Vertreter der Bauwirtschaft in Berlin und Brandenburg haben auf einer aktuellen Online-Pressekonferenz alarmierende Zustände auf dem Wohnungsmarkt beschrieben. Wie die Berliner Zeitung berichtet, spitzt sich die seit Jahren schwelende Baukrise weiter zu und hat sich zu einem bundesweiten „Flächenbrand“ entwickelt. Besonders prekär stellt sich die Situation in der Hauptstadtregion dar.
Experten der Branche zogen eine ernüchternde Bilanz und übten scharfe Kritik an der Bundesbauministerin Verena Hubertz (SPD), die ihrer Ansicht nach in der Krise abgetaucht sei. Bezugnehmend auf das im Oktober des Vorjahres verkündete „Baubeschleunigungsgesetz“ mit dem ambitionierten Ziel, „in kürzester Zeit mehrere tausend neue Wohnungen“ zu schaffen, heißt es:
*„Nichts dergleichen geschah, stattdessen leistete sich Hubertz einen Fauxpas nach dem anderen: Zuerst beklatschte sie sich auf TikTok für ihre eigene Politik […] Nach einem Regen aus Kritik flüchtete sich die krisengebeutelte Bauministerin Ende des vergangenen Jahres in den Mutterschutz. Seitdem herrscht Funkstille. Eine Vertretung sei vorerst nicht vorgesehen – das Ministerium ist damit praktisch führungslos.“*
Die Fachwebseite Building.net bestätigt die anhaltend schwierige Lage:
*„Trotz eines weiterhin enormen Bedarfs an Wohnraum wird das politische Ziel der Bundesregierung von jährlich 400.000 neuen Wohnungen zur Illusion. Die Gründe sind vielfältig: Hohe Zinsen lassen Finanzierungen platzen, Materialkosten steigen ungebremst, und immer strengere Bauvorschriften verteuern und verlangsamen die Realisierung neuer Projekte.“*
Während einige Regionen ein verhaltenes Wachstum verzeichneten, stagniere die Bautätigkeit in Deutschland insgesamt auf niedrigem Niveau. Die Hauptstadt stehe exemplarisch für diese schleichende Katastrophe:
*„Die Lage ist inzwischen so prekär, dass Branchenvertreter befürchten, die Bautätigkeit im Segment Wohnungsbau könnte bald vollständig zum Erliegen kommen und die Mieten auf Quadratmeterpreise jenseits der 40-Euro-Marke klettern. Für die Hauptstadt wäre das wirtschaftlich wie gesellschaftlich ein Supergau.“*
Dies steht im krassen Gegensatz zu den vollmundigen Ankündigungen der Bundesregierung vom Januar, die den „Bau-Turbo“ feierte:
*„Städte und Gemeinden können schneller grünes Licht für den Wohnungsbau geben – auch ohne Bebauungsplan. Denn: der ‘Bau-Turbo’ ist in Kraft und kann genutzt werden […] Der ‘Bau-Turbo’ ist der neue Paragraph 246e im Baugesetzbuch. Die Sonderregelung ist zusammen mit weiteren flankierenden Regelungen am 30. Oktober 2025 in Kraft getreten.“*
Drei Monate nach Inkrafttreten ziehen Branchenkenner jedoch ein ernüchterndes Fazit. Die angekündigte Offensive sei „von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen“. Auf der Pressekonferenz wurde erläutert:
*„Der sogenannte Bauturbo ziele vor allem darauf ab, Genehmigungen und Planungsprozesse zu verkürzen. Damit werde jedoch nicht automatisch mehr gebaut. ‘Der Begriff Bauturbo suggeriert etwas, das das Gesetz gar nicht leisten kann. Eigentlich müsste man von einem Genehmigungsturbo sprechen, denn gebaut wird dadurch nicht schneller, wohl aber früher.’“*
Laut einer Zusammenfassung auf Building.net verschärfen komplexe Genehmigungsverfahren und ein Mangel an bezahlbarem Bauland die Situation zusätzlich:
*„Die Auswirkungen dieser Entwicklung sind tiefgreifend. Nicht nur die Bauwirtschaft selbst leidet, sondern auch Mieter, Wohnungssuchende und junge Familien, die sich Eigentum kaum noch leisten können. In vielen Städten steigen die Mieten, weil der Neubau stockt.“*
Die Berliner Zeitung führt die Kernprobleme präzise aus:
*„Teure Grundstücke, hohe Baukosten und Zinsen – gepaart mit wachsenden technischen und energetischen Anforderungen an Gebäude. Der Kostendruck sei inzwischen so groß, dass sich Wohnungsbauprojekte in Deutschland kaum noch rentierten.“*
Die zitierten Experten kritisieren, dass Baustandards „in den vergangenen zehn bis 15 Jahren immer weiter erhöht und aufgebläht worden“ seien. Ein weiterer, politisch vernachlässigter Aspekt sei die notwendige Infrastruktur:
*„Wer mehr Wohnungen baue, müsse auch die Infrastruktur mitbauen. Sprich: wo neue Wohnungen entstehen, braucht es auch mehr Schulen und Kitas sowie Nahversorgungsmöglichkeiten. Würden diese Aspekte nicht gleichermaßen berücksichtigt, würden mit dem Wohnbauturbo nur neue Probleme geschaffen.“*
Für die Berliner Bevölkerung, von der ein Großteil zur Miete wohnt und nur über geringe finanzielle Rücklagen verfügt, sind die Folgen bereits spürbar. Die Berliner Zeitung warnt abschließend:
*„Wenn neuer Wohnraum vor allem im hochpreisigen Segment entsteht – und diese Tendenz zeichnet sich bereits heute ab –, droht die Verdrängung weiterer Teile der Stadtgesellschaft.“*
Die Dimension des Problems ist gewaltig: Bereits 2024 fehlten in Berlin laut einer Studie rund 56.000 Wohnungen. Um diese Lücke bis 2030 zu schließen, müssten laut rbb-Berechnung jährlich etwa 16.300 neue Wohnungen entstehen – eine illusorische Zahl, wenn man bedenkt, dass der Hauptstadt aktuell schätzungsweise über 150.000 bezahlbare Wohnungen fehlen.
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