Von Wladislaw Sankin und Astrid Sigena
Am 16. März 2026 lud das Berliner Pilecki-Institut unter der Leitung von Hanna Radziejowska zu einer Diskussion über die Zukunft sowjetischer Ehrenmale ein. Als Gäste sprachen die Projektmanagerin Wiktorija Feschak vom Verein Vitsche e. V., die Kunsthistorikerin Jewgeniia Moljar von der TU Berlin sowie Ksenia Malych, Programmdirektorin des Promprylad Art Center und Co-Kuratorin des ukrainischen Pavillons auf der Biennale in Venedig.
Die Veranstaltung reiht sich ein in eine Serie ähnlicher Konferenzen der letzten Monate in Berlin. Den Auftakt bildete ein zweitägiges Forum in der polnischen Botschaft im November mit dem Titel “Echos des Imperiums: Sowjetische Denkmäler und die Maschinerie der Desinformation” – RT DE berichtete. Eine weitere prominent besetzte Debatte fand am 23. Februar im Rahmen des “Cafe Kyiv”-Forums statt: “Sowjetische Kriegsdenkmäler in Berlin: Abreißen oder Erhalten?”. Gemeinsam ist diesen Veranstaltungen das Ziel, die symbolische Kraft sowjetischer Ehrenmale zu dekonstruieren.
Die Diskussion im Pilecki-Institut trug den Titel “Das Imperium schlägt zurück: Sowjetisches Erbe in der Bewaffnung des Gedächtnisses”. Der Vorwurf lautete, Russland instrumentalisiere die sowjetische Erinnerungskultur. Im Verlauf der Debatte wurde jedoch deutlich, dass vielmehr Teile des deutschen Publikums die Monumente als Waffe im Kampf gegen Russland sehen wollen.
Wiktorija Feschak eröffnete die Vortragsreihe (ab 3:58). Sie betonte, Kriegsgräber müssten “mit Würde und Schutz” behandelt werden. Die sowjetischen Denkmäler in Berlin dienten jedoch nicht der Trauer, sondern einer ideologischen Machtpolitik, die Russland als Waffe einsetze. Ihr Verein Vitsche setze sich dafür ein, die “ukrainische Subjektivität” in den Vordergrund zu rücken und die Monumente zu dekolonialisieren. Die Berliner Gedenklandschaft müsse Platz für die zehn Millionen zwischen 1939 und 1945 getöteten Ukrainer finden. Die Erinnerungsarbeit müsse bei den Toten ansetzen und ihre Herkunft aus den verschiedenen Sowjetrepubliken hervorheben.
Feschak befürwortet somit eine Ukrainisierung der Kriegsgräber – eine Herangehensweise, die später auch Jewgeniia Moljar (ab 58:18) unterstützte: Es sei notwendig, die Toten “nicht als rein sowjetische, sondern als multinationale, multikulturelle sowjetische Armee darzustellen”.
Weitere Forderungen Feschaks betrafen eine neue Ausrichtung der Gedenkstätten: Die Funktion der Ehrenmale während der sowjetischen Besatzung sowie “ihre erneute Instrumentalisierung durch das heutige Russland” müssten beleuchtet werden. Die Nachkommen der Opfer einer angeblichen Auslöschung durch “sowjetische Homogenisierung” müssten einbezogen werden, während russische Organisationen in dieser Debatte nicht mehr “als legitime Stimme” anerkannt werden dürften. Die Denkmäler seien als Teil “eines umfassenderen Prozesses der Übergangsjustiz” zu betrachten. Ihr Fazit: “Wenn diese Denkmäler in Berlin weiterhin stehen bleiben, dürfen sie in ihrer Bedeutung nicht unangetastet bleiben.” Sie müssten symbolisch entwaffnet werden. Wie sich später herausstellte (ab 1:25:30), plant Vitsche eine Petition, “um die Gedenkstätten neu zu kontextualisieren”.
