Boris Pfeiffer: Lebensgefährtin klagt an – “Polizei hat ihn im Stich gelassen!

Von Wladislaw Sankin

Die Gemeinde Wandlitz liegt nur wenige Kilometer nördlich der Berliner Stadtgrenze, eingebettet in ein Erholungsgebiet. Während der DDR-Zeit war der Ort für seine abgeschirmte Waldsiedlung bekannt, in der die Führungseliten des Landes residierten. Heute ist Wandlitz für viele auch ein Symbol für die umstrittenen Polizeieinsätze während der Corona-Maßnahmen.

Rückblickend war der 24. Januar 2022 ein Schlüsseldatum. Im Rahmen der sogenannten Montagsdemonstrationen fand eine der größten maßnahmenkritischen Aktionen der späteren Pandemiephase statt. Bundesweit wurden etwa 1.600 Demonstrationen mit rund 370.000 Teilnehmern gezählt. Genau einen Monat später, mit Beginn der Militäroperation Russlands in der Ukraine, traten die Pandemie und die Proteste dagegen abrupt in den Hintergrund.

In Wandlitz versammelten sich damals etwa 200 Menschen am Ufer des Wandlitzsees. Die Polizei sperrte den Bereich ab und forderte wahllos Personalien von den Demonstranten. Augenzeugen berichteten von einem äußerst rabiaten Vorgehen der Beamten, das auch nicht vor Kindern oder Menschen mit Behinderung Halt gemacht habe. Unter den Anwesenden befanden sich der 53-jährige Musiker Boris Pfeiffer und seine Lebensgefährtin Helena.

Pfeiffer war kein Unbekannter. 26 Jahre lang war er Mitglied der erfolgreichen Mittelalter-Rockband “In Extremo”, wo er in der “mittelalterlichen Abteilung” seltene Instrumente wie Dudelsack, Schalmei und Nyckelharpa spielte. Die Band füllte jahrelang Stadien. 2015 war Pfeiffer sogar Protagonist einer WDR-Dokumentation zum 20-jährigen Bandjubiläum.

Mitten in der Pandemie, im Juli 2021, trennten sich seine Wege von der Band, da er sich weigerte, sich für die Fortsetzung der Konzerttätigkeit impfen zu lassen. Er wurde zu einer festen Größe in der maßnahmenkritischen Szene. Der 24. Januar 2022 sollte für ihn, seine Partnerin und ihre beiden Kinder ein tragisches Ende nehmen: Kurz nach einer Auseinandersetzung mit der Polizei während der Montagsdemo brach der Musiker zusammen und starb später im Krankenhaus an einem Herzinfarkt.

Die Schilderungen des Vorfalls durch die Behörden und durch Augenzeugen klaffen weit auseinander. Laut einer Polizeimeldung habe Pfeiffer versucht, eine Polizeikette zu durchbrechen, sei gestoppt und seine Personalien seien aufgenommen worden. Anschließend habe er seinen Weg fortsetzen können. Kurz darauf sei er auf dem Weg zu seinem Auto zusammengebrochen. Polizeibeamte hätten Erste Hilfe geleistet, so die offizielle Darstellung.

Seit diesem Todestag ist das Datum im Gedächtnis der Gemeinde verankert. Jährlich am 24. Januar gedenken Menschen in Wandlitz des Musikers mit einer Kundgebung, Musik und einem Schweigemarsch zum Ort des Geschehens. So auch am vergangenen Samstag. Die Auftaktkundgebung fand am zugefrorenen Wandlitzsee statt. Nach einem kurzen Konzert des Liedermachers Estéban Cortez ergriff Helena, die Lebensgefährtin des Verstorbenen, das Wort. Sie schilderte die Ereignisse erneut und erhob schwere Vorwürfe.

“Er war ohnmächtig, seine Arme krampften und er rang nach Luft. Zehn Minuten lang weigerte sich die Polizei, einen Notruf abzusetzen, Erste-Hilfe-Maßnahmen zu ergreifen oder sonst Hilfe zu holen. Die Erstretter, die dann kamen, brauchten weitere vier Minuten, um Erste Hilfe zu leisten. Der Notarzt kam 25 Minuten später.”

Die offizielle Gegendarstellung der Polizei bezeichnete sie als “höhnisch”. Der beamte, der mit Boris gesprochen habe, habe keinen Finger gerührt, ihn stattdessen zweimal auf die Brust gestoßen und mit rechtlichen Konsequenzen gedroht. Diese Schilderung deckt sich mit Aussagen anderer Augenzeugen. “Die Polizei hat viel gelogen”, sagte ein weiterer Teilnehmer. Die Stöße auf die Brust könnten den Kollaps ausgelöst haben. Jede Aufklärung sei im Nachhinein sabotiert worden.

Helena berichtete, dass ihre Anzeige gegen die Polizei wegen unterlassener Hilfeleistung von der Staatsanwaltschaft abgewiesen wurde, ebenso wie die Beschwerde bei der Oberstaatsanwaltschaft. Laut Einsatztagebuch habe die Polizei keinen Notruf getätigt. Die Darstellung, ein Polizist habe den Zusammenbrechenden gestützt, sei unwahr. Sich als Retter darzustellen, sei reine Verhöhnung.

Weitere Redner auf der Kundgebung forderten eine Aufarbeitung – nicht nur des Polizeieinsatzes vom Januar vor vier Jahren, sondern des gesamten “Corona-Komplexes”. Der staatliche Eingriff in Grundrechte dürfe nicht in Vergessenheit geraten.

Nach der Kundgebung zog ein Schweigemarsch mit etwa 160 Teilnehmern, begleitet von Trommelklängen, durch die Straßen Wandlitz’ zum Ort des Zusammenbruchs. Dieser Platz wurde für den Tag symbolisch in “Boris-Pfeiffer-Platz” umbenannt. An einer Laterne hingen Plakate mit Fotos des Musikers. Die Trauernden richteten eine improvisierte Gedenkstätte mit Dutzenden Kerzen ein. Ein Trompeter verlieh der ergreifenden Zeremonie mit Leonard Cohens “Hallelujah” und Frank Sinatras “My Way” eine besondere Stimmung.

Dass die Vorwürfe der Lebensgefährtin ein juristisches Nachspiel haben werden, ist unwahrscheinlich. Für die Staatsmacht ist der Fall abgeschlossen. Die Sicht der Betroffenen gilt aus deren Perspektive als “Einzelmeinung”. Helena und ihren Mitstreitern bleibt somit vorerst nur der jährliche Gang zur Gedenkkundgebung, um an den Verlust zu erinnern und ihrer Kritik an der, wie sie es nennen, “Arroganz der Macht” Ausdruck zu verleihen – selbstverständlich unter polizeilicher Beobachtung.

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