus zurück. Schon wir Kinder stellten die Arbeitsmoral der bald als “Ossis” Titulierten infrage. Die Erwachsenen fühlten sich nicht nur wirtschaftlich, sondern spätestens, als das volle Ausmaß der Stasi-Überwachung und die Massengräber des Stalinismus ans Licht kamen, auch moralisch überlegen.

Für uns Westdeutsche, da waren wir sicher, würde sich mit der Wiedervereinigung nichts ändern. Oder doch: Wir Deutschen würden mit vereinten Kräften noch mächtiger und stärker werden. Und zunächst sah es – trotz der wirtschaftlichen Schwäche Mitte und Ende der 90er-Jahre auch im Westen – ganz danach aus, als behielten wir Recht. Anpassen mussten sich nur die “Ossis”.

Angesichts unserer damaligen westdeutschen Überheblichkeit kann ich die kaum versteckte Häme gut nachvollziehen, die uns Westdeutsche nun trifft, da wir uns in Zeiten der Verwerfungen selbst nach den klaren Verhältnissen von einst sehnen. Zu oft wurde Ostdeutschen vorgeworfen, sie verherrlichten das DDR-Regime, wenn sie in Kindheitserinnerungen schwelgten. Von den Unterstellungen, sie kämen mit Freiheit und Demokratie nicht zurecht, ganz zu schweigen.

Diese Häme, die sarkastisch den Spieß umdreht und dieselben Schlagworte nun gegen die “Wessis” richtet, zeigt sich etwa auf der Website des Jenensers André Gutwirth. Er definiert “Westalgie” folgendermaßen: “Westalgie bezeichnet die zunehmend kritisch betrachtete Unfähigkeit oder aktive Verweigerungshaltung von Menschen aus den alten Bundesländern, sich an gesellschaftliche oder strukturelle Veränderungen anzupassen. Im Gegensatz zur Ostalgie steht der Begriff für eine fehlende Wandlungsbereitschaft und -fähigkeit, die sich bis hin zur bewussten Blockade von Wandel erstreckt.”

Eine Spur Schadenfreude ist auch in der Diagnose der aus dem Beitrittsgebiet stammenden Historikerin Katja Hoyer zu spüren: “Ganz im Gegensatz zur Erfahrung der Ostdeutschen hat das westdeutsche System ja überdauert. Die Bundesrepublik expandierte 1990 einfach nach Osten, und alles sollte so weitergehen wie bisher. Das hat eine ganze Zeit lang ganz gut funktioniert. Man konnte weiter daran glauben, dass 1949 in Westdeutschland ein System geschaffen worden war, das in alle Ewigkeit Bestand haben würde.”

Die Verklärung der BRD ist nicht nur eine Generationenfrage. Zwar kommen diejenigen, die die alte BRD noch bewusst miterlebt haben, jetzt in ein Alter, in dem man sentimental auf Vergangenes zurückblickt. Kein Wunder, dass sie ins Schwärmen geraten, sobald sie auch nur eine Prilblume sehen. Es ist aber auch kein ganz neues Phänomen. Bereits Anfang der 2010er-Jahre konstatierte der deutsche Journalismus eine “bizarre” Sehnsucht nach dem “goldenen Zeitalter” der Mittelschicht und ein Gefühl des Abstiegs, die Ahnung, dass Deutschland seine besten Zeiten hinter sich habe.

Mit den Vielfachkrisen jetzt, 15 Jahre später, hat sich diese Rückwärtsgewandtheit noch einmal verschärft. Viele Kommentatoren betrachten die “Westalgie” deshalb mit Sorge. Der Publizist Jakob Augstein bemerkt gar “ein verzweifeltes Festhalten an einer Welt, die es nicht mehr gibt”. Und das sei etwas anderes als individuelle Nostalgie, nämlich eine gefährliche Gestrigkeit. Nur: Ein glaubwürdiges Zukunftsversprechen, wie es Ludger Möllers vom Nordkurier einfordert, fehlt.

Die Akzeptanz der alten BRD in der westdeutschen Bevölkerung beruhte auf drei Säulen: Der D-Mark, mit der man bereits in den 50er-Jahren im Ausland wieder wer war, der wirtschaftlichen Stärke und dem Überlegenheitsdünkel des Moralweltmeisters gegenüber dem Rest der Welt. Schließlich konnte uns bei der Aufarbeitung des Holocausts keiner das Wasser reichen (auch wenn in der BRD viele NS-Täter nie, nur spät oder mit unangebrachter Milde zur Rechenschaft gezogen wurden).