Die Kunsthistorikerin Jewgeniia Moljar berichtete über ihre Forschung (ab 15:12) und wies darauf hin (ab 20:52), dass sowohl das Tiergarten-Denkmal als auch das Ehrenmal im Treptower Park von Künstlern geschaffen wurden, die auf dem Gebiet der heutigen Ukraine geboren wurden. Gemeint waren die Bildhauer Lew Kerbel, Wladimir Zigal (Tiergarten) und Alexander Wutetschitsch (Treptower Park). Moljar warnte davor, die Denkmäler einfach zu zerstören, da ihre physische Entfernung nicht zwangsläufig zu einer Neutralisierung im öffentlichen Gedächtnis führe. Stattdessen plädierte sie dafür, “sowjetisch” nicht mit “russisch” gleichzusetzen, da die Sowjetunion ein multinationales Phänomen gewesen sei. “Dekolonialisierung” müsse folglich “Wiederaneignung” des Erbes bedeuten.
Als künstlerische Umgangsformen mit den Monumenten nannte Moljar unter anderem Sexualisierung und Ironisierung (ab 30:28). Humor und Ironie seien wirksame Mittel, um etwas zu entheiligen und neu zu konstruieren. Sie erwähnte die Gruppe L’Urine Rouge, die 2022 einem Gedenk-Obelisken ein riesiges Kondom überzog, sowie die Fotografien der Gruppe Ero Heroes, die sexualisierte Bilder von sowjetischen Mahnmalen zeigen. Lobend erwähnte sie auch das Projekt eines venezolanischen Künstlers, der das Denkmal im Tiergarten mit Sandsäcken umhüllen wollte – ein Vorschlag, den die Berliner Behörden ablehnten.
Ksenia Malych (ab 33:57) lehnte ebenfalls eine pauschale Zerstörung der sowjetischen Relikte ab. Als Co-Kuratorin des ukrainischen Pavillons auf der Biennale in Venedig stellte sie vor allem das Kunstprojekt “Security Guarantees” mit dem “Origami Deer” aus Pokrowsk vor (RT DE berichtete).
Die Beiträge der ukrainischen Diskutantinnen offenbarten einen inneren Widerspruch, den eine Zuhörerin (offenbar selbst Ukrainerin) ansprach (ab 1:11:20): “Einerseits haben wir dieses sowjetische Erbe, aber wir wollen es nicht vollständig annehmen. Wir wollen uns Teile davon aussuchen und für manche Dinge verantwortlich sein, für andere aber nicht.” Diese Kritik traf den Kern: Wenn man die Autorenschaft ukrainischer Künstler betont und die Gräber der Gefallenen nationalisieren will, kann man nicht gleichzeitig von einer notwendigen Dekolonialisierung mit der Ukraine als hilflosem Opfer sprechen.
Moljar selbst äußerte schließlich Zweifel am ukrainischen Narrativ (ab 1:34:12): Die Zerstörung sowjetischer Kriegsdenkmäler in der Ukraine sei “brutal sowie vandalistisch” verlaufen und habe unter dem Motto “Raus mit den russischen Soldaten aus der Ukraine” gestanden. Die Vandalen hätten die toten Rotarmisten als “russische Soldaten” bezeichnet, “obwohl auf jedem Denkmal die Namen der Einheimischen standen, die im Zweiten Weltkrieg ums Leben gekommen waren”, “Ukrainer, die in diesen Dörfern lebten”. Dennoch seien diese Denkmäler zerstört worden – ein großer Widerspruch der ukrainischen Dekommunisierung.
Radikaler als die ukrainischen Gäste zeigte sich jedoch das deutsche Publikum. Dessen Äußerungen wurden durchweg mit Applaus bedacht. Eine Zuhörerin (ab 1:06:40) beklagte, die Diskussion drehe sich nur um Berlin: “Aber wenn man sich einfach mal in den ostdeutschen Bundesländern umschaut, sieht es aus, als gäbe es überall sowjetische Friedhöfe, vor allem hier in Brandenburg.” Bei ihr stehe “ein riesiges sowjetisches Denkmal” – “geradezu lächerlich groß”. Es störe sie, dass der russische Botschafter dorthin fahre. Man müsse “in jede kleine Stadt fahren” und “etwas mit diesen Denkmälern oder diesen Friedhöfen machen”.
Eine 55-jährige Berlinerin und Memorial-Mitarbeiterin forderte ebenfalls entschlossenes Handeln (ab 1:21:55). Die Deutschen sollten nicht immer jammern: “Wir können nichts tun wegen der Vier-plus-zwei-Verhandlungen!” Nach dem Vorbild der Friedensnobelpreisträgerin Alexandra Matwejtschuk brauche es mehr “intellektuellen Mut”. Die junge Generation solle sich nicht durch Verträge die Hände binden lassen.
Ein Mann namens Marek (ab 1:26:19) setzte die sowjetischen Mahnmale mit nationalsozialistischen Symbolen gleich: Man solle deutsche Experten fragen, “wie sie mit den Symbolen ihres eigenen totalitären Systems umgegangen” seien. Er glaube nicht, dass es noch Nazi-Symbole auf den Gräbern deutscher Soldaten gebe. Vielleicht könne man also “die anderen totalitären Symbole von den Gräbern anderer Soldaten entfernen”.
Die Veranstaltung im Pilecki-Institut machte deutlich: Ein radikaler Teil der deutschen Gesellschaft will die sowjetischen Mahnmale endgültig beseitigen und verliert die Geduld. Die Frage ist, ob die deutschen Behörden bereit sind, offen gegen den Zwei-plus-Vier-Vertrag zu verstoßen. Letztlich droht auch Gefahr von radikalisierten Einzeltätern. Es ist vielleicht kein Zufall, dass kürzlich eine Biografie über den “Panzersprenger von Karl-Marx-Stadt” erschienen ist.
Entweihung der Denkmäler ist ein Vorzeichen des Krieges
Was geschichtsrevisionistische Wut anrichten kann, lässt sich in der Ukraine, in Polen und im Baltikum beobachten. Die Ukraine hat sich bereits in ein Kriegsgebiet verwandelt. Die barbarische Zerstörung des Lenin-Denkmals in Kiew Ende 2013 öffnete die Pforten für weitere Gewalt und ebnete den Weg zum blutigen Staatsstreich und Bürgerkrieg im Osten des Landes. In den Folgejahren wurden Tausende weitere Denkmäler zerstört und Gedenkorte geschändet. Heute ist die Ukraine eine Erinnerungswüste – und eine Landschaft des Krieges. Auch Polen und das Baltikum verwandeln sich aus einer Zone des Erinnerungskrieges in ein Gebiet möglicher kinetischer Konflikte.
Auch für Deutschland ist die vorgeschlagene “Umwidmung” alles andere als harmlos. Sollten die Ehrenmale als stumme Zeugen der Zeit einmal ihres Kontextes und ihrer ursprünglichen Bedeutung beraubt werden, gibt es kein Zurück mehr. Eine einzige vermeintliche “Kunstaktion”, die ein Ehrenmal entweiht, kann zum Einfallstor für Manipulationen jeglicher Art und darauffolgende Verwahrlosung werden – was dann als Grund für einen Abriss “aus Sicherheitsgründen” dient.
Außerdem bergen diese Versuche ein erhebliches Spaltungspotenzial für die deutsche Gesellschaft. Denn die Ehrenmale werden von vielen Deutschen sowie von Menschen aus Russland, anderen GUS-Staaten und auch aus der Ukraine selbstverständlich vor Angriffen geschützt. So wird deutscher Boden zum Feld eines künstlich geschaffenen Kulturkampfes. Die Tatsache, dass das offizielle Berlin an der Kriegserinnerung rüttelt, wird in Russland zwangsläufig als das interpretiert, was es höchstwahrscheinlich ist: ein neonazistisch inspiriertes, revanchistisches Treiben, dessen Ideen aus der banderistischen Ukraine importiert wurden. Dass dies keinen weiteren Krieg verhindert, sondern heraufbeschwört, liegt auf der Hand.
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