Die Aufgabe der D-Mark war die Bedingung François Mitterrands für seine Zustimmung zur deutschen Einheit. Und viele Westdeutsche fragen sich heute insgeheim, ob es das wert war. Spätestens seit der Energiewende wird deutlich, dass auch das BRD-Geschäftsmodell am Ende ist: Die bundesdeutsche Wirtschaft befindet sich auf dem absteigenden Ast – und damit das Ansehen der BRD. Die aufsteigenden Länder des globalen Südens sind immer weniger bereit, die deutsche Moralkeule weiter hinzunehmen. Damit sind die drei Kraftquellen für das westdeutsche Selbstbewusstsein vernichtet oder im Schwinden begriffen.

Viele Krisenkennzeichen waren schon in der alten Bundesrepublik erkennbar, wenn man genau hinschauen wollte. Lange Zeit betrafen die negativen Folgen etwa von Masseneinwanderung und des Strukturwandels mit dem Abbau von Industriearbeitsplätzen jedoch vor allem die Arbeiterklasse. Die westdeutsche Mittelschicht bekam davon noch nichts mit oder profitierte sogar. Mittlerweile kann aber auch sie immer weniger die Augen davor verschließen. Die Krise betrifft nun auch sie. Rückzugsräume ins BRD-“Auenland” gibt es noch, aber sie werden weniger.

Selbstverständlich war die alte BRD nicht das ideale Märchenland, wie es der nostalgische Rückblick imaginiert. Möglich wird diese Nostalgie erst durch die zunehmend totalitären Tendenzen und die düsteren Zukunftsaussichten des heutigen Deutschlands. Dabei wird gerne vergessen, wie sozial ungerecht und ja, auch repressiv die BRD sein konnte. Drei Beispiele dürften genügen.

Die Parteien SPD und CDU/CSU hatten das Land fest im Griff. Wer von den beiden auch immer – sei es abwechselnd oder kontinuierlich – die elf Bundesländer regierte: Stets betrachteten sie die Länder als Pfründe, mit denen sieihre Parteigänger versorgen konnten. Das betraf selbst kleine Stellen wie die eines Hausmeisters oder einer Reinigungskraft im öffentlichen Dienst. Auch Borniertheit war der alten BRD eigen: In “schwarzen” Gegenden galt es lange Zeit als eine Form der Perversion, die SPD zu wählen. Ein Parteienkartell, das heute so nicht mehr möglich ist.

Der BRD war es am liebsten, wenn jeder an seinem ererbten Platz blieb. Arbeiterkinder, die das Abitur anstrebten, mussten sich vor wildfremden Leuten rechtfertigen, warum sie es nicht lieber mit einem Handwerksberuf versuchten. Ohnehin wurden von ihnen Spitzenleistungen erwartet, während die Lehrerschaft bei schwachen Schülern aus Akademikerfamilien schon mal ein Auge zudrückte. Eine Spende an den Förderverein des Gymnasiums half beim schulischen Erfolg ungemein.

Westbindung und NATO-Mitgliedschaft waren für die meisten BRD-Bürger der 80er-Jahre alternativlos. Vergessen war, dass die Gründung der Bundeswehr und ihre Aufrüstung in den 50er-Jahren nur durch die Diffamierung der Friedensbewegung und das Verbot der Oppositionspartei KPD durchgesetzt werden konnten. Auch die Zensur der Adenauer-Ära, die nicht nur freizügige Filmszenen, sondern vor allem Filme aus dem Ostblock sowie US-Streifen betraf, die die NS-Zeit behandelten, war kein Thema mehr. Dabei bekam der westdeutsche Zuschauer manche Streifen erst mit Jahrzehnten Verspätung zu sehen.

Nein, die Repression in der BRD erlangte niemals DDR-Niveau. Und dennoch weist sie einen wichtigen Unterschied auf, der auch heute noch erkennbar ist, wenn es um den Widerstand gegen die besorgniserregenden Tendenzen im heutigen Deutschland geht: Im Gegensatz zu den DDR-Bürgern kauften die meisten Bundesbürger den Regierenden ihre Phrasen ab. Diese Neigung ist auch heute noch feststellbar.

All diese Schattenseiten sind mir heute bewusst. Und dennoch schmerzt es, diese Kritik an der alten Bundesrepublik von anderen zu hören, die sie nicht miterlebt haben. Nein, die Beh-Ärr-Deh, das Land meiner Kindheit, will ich mir nicht madig machen lassen. Auch wenn es dieses sagenumwobene “Auenland” so niemals gegeben hat.

